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SCHWERPUNKT:

15 Mal Zukunft der Bibliothek
Experten blicken nach vorn: Prognosen, Ideen, Visionen

Über die Zukunft lässt sich trefflich spekulieren. Buchbranche und Bibliothekswesen wähnten sich in ihrer Historie schon häufig am Abgrund angelangt – und verkündeten andererseits auch immer wieder selbstbewusst die eigene führende Rolle im Herzen der Gesellschaft. Auch die elektronischen Medien werfen existenzielle Fragen auf: Werden Bibliotheken in der Zukunft zu den wichtigsten Akteuren im digitalen Markt gehören? Oder wird letztlich doch mit der Massendigitalisierung ihr Ende eingeläutet? Zukunftsfragen haben Brisanz, das zeigen die Kommentare von Persönlichkeiten aus der Bibliotheksszene, von Praktikern, Beobachtern und Programmatikern, die für BuB ihre Ideen, Visionen und Prognosen aufgeschrieben haben.

Frank Simon-Ritz
Bibliotheksgesetz rückt in greifbare Nähe
Thüringen prescht vor und nimmt locker die erste Hürde

Die Zukunft der Bibliotheken in Deutschland wird nicht zuletzt davon abhängen, inwieweit es gelingt, Bibliotheken strategisch zu verankern – in der Gesellschaft, vor allem aber in Gesetzen. Seit Jahren kämpfen die Bibliothekare deshalb für ein verbindliches Bibliotheksgesetz, in Thüringen könnte der Traum nun wahr werden. In einer Landtagsdebatte haben sich überraschend alle Parteien hinter einen entsprechenden Gesetzesentwurf gestellt und ihn an die zuständigen Ausschüsse zur Beratung überwiesen. Frank Simon-Ritz beschreibt den aktuellen Stand des Projekts, das für andere Bundesländer zum Vorbild werden könnte.

Meinhard Motzko
Abschied von der Lebenslüge der »Bibliothek für alle«
Bildungsarmut, Mobilitätsverlust, Multi-Kulti-Gesellschaft: Die Zukunft erfordert völlig neue Strategien

Öffentliche Bibliotheken ignorieren die gesellschaftliche Realität, indem sie vor allem die bildungsorientierte, bürgerliche Mittelschicht ansprechen, kritisiert der Bremer Sozialwissenschaftler Meinhard Motzko. In der Sozialforschung spricht man längst von neuen sozialen Milieus und teilt Gesellschaftsgruppen zum Beispiel in »Moderne Performer«, in »Traditionsverwurzelte« und »Konsum-Materialisten« ein. Auch BibliothekarInnen sollten solche Modelle endlich aufgreifen, empfiehlt Motzko. Dazu kommt der demografische Wandel: Die Bevölkerung wird älter, multikultureller und sie schrumpft. Die Bibliotheken dürften diese Tatsachen nicht länger ausblenden, wenn sie zukunftsfähig bleiben wollen. In der Konsequenz müsste das zu manch ungewohnter Entscheidung führen, etwa bei der Personalauswahl. Plakativ gesagt: Die tätowierte Bibliothekarin mit Zungenpiercing hat einen engeren Draht zu manchen Teenagern, der türkischstämmige Bibliothekar weiß besser, wie er seine Landsleute zum Lesen bewegt. Und manch ein »Traditionsverwurzelter« dürfte lieber einen Volksliederabend besuchen als eine Lesung moderner Lyrik.

Wolfgang Tiedtke
Per Mausklick durch die Bücherhalle
Hamburger Pläne und Visionen zu E-Medien, Online-Lernen und der Filiale in Second Life

Was wollen die Nutzer von morgen von den Öffentlichen Bibliotheken? Aktuelle Analysen wie die Online-Studien der Rundfunkanstalten ARD und ZDF zeigen, dass die heute 13- bis 20-Jährigen ganz andere Medien bevorzugen als die Jugendlichen noch vor wenigen Jahren. Weblogs, Spielkonsolen und Portale wie YouTube haben das Mediennutzungsverhalten beeinflusst. Wolfgang Tiedtke, Leiter der Portal-Abteilung der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen, plädiert dafür, die »neuen Medien« in Zukunft noch ausdrücklicher auf der Agenda zu platzieren und auch eine virtuelle 3-D-Bibliotheks-Filale in Angriff zu nehmen – zum Beispiel auf der Plattform Second Life. Im Folgenden erläutert er auch die aktuellen Netz-Projekte im Hamburger System, wie Chatbot-Auskunft und »DiViBib«, und zieht eine vorläufige Bilanz.

Jens Ilg
Bibliothekare in Delphi
Zukunfts-Diskurs zwischen Prognose, Selbstermutigung und Utopie

In der bibliothekarischen Fachdiskussion gibt es immer wieder Beschreibungen und Aussagen zu Bedingungen und Gestalt einer zukünftigen Bibliothek. Wer die Diskussion inhaltlich erschließen und aus ihr Schlüsse ziehen will, muss allerdings auf einige Hindernisse gefasst sein; zum Beispiel bleibt häufig der Status der Aussagen völlig unklar. Handelt es sich um eine wissenschaftlich erhärtete Prognose, eine Empfehlung, einen Diskussionsanstoß, eine Vision oder eher um eine Selbstermutigung? Bei genauerer Betrachtung lassen sich vier Typen von Bibliotheks-Zukunftsbeschreibungen unterscheiden: Prognosen, Szenarien, Ideale und Utopien. Jens Ilg hat sie in seiner Masterarbeit an der Humboldt-Universität zu Berlin genauer unter die Lupe genommen und die Ergebnisse für BuB zusammengefasst.

Wo man Gespräche ausleihen kann
»Lebende Bücher in der Bibliothek« in Berlin Marzahn-Hellersdorf

Die Öffentliche Bibliothek der Zukunft braucht ein ganz neues dialogisches Element, um zum sozialen Begegnungsraum zu werden. Öffentliche, frei verfügbare Räume gewinnen in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts an Bedeutung. Gemeint sind die raren Orte in Stadt und Kommune, an denen Menschen sich ohne Konsumzwang aufhalten und ideologie- und konfessionsunabhängig in Dialog treten können. So wie in dem Projekt »Lebende Bücher in der Bibliothek«1, das die Mark-Twain-Bibliothek im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf anlässlich des Welttag des Buches ausprobiert hat – und mit vielen Besuchern, einem großen Medienecho und einem Grußwort vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit belohnt wurde.

Erik Friedling, Martin Götz, Claudio Schmidt
Spaziergang durch die gedachte Bibliothek
Computeranimierte 3-D-Modelle visualisieren Räume, die in Zukunft real werden sollen

3-D-Modelle helfen bei der Gestaltung eines Architekturmodells. Die geplanten Räume können mithilfe der computeranimierten Visualisierung zunächst umfänglich ausgestattet und dekoriert werden – und dann kann auch schon die erste »Kamerafahrt« durch das Gebäude beginnen. Alle Räume lassen sich jetzt aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, Licht- und Materialvariationen können simuliert werden. An der Stuttgarter Hochschule der Medien (HdM) wird zurzeit ein Bibliotheksneubau geplant, um darin eines Tages die auf zwei Standorte verteilte Hochschulbibliothek zusammenzuführen. Für den Neubau gibt es schon Zeichnungen und Modelle – und sogar ein computeranimiertes 3-D-Modell, mithilfe dessen man virtuell durch die Räume von morgen schlendern kann.

Margaret Parks, Heinz-Konrad Reith
Die Uni-Bibliothek, dein Freund und Helfer
Studierenden-Unterstützungs-Systeme nach US-amerikanischem Vorbild als Zukunftsmodell

In Deutschland sehen die Studierenden die Universitäts- und Hochschulbibliothek oftmals lediglich als Buchverwahr- und Verleiheinrichtung. In den USA dagegen ist sie »das Herz der Universität« – nicht zuletzt durch die dort angesiedelten Services der Studierenden-Unterstützungssysteme der Hochschule. In den »Student-Support-Services« laufen alle Fäden zusammen: von Orientierungswochen und Schulungen bis Praktikavermittlung und Hilfe bei der Wohnungs- und Jobsuche. Margaret Parks und Heinz-Konrad Reith empfehlen den Universitäts- und Hochschulbibliotheken, sich mit solchen Systemen in Zukunft einen prominenten Platz im Zentrum des Campuslebens zu sichern und bieten mit ihrem Projektteam Hilfe bei der Enwicklung und Implementierung solcher Services an.

 

 

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