Einen wunden Punkt
getroffen haben die Berichte zum Ehrenamt in der letzten Ausgabe von BuB. Ein Gedanke ist manchen zu kurz gekommen: dass das Ideal des bürgerschaftlichen Engagements dort überstrapaziert wird, wo es eigentlich darum gehen soll, Personalkosten
einzusparen.
Die Reaktionen sind der Redaktion wichtig – auf den Seiten 184 und 185 bringen wir sowohl Leserbriefe als auch die Stellungnahme von Susanne Riedel, der Vorsitzenden des Berufsverbandes Information Bibliothek (BIB), und Jörg Sämann, Sprecher der BIB-Kommission für Bibliothekspolitik.
Bezeichnend ist nach unseren Erfahrungen mit dem Thema: Von Problemen hört man fast nur in informellen Gesprächen. Kritische Erfahrungsberichte für die Veröffentlichung zu gewinnen, ist schwierig. Wie das Meinungsbild im Berufsstand insgesamt aussieht, lässt sich schwer einschätzen.
Die ganze Debatte ist auch eine Diskussion um Einkommen und unbezahlte Arbeit. Lässt man den Aspekt der Arbeitsqualität mal völlig außen vor, bleiben noch immer offene Fragen. Eine Leserbriefschreiberin: »Durch eine Tätigkeit, die andere Menschen
direkt oder indirekt um ihren Lebensunterhalt bringt, erwirbt man jedenfalls keine Ehre.«
Die Anhänger der Bürgergesellschaft sollten sich schon dafür interessieren, wie die freiwillig Engagierten ihren Lebensunterhalt bestreiten. Es ist ein wichtiges Ergebnis, dass die meisten Ehrenamtlichen aus etablierten Milieus stammen. Wenn man das Ganze weiterdenkt, könnte man zum Beispiel bei Ideen von einem »bedingungslosen Grundeinkommen« landen.
Einer anderen Kontroverse ist das aktuelle Schwerpunktthema gewidmet. Es geht um Bildschirmmedien, die immer mehr zum Gegenüber werden, im Büro, in der Freizeit, in der Bibliothek.
Das scheint sich reibungslos abzuspielen, unterschwellig jedoch polarisiert die digitale Technik die Gesellschaft in oft unversöhnliche Lager. Sie provoziert Heilserwartungen und Untergangsszenarien – wie der technische Fortschritt zu Zeiten der industriellen Revolution, so hat der Berliner Bibliothekswissenschaftler Olaf Eigenbrodt beobachtet. Er geht der Kontroverse nach und zeigt das Potenzial, das in Skepsis und Begeisterung steckt (Seite 210).
Weitere Artikel zeigen Schauplätze der Debatte vom Albtraum des Totalmediums bis zum Ideal der Weltbibliothek, vom Nutzen sozialer Software bis zur »Library 2.0« als Marketing-Floskel.
Dass Diskussionsprozesse durchaus Früchte bringen, beweist die wohl wichtigste Erfolgsmeldung für Bibliotheken der letzen Wochen: Die nationale Kampagne »Deutschland liest. Treffpunkt Bibliothek« startet im Oktober dieses Jahres. Das Bildungsministerium hat finanzielle Unterstützung zugesagt, in der Geschäftsstelle des Deutschen Bibliotheksverbandes (DBV) ist man schon dabei, Prominente für die Werbung zu gewinnen. Und alle Bibliotheken sind aufgerufen, mit kreativen Aktionen dabei zu sein!
Julia Hellmich
(BuB-Redakteurin)
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