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SCHWERPUNKT:

Olaf Eigenbrodt
Zwischen Technikangst und Technikeuphorie
Wie wir die digitalen Medien in unsere Lebenswelt integrieren

Die digitale Technik spaltet die Gesellschaft psychologisch in zwei Lager. Das Alltagsleben wird zunehmend durchdrungen von digitalen Medien, aber mindestens unterschwellig sind die Haltungen gegenüber den »Maschinenwesen« polarisiert. Auf der einen Seite sind Ängste und starke Skepsis wahrnehmbar, andererseits triumphieren Technolust und Technikeuphorie. Es lohnt sich, die Heilserwartungen und Untergangsszenarien zu hinterfragen, nicht zuletzt machen sie deutlich, wie fundamental die Erwartungen an die »digitale Revolution« auseinanderdriften. Der Berliner Wissenschaftler Olaf Eigenbrodt, zu dessen Forschungsinteressen Fragen der Bibliothekssoziologie gehören, zeigt in seinem Beitrag anhand historischer und aktueller Befunde auf, wie solche gesellschaftspsychologischen Spaltungen entstehen und wozu sie dienen können: In beiden Haltungen steckt Potenzial, um neue Technik sinnvoll in die Lebenswelt zu integrieren.

Uwe Jochum
Das Mediendesaster
Wie der Computer das Buch verdrängt und zum riskanten Totalmedium wird

Zu Recht ist das Buch ein kulturelles Leitmedium. Die Pointe des geschriebenen Wortes liegt darin, daß es vom Menschen les- und verstehbar ist. Ganz anders die digitalen Medien: Der Preis, der für die Zeichenreduktion auf Null und Eins zu zahlen ist, liegt darin, daß der Mensch selber nichts mehr versteht. Erst eine technische Zwischenschicht, die zwischen ihn und das Medium geschoben wird, sorgt dafür, daß die Zeichen überhaupt erkannt und dekodiert werden können. Das heißt also: Wir haben uns selbst mit einem digitalen Totalmedium konfrontiert, das seine Totalität dadurch erreicht, daß es den Sprachbezug der Zeichen aufkündigt. Diese Tatsache ist nur einer der Befunde in einem großen Mediendesaster, das der Konstanzer Wissenschaftler Uwe Jochum skizziert. Das Tückischste an den Bildschirmmedien ist demnach, daß sie einigermaßen gut funktionieren, bis der Mensch eines Tages nur noch in die erloschene Röhre blickt.

Jürgen Plieninger
»Bibliothek 2.0« und digitale Spaltung
Maßgeschneiderte Informationen und individuelle Kataloge dank sozialer Software

Dem »Web 2.0« wird immer wieder nachgesagt, es zersplittere die Öffentlichkeit in viele Teilöffentlichkeiten, welche vom Ganzen nichts mehr wissen (wollen). Wie verhält es sich damit beim Einsatz »sozialer Software«1 in Bibliotheken, gemeinhin mit »Bibliothek 2.0« bezeichnet? Bietet die Integration von Web 2.0-Anwendungen in die Bibliotheksarbeit neue Chancen, Bevölkerungsteile an die Wissensgesellschaft heranzuholen oder trägt sie eher dazu bei, Benachteiligungen und Zugangsbarrieren, den sogenannten »Digital Divide«, zu zementieren? Der Bibliothekar Jürgen Plieninger, der regelmäßig in seiner Kolumne »Blickpunkt Internet« für BuB Themen rund um die neuen Medien praxisnah aufbereitet, beschreibt, wie das Mitmach-Netz die Bibliotheksarbeit verändern kann.

Hans-Dieter Kübler
Statt »Abschalten« ist Kompetenz gefragt
Simpel gestrickte Antworten helfen in der Medienforschung nicht weiter / Neue Studien zeigen differenziertes Bild

Immer wieder schlägt eine simpel gestrickte Medienkritik hohe Wellen in der Presse, ganz besonders dann, wenn mal wieder ein neuer publizistischer Schnellschuss zur desaströsen Wirkung von Fernsehen und Computern auf den Markt geworfen wird. In schöner Regelmäßigkeit trifft die Medienhysterie vor allem in bildungsbürgerlichen Kreisen auf große Resonanz. Da heißt es zum Beispiel gerne, dass Bildschirmmedien Kinder dick, dumm und sexuell frühreif machen, dass Computerspiele Aggressionen hervorrufen und dass das Internet die Welt in unbeherrschbare Risiken treibt. Ganz schön simpel – aber keinesfalls wissenschaftlich fundiert, wie Prof. Hans-Dieter Kübler überzeugt ist. Er stellt im Folgenden anhand einiger Neuerscheinungen detaillierte Fakten zur Mediennutzung vor. Und er zeigt auf, dass fortschrittliche Ansätze schon lange viel mehr danach fragen, was die Nutzer mit den Medien tatsächlich tun, wozu und in welcher Intensität sie diese nutzen, anstatt eine eindimensionale und per se schädliche Wirkung zu unterstellen.

Bernd Schmid-Ruhe
Mit Leichtigkeit zum Plagiat
Herausforderungen an Bibliotheken im Zeitalter der digitalen Wissenschaftskommunikation

Digitale Medien, vor allem das Internet, sind in der Wissenschaftskommunikation zugleich Fluch und Segen. Sie ermöglichen durch simples »Kopieren und Einfügen« einerseits die rasante Ausbreitung von »unethischen Autorschaften« durch Plagiarismus. Gleichzeitig bringen sie die Lösung dieser Problematik selber mit – indem sie nämlich das Auffinden von Plagiaten erheblich erleichtern. Was die digitalen Medien den analogen in Sachen Plagiarismusproblematik voraus haben, ist die neue Leichtigkeit, mit der man sich Texte, Bilder, Quellcodes und Töne zugänglich macht, sie verarbeitet und letztlich auch aneignet. Ganz klar: Das Internet an sich ist dabei nicht weniger ethisch als das gedruckte Wort. Es kommt hier wie dort einfach darauf an, dass man seine Quellen benennt. Bernd Schmid-Ruhe, an der Universitätsbibliothek Konstanz im Bereich Informationskompetenz tätig, beschreibt den täglichen Kampf gegen Plagiate in der Wissenschaft und zeigt auf, was Bibliothekare dagegen tun können.

Andere Themen:

Die Bildung steht im Mittelpunkt
Leipziger Buchmesse erwartet neuen Aussteller- und Besucherrekord

Das Interesse an der Leipziger Buchmesse ist stärker als je zuvor. »Der Anmeldestand sowohl bei den Ausstellern als auch bei der Fläche liegt deutlich über dem des vergleichbaren Vorjahreszeitpunktes«, verkündet Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse, vor dem Start der Großveranstaltung. Zum Frühjahrsereignis der Buch- und Medienbranche werden mehr als 2.300 Aussteller in Leipzig erwartet. Die Zuwächse begründen sich vorrangig durch vermehrte Anmeldungen kleiner und unabhängiger Verlage, besonders aus den Bereichen Belletristik und Sachbuch, aber auch aus dem Gebiet der Kinder- und Jugendliteratur.

Haike Meinhardt
Wie (er)geht es unseren Absolventen?
Neue Verbleibstudie der Fachhochschule Köln / Überwiegend positives Fazit zu Studium und Berufseinstieg

Wohin verschlägt es die Absolventen des Studiengangs »Bibliothekswesen« der Fachhochschule Köln? Wie zufrieden sind sie mit Studium, Berufschancen und ihrer aktuellen Tätigkeit? Eine neue Kölner Verbleibstudie weist darauf hin, dass die Talsohle des Arbeitsmarkts für Bibliothekarinnen und Bibliothekare durchschritten ist – fast 90 Prozent der befragten Absolventen sind nach dem Abschluss berufstätig geworden. Auch ziehen die meisten ein positives Fazit zu Studium und Jobchancen. Doch es gab auch kritische Rückmeldungen: Viele wünschen sich zum Beispiel vertieftere Kenntnisse in Gebieten wie Formalerschließung, EDV und Leitungskompetenz – dieses Manko könnte allerdings bei einigen auch mit selbst gewählten Spezialisierungen auf andere Fächer zu tun haben. Manche Absolventen fühlen sich darüber hinaus im Berufsleben nicht genug gefordert. Und es wird deutlich, dass die Beschäftigungsverhältnisse der Neueinsteiger häufig zunächst befristet sind. Prof. Haike Meinhardt stellt die Ergebnisse der Studie für BuB vor.

Lena Dilger
Wie Opacs die Nutzer zum Regal lenken können
Elektronische Leit- und Orientierungssysteme: Vergleich und Analyse aktueller Beispiele

Häufig befasst sich das Personal an der Auskunftstheke mit Fragen nach dem Standort von Büchern und Sachgruppen. Um die Mitarbeiter zu entlasten und den Benutzern eine bessere Orientierung zu ermöglichen, gibt es inzwischen die Möglichkeit, elektronische Leit- und Orientierungssysteme direkt mit dem Opac zu verknüpfen. Lena Dilger hat in ihrer Bachelorarbeit aktuelle Beispiele in wissenschaftlichen und Öffentlichen Bibliotheken untersucht und verglichen. Sie hat die Ergebnisse für BuB zusammengefasst, gibt zahlreiche Tipps für Interessenten, die ein elektronisches Leitsystem einführen möchten und stellt Komplett-Angebote ausgewählter Bibliotheksdienstleistungsfirmen vor.

Annette Herzog
Ein Monster, das Klavier spielt
Eine Kinderbuchautorin gibt Einblick in die Kreativwerkstatt für traumatisierte Kinder

Die Kinderbuchautorin Annette Herzog reiste auf Einladung des Beiruter Goethe- Instituts in den Libanon, um dort zusammen mit anderen Autorinnen und Autoren kreative Literatur-Workshops für kriegstraumatisierte Kinder zu veranstalten. Mit Laptop, Digitalkamera und mulmigen Gefühlen machte sie sich auf in ein Land, in das sich kaum noch Touristen verirren und arbeitete dort in einer Öffentlichen Bibliothek mit Kindern und Jugendlichen, die eine überraschend lebendige schöpferische Energie entfalteten. Für BuB berichtet Annette Herzog von der kreativen Literaturarbeit, aus der ein Bilderbuch entstanden ist.

Jan-Pieter Barbian
Von der Liebe zum Lesen und zu den Bibliotheken
Eine Rezension – und eine Hommage an Alberto Manguel aus Anlass seines 60. Geburtstags

Wer die legendäre Bibliothek von Alexandria vor Jahrtausenden betrat, wurde mit der Inschrift begrüßt: »Der Ort, an welchem die Seele genesen kann«. Doch nicht nur die Seele, sondern auch der Geist wurde angesprochen. Denn die Bibliothek sollte »Zeugnis ablegen von der verwirrenden Vielfalt des Universums und der verborgenen Ordnung in dieser Vielfalt« (Seite 33). Von solchen philosophischen Vorstellungen sind wir im heutigen Bibliotheksgeschäft leider weit entfernt. Im Alltag regieren begrenzte Finanzmittel, Personalknappheit, ständige Etatkürzungen oder deren Androhung und ein an den »Kundenwünschen« orientierter Bestandsaufbau. Zudem schweben über allen realen Bibliotheken das Internet als scheinbar allwissendes Informationsmedium und die Bereitstellung digitalisierter Texte im Rahmen virtueller Bibliotheken als Damoklesschwerter. In solch finsteren Zeiten tut es gut, wenn ein Autor an das erinnert, was Bibliotheken einmal waren und welchen Sinn für unser Leben sie auch in der Zukunft haben können.

 

 

 

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