Lange Zeit erfolgte die Fachkommunikation über Zeitschriften; sie suchten Fachautorinnen und Fachautoren, die für das Publikum schrieben. Je nach Zeitschrift war diese eher theoretisch orientiert oder praktisch ausgerichtet. Außerdem fand der Fachaustausch auf periodisch angebotenen Tagungen und Konferenzen statt. Hinzu kamen noch spezifische Schulungen und Weiterbildungen.
Die Fortentwicklung der Fachkommunikation
Fachkommunikation im Bibliothekswesen: Von Mailingliste bis WWW
Mit der Entwicklung des WWW wurden diese Möglichkeiten ergänzt durch eine stetigere Kommunikation, in der auch das »Publikum« die Möglichkeit bekam, Fragen zu stellen und Antworten zu geben.
Die damals verbreiteten Foren waren noch sehr auf Fachleute eingeschränkt, so richtig ins Rollen kam die Fachkommunikation dann durch Mailinglisten, als mehr und mehr Institutionen und damit auch die Mitarbeitenden per E-Mail Anbindung ans Netz bekamen.
So bildeten sich Mailinglisten heraus, die sowohl für allgemeine Fragen des Bibliothekswesens als auch für die Behandlung spezifischer Fragestellungen und Bibliothekstypen eingesetzt wurden. E-Mails schrieb man ja sowieso – also konnte man hier auch die Kommunikation über das mehr und mehr alltägliche Medium laufen lassen.
Als allgemeine Liste entwickelte sich InetBib (»Internet in Bibliotheken«) und daneben entstanden viele spezifische andere, beispielsweise ForumÖB, Erwerb-L, BIB-OPL und andere.1
Jene, die eine Mailingliste einrichten wollten, mussten entweder die Software selbst auf einem Server hosten oder brauchten Zugang zu einem Provider, der dies tat. Hier sind vor allem das Hochschulbibliothekszentrum NRW (hbz) und das Deutsche Forschungsnetz (dfn) zu nennen. Nach und nach boten auch die IT-Stellen der verschiedenen Hochschulen entsprechende Möglichkeiten an.
So war bis 2005 ein Netz von Mailinglisten entstanden, welche die verschiedenen Bedarfe der Profession abbildeten und eine schnelle Kommunikation bezüglich Grundsatz- oder spezifischer Fragen ermöglichten.
Hinzu kamen mit dem Aufkommen der sozialen Medien weitere Kanäle für den Fachaustausch: Gruppen wie zum Beispiel »Bibliothekare, FAMIS, Archivare, Dokumentare« bei Facebook2 oder das Austauschformat »BIBChatDE« auf Twitter oder auch einige Wikis, wie zum Beispiel das netbib-Wiki3.
Warum Mailinglisten wie InetBib und ForumÖB an ihre Grenzen stoßen
Doch die Klage wurde auch immer wieder geäußert: Es sei einfach zu viel, was ins Postfach kommt! Als Gegenmittel wurden von den Providern dann Zusammenfassungen (»digests«) angeboten oder die Nutzerinnen und Nutzer konnten Listen in Unterverzeichnisse filtern. Dennoch blieb der Eindruck, es sei zu viel Information, da feinere Filtermaßnahmen fehlten.
Weiter traten verschiedene Dinge auf, die nie ganz zu vermeiden waren. Das Übelste kam immer in den Urlaubszeiten zu Tage, wenn fortwährende Urlaubsmeldungen die Timelines überschwemmten und sich in manchen Fällen zu wahren Loops auswuchsen. Wenn dann kein Admin bereitstand, um das zu stoppen, konnte die Inbox aller Subskribierten volllaufen, ohne dass etwas geschah ...
Und leider – so muss man sagen – wurde die Netiquette nie ganz befolgt und manche Auseinandersetzungen eskalierten daher recht schnell. Die Maßnahmen, welche die Admins trafen waren auch wieder konfliktträchtig. Wer sich gern weiter über die Hauptprobleme beim Betreiben von Mailinglisten informieren möchte, kann sich die Präsentation4 und/oder den Mitschnitt5der Session »Die Mailingliste ist tot, es lebe die... wait...« aus der #vbib25 ansehen, wo dies differenzierter dargestellt ist.
DSGVO 2018: Warum die Mailinglisten-Archive verschwanden
Auf einen Einschnitt möchten wir noch eingehen: Mit Inkrafttreten und der Pflicht zur Anwendung der DSGVO im Mai 20186 schalteten die Überzahl aller Mailinglisten ihr Archiv ab. Die Admins befürchteten, für dort gespeicherte privaten Daten die Verantwortung übernehmen zu müssen. Eine Verantwortung, die sie nicht übernehmen konnten.
Mit einem Schlag war ein großes Archiv an Fachdiskussion nicht mehr zugänglich.
Die Mailingliste ForumÖB beispielsweise war schlagartig deutlich weniger brauchbar, weil man nicht im Archiv suchen konnte, ob die Frage schon einmal gestellt und beantwortet worden war. In der Folge führte dies dazu, dass periodisch immer wieder dieselben Fragen gestellt wurden und sich die Diskussionen wiederholten.
Das Aus für InetBib: Suche nach einer neuen Lösung
Einen ziemlichen weiteren Einschnitt war die Einstellung der Mailingliste InetBib innerhalb weniger Monate zum 01.06.2023.
Der Administrator Michael Schaarwächter wies bei Schließung darauf hin, dass es mittlerweile bessere Lösungen gebe als eine Mailingliste zu führen, hatte zu diesem Zeitpunkt allerdings noch keine konkrete Lösung im Blick. Die Diskussion über Alternativen verlief sich in verschiedenen Vorschlägen (»die Verbände müssten...«, »auf dfn könnte man doch ...«).
Die inzwischen eingerichteten Discord-Server7 kamen unter anderem aus Datenschutzgründen und wegen der Abhängigkeit von einem ausländischen Anbieter nicht in Frage. Daher wurde als neue Mailingliste für die allgemeine Fachkommunikation bibnez8 gegründet. Mitte 2023 zeigte sich ein recht zersplittertes Bild, wie die damaligen Vorschläge auf der InetBib-Seite9 zeigen.
Dabei war eigentlich die Lösung schon vorhanden: Phú hatte eine ganze Zeitlang mit der Software discourse experimentiert und der Community angeboten. Aufgrund mangelnder Resonanz entschloss er sich, das Projekt nicht weiter zu verfolgen.
Michael Schaarwächter stieß schließlich auf diese Software, die bei vielen verschiedenen Webseiten von Organisationen und Institutionen im Einsatz ist und richtetet im Frühsommer 2025 damit vorerst ein Forum ein und gab ihm den Namen Bibcourse.
Einen weiteren Anstoß für die Einrichtung einer neuen Lösung war die Ankündigung des hbz, die Mailingliste ForumÖB aufzugeben. Mit die größte Mailingliste, das Rückgrat der Fachkommunikation der Öffentlichen Bibliotheken!
Der Aufschrei war groß und die Diskussion rankte sich erneut zunächst um die Frage, wer wo eine neue Mailingliste aufsetzt. Es galt zu klären, ob die Kolleginnen und Kollegen eine alternative Lösung akzeptieren würden, wenn diese nicht mehr in gewohnten Bahnen verläuft, sondern auf einer Plattform stattfindet.
Eine Umfrage zeigte, dass die Fraktion jener, die wirklich ausschließlich per E-Mail kommunizieren wollten, verschwindend gering war. Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen äußerten die Bereitschaft, auch auf ein neues Kommunikationsmedium zu wechseln, dieses gepaart mit dem Wunsch hier auch mit über einen E-Mail-Benachrichtigungsdienst informiert zu bleiben.
Ein Mehrwert, das war vorab klar, war die Möglichkeit, die Diskussionen auch unangemeldet verfolgen zu können und dass die Diskussionen als Archiv durchsuchbar zur Verfügung stünden.
Bibcourse: Die neue Plattform für die Fachkommunikation
Auf Basis der Umfrageergebnisse, die eine breite Offenheit gegenüber neuen Kommunikationswegen erkennen ließen, wurde bibcourse.eu eingerichtet und ging an den Start.
Die Fachkommunikation im Bibliothekswesen hat damit eine völlig neue Entwicklung genommen und bietet viele Möglichkeiten, spezifische Diskurse nach Bedarf einzubinden.
Beschreiben wir doch einfach einmal das Portfolio:
Die Diskussion ist in verschiedene Kategorien eingeteilt, so dass man sich schon einmal orientieren kann: Allgemein, Bibliotheken allgemein, Forum ÖB, Forum WB, Veranstaltungen und andere. Dabei ist die Anzahl der Kategorien bewusst schlank gehalten und damit übersichtlich.
Weiter ist die Diskussion in Themenstränge eingeteilt, die sich je nach Bedarf eher kurz oder auch sehr lange entwickeln können.
Die Einträge werden alle verschlagwortet, so dass man auch quer zu Kategorien Themenstränge mit dem entsprechenden Schlagwort suchen kann.
Für Spezialinteressen gibt es abgeschlossene Räume, zu denen nur jene zugelassen werden, die bestimmten Bedingungen entsprechen. Arbeitsgruppen haben so die Möglichkeit, sich geschützt auszutauschen.
Es können aber auch offene Räume für speziellere Fragestellungen eingerichtet werden, bei denen ein Mitlesen Interessierter möglich ist.
Drei Administratoren und acht Moderatorinnen und Moderatoren kümmern sich um Technik und Kommunikation, geben bei Bedarf Hilfestellung und achten auf Einhaltung der Netiquette.
Die Handhabung der Einträge ist äußerst benutzerfreundlich mit einem Eingabefenster mit WISYWIG-Editor, bei dem auf der Seite direkt schon angezeigt wird, wie der Eintrag später aussehen wird. Man kann die Einträge auch im Nachhinein nochmals editieren.
Der Zugang zur Plattform ist niedrigschwellig. Bibcourse kann im Browser genutzt werden, ohne dass ein Programm heruntergeladen werden muss. Damit ist Bibcourse auch in kleineren Bibliotheken ohne IT-Support möglich. Außerdem ist auch die mobile Nutzung über eine App möglich.
Angemeldete Benutzerinnen und Benutzer haben viele Möglichkeiten, den Umgang mit dem Forum zu konfigurieren, kann die Kategorien nach eigenem Bedarf anordnen, nach Schlagworten filtern, sich die Dinge zusenden lassen und so weiter. Die Fachkommunikation ist damit individuell konfigurierbar.
Ein Suchschlitz ermöglicht eine komfortable Suchfunktion, so dass Bibcourse auch als Archiv zu nutzen ist.
Ein Jahr Bibcourse: Bilanz und Nutzerzahlen
Erstes Zwischenfazit: Bibcourse besteht nun ein gutes Jahr. Die Einbindung von ForumÖB gelang nahezu problemlos. Periodisch wurde auch eine Einführung von den Moderatorinnen und Moderatoren angeboten. Das Angebot einer kurzen »Sprechstunde« gilt weiterhin und wird gern in Anspruch genommen.
Immer wieder wurden Fachcommunities mit Spezialinteressen eingebunden, sei es durch Zuweisung eines geschützten Raums oder durch Einbindung in die allgemeine Kommunikation. Mittlerweile (Stand: Juni 2026) haben sich fast 2 000 Nutzer/-innen registriert.
Aus der Nutzerstatistik lässt sich ersehen, dass die unangemeldete Nutzung der Seiten stets mehr als die Hälfte der angemeldeten Nutzung beträgt. Also kann man gesichert von mindestens 3 000 Nutzer/-innen ausgehen. Somit lässt sich nach einem guten Jahr feststellen: Bibcourse ist in der Bibliothekscommunity angekommen. Insbesondere in der Kategorie »Forum ÖB«, aber auch in anderen Kategorien findet ein reger Austausch statt.
Ob es um gute Tipps zur Diebstahlsicherung wertvoller Tonies geht10 oder sich eine Austauschgruppe zum Thema »Escape Games in Bibliotheken« findet, in der Konzeptideen geteilt werden11: Die Kolleginnen und Kollegen beteiligen sich aktiv auf der Plattform.
Das Angekommensein in der Community zeigt sich auch im Austausch in Präsenz: In mehreren Veranstaltungen auf der 114. BiblioCon 2026 wurde auf Bibcourse verwiesen und eingeladen, die Kommunikation dort weiterzuführen.
Ohne detaillierte Zahlen oder Prozentangaben nennen zu können, da bei der Registrierung weder statistische Daten erhoben werden noch eine Klarnamenpflicht besteht: Die Nutzenden kommen aus allen Bibliothekssparten, mit unterschiedlichen Ausbildungshintergründen und aus verschiedenen spezialisierten Fachcommunities.
Das Ziel einer Ent-Diversifizierung der Kommunikation im Bibliothekswesen rückt damit immer näher – weg von zahlreichen verschiedenen Kanälen hin zu einer Plattform, die die bibliotheksfachliche Online-Kommunikation für alle Bibliotheksmenschen an einer Stelle bündelt und mit der vielfältigen Möglichkeit der Anpassungen auch den verschiedenen Nutzerinteressen entspricht.
1 Eine Übersicht aktuell noch existierender Mailinglisten findet man hier: https://www.bib-info.de/berufspraxis/fundgrube-internet/bibl-fachinformation/bibl-mailinglisten
2 https://www.facebook.com/groups/212605688752723/
3 https://netbib.hypotheses.org/uber
5 https://av.tib.eu/media/72130
6 https://dejure.org/gesetze/DSGVO/99.html
7 Als Beispiel zu erwähnen wären die discord-Server DACH Bibliothekswesen, Netzwerk Tutorials in Bibliotheken oder der Server für Gamer.
10 https://bibcourse.eu/t/geklaute-toniefiguren/1458
11 https://bibcourse.eu/t/escape-games-in-bibliotheken-netzwerk/417
Vittoria Ollig ist Bibliothekarin. Sie studierte Öffentliches Bibliothekswesen an der HU Berlin (Dipl.-Bibl. (FH), 1999) und berufsbegleitend Erwachsenenbildung am DISC der TU Kaiserslautern (M. A., 2011). Seit 2000 arbeitet sie in der Zentralbibliothek der Stadtbücherei Frankfurt am Main als stellvertretende Leiterin des Sachgebiets Medienvermittlung. Seit 2025 ist sie im Bundesvorstand des Berufsverband Information Bibliothek e.V. (BIB) aktiv. Sie gehört von Beginn an zum Bibcourse-Moderatorinnen-und-Moderatoren-Team.
Jürgen Plieninger, Diplom-Bibliothekar, promovierter Soziologe, Blogger, engagiert im BIB (OPLS-Kommission und AG Webredaktion), bis 2022 Leiter der WiSoPol-Bibliothek in Tübingen. Engagiert sich für die Fachkommunikation im Bibliothekswesen.

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