Zu den aktuellen Meldungen über den Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek

Debatte um Finanzierung, Digitalisierung und gesetzlichen Sammelauftrag: Wie sich das Vorhaben entwickelt und welche Fragen jetzt im Raum stehen.

Die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) hat Standorte in Frankfurt am Main und Leipzig. Als zentrale Archivbibliothek Deutschlands sammelt, dokumentiert und archiviert sie alle Medienwerke in Schrift, Bild und Ton, die seit 1913 in und über Deutschland oder in deutscher Sprache veröffentlicht werden – ohne Wertung, im Original und lückenlos.

Der Staatsminister für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, erarbeitet derzeit Vorschläge für eine Reform des Gesetzes über die Deutsche Nationalbibliothek (DNBG). Dabei sollen die Entwicklung der Medienmärkte, die zunehmende Digitalisierung und die Praktikabilität der Pflichtablieferung noch stärker berücksichtigt und somit die Abbildung des kulturellen Erbes im gesetzlichen Auftrag angemessen abgesichert werden. Darüber hinaus soll die DNB ihren Sammelauftrag auch bei der weiterbestehenden Pflichtablieferung physischer Exemplare flexibler umsetzen können, wie mit dem Ersatz der Zweitexemplare durch digitale Exemplare.

Auch im Zuge dieser Konzepte stellen sich grundsätzliche Fragen, die künftig benötigte Kapazitäten berühren können. Eine abschließende Prüfung der kostendefinierenden Planungsunterlagen für einen 5. Erweiterungsbau in Leipzig durch die zuständige Bauverwaltung des Bundes steht jedoch noch aus, und die langfristige Finanzierung ist derzeit noch nicht gesichert. Das daraus resultierende Moratorium bedeutet aber nicht, dass das Vorhaben gestrichen ist. Es kann in das laufende Haushaltsaufstellungsverfahren eingebracht werden, so dass hierüber parlamentarisch beraten werden kann.

Staatsminister für Kultur und Medien, Wolfram Weimer: »Selbstverständlich ist und bleibt der Bund der Deutschen Nationalbibliothek als Schatzkammer unseres schriftlichen Kulturerbes verpflichtet, ebenso wie ihrem Standort in Leipzig. Gleichwohl wollen wir für die Umsetzung ihres umfassenden Sammelauftrags künftig auch die Möglichkeiten der Digitalisierung stärker einsetzen. Deshalb gilt es, diesen gesetzlichen Sammelauftrag an die veränderten Gegebenheiten unserer digitalen Zeit anzupassen – nicht zuletzt auch mit Blick auf die enger werdenden finanziellen Spielräume der kommenden Jahre. Dabei werden wir gemeinsam auch in Zukunft den Erhalt eingehender physischer Medienwerke sicherstellen.«

Generaldirektor der Deutschen Nationalbibliothek, Frank Scholze: »Wir begrüßen die Entscheidung des Staatsministers sehr, den nächsten Schritt auf dem Weg zur Realisierung des Baus zu gehen. Es ist nicht nur unser gesetzlicher Auftrag, sondern auch unsere gesamtgesellschaftliche Verantwortung, das kulturelle Erbe im ›Gedächtnis der Nation‹ zu bewahren und für künftige Generationen zugänglich zu machen. Dass hierzu inzwischen ein breiter Konsens mit dem Staatsminister und der Öffentlichkeit besteht, ist ein ermutigendes Zeichen für die Zukunft unseres Landes.«

Zwischenzeitlich stand im Raum, das Bauvorhaben nicht umzusetzen – über die Hintergründe dazu berichtete BuB in diesem Beitrag.

Fünfter Erweiterungsbau

www.dnb.de/erweiterungsbau

Der geplante 5. Erweiterungsbau in Leipzig mit zu erwartenden Gesamtkosten von mehr als 100 Millionen Euro soll physische Neuzugänge sowie ältere Bestände aufnehmen, die derzeit nicht unter ausreichenden klimatischen Bedingungen gelagert werden können. Das Bauvorhaben soll im Zeitraum von 2027 bis 2032 realisiert werden.

Der Berufsverband Information Bibliothek (BIB) unterstützt die Stellungnahme von BID ausdrücklich und begrüßt, dass die Entscheidung, den Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek zu stoppen nun vorerst ihrerseits gestoppt wurde. 
Zugleich weist der BIB darauf hin, dass die anhaltende Unsicherheit nicht nur die Institution, sondern auch das Bibliothekspersonal stark belastet, das bereits heute unter hohem Druck die Sicherung und Bereitstellung des kulturellen Erbes gewährleistet (analog wie digital). Verlässliche Perspektiven und ausreichende infrastrukturelle Ressourcen sind daher auch eine zentrale Voraussetzung für gute Arbeitsbedingungen und die Zukunftsfähigkeit des bibliothekarischen Berufsfelds.

 

Stellungnahme – Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) in Leipzig wird geprüft

Stellungnahme des Dachverbands Bibliothek & Information Deutschland zur Entscheidung des Staatsministers und Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, den Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) in Leipzig zu prüfen.
Die Entscheidung des Kulturstaatsministers Weimer der letzten Woche, den Erweiterungsbau der DNB zu stoppen, erfüllt uns mit großer Sorge. Sie stellt eine erhebliche Gefährdung der langfristigen Sicherung des kulturellen Gedächtnisses in Deutschland dar. Die aktuelle Klarstellung Herrn Weimers, den Erweiterungsbau im Rahmen der laufenden Haushaltsverhandlungen zu prüfen ist ein gutes Signal, zugleich bleibt die Situation für die Informationsinfrastruktur in Deutschland unsicher.

Die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) steht vor akuten Kapazitätsgrenzen; der geplante Erweiterungsbau soll die – gesetzlich gebotene – Aufbewahrung von rund 35,5 Millionen Medieneinheiten für die kommenden Jahrzehnte gewährleisten. Bereits heute sind die Magazinflächen nahezu ausgeschöpft. Nach der nun kommunizierten Position handelt es sich um ein Moratorium, verbunden mit einer erneuten Prüfung von Finanzierung und Planung. Damit ist das Vorhaben grundsätzlich offen, jedoch nicht abgesichert. Angesichts nahezu ausgeschöpfter Magazinflächen und kontinuierlich wachsender Bestände besteht jedoch akuter Handlungsbedarf.

BID begrüßt, dass die Bedeutung der DNB als zentrale Gedächtnisinstitution anerkannt wird und das Projekt in die Haushaltsverhandlungen eingebracht werden soll. Gleichzeitig schließen wir uns der weiterhin berechtigten Kritik des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, des Deutschen Kulturrats und unserer Mitgliedsverbände an. Der gesetzliche Sammelauftrag der Nationalbibliothek darf nicht durch kurzsichtige politische Entscheidungen relativiert werden und duldet keinen Aufschub oder eine strukturelle Unklarheit. Die Pflicht zur Sammlung ist gesetzlich verankert und kann nicht einseitig durch eine Schwerpunktverschiebung zur Digitalisierung ersetzt werden. Neben der seit Langem vorhandenen hybriden wie digitalen Sammlungsstrategie der Nationalbibliothek (täglich kommen knapp 10.000 digitale Werke hinzu) bleibt die dauerhafte Sicherung gedruckter Werke essenziell.

Die Vorstellung, Digitalisierung könne physische Magazinflächen ersetzen, ist fachlich unhaltbar. Die DNB sammelt bereits umfangreich digital; der geplante Erweiterungsbau hätte diese Infrastruktur mit einem dringend benötigten Data-Center gezielt gestärkt. Ein Gegeneinander von digitaler und analoger Überlieferung verkennt den gesetzlichen Auftrag und die Anforderungen moderner Wissenssicherung. Das kulturelle Erbe Deutschlands lässt sich nur sichern, wenn beide Dimensionen zusammen gedacht werden. Eine vermeintlich „nicht zeitgemäße Sammlung von Printwerken“ verkennt darüber hinaus die Rolle der Nationalbibliothek als gesetzlich verankertes Gedächtnis der Nation. Gerade in Zeiten von Desinformation ist der verlässliche Zugang zu gesichertem Wissen unverzichtbar.

BID fordert daher nachdrücklich eine zügige und transparente Entscheidung im Bundeshaushalt zugunsten des Erweiterungsbaus und Planungssicherheit für die DNB aufgrund ihres Auftrags. Die Zukunft unserer Wissensgesellschaft darf nicht gegen vermeintlichen Bürokratieabbau ausgespielt werden. Digitalisierung und physische Überlieferungen sind keine Gegensätze, sondern gemeinsam die Voraussetzung für kulturelle Nachhaltigkeit.

Bibliothek & Information Deutschland (BID) e.V. ist der Dachverband der Institutionen- und Personalverbände des Bibliothekswesens und zentraler Einrichtungen der Kulturförderung in Deutschland. Mitglieder des Dachverbandes sind fünf Verbände und Einrichtungen. BID ist eine Plattform für den fachlichen Austausch der bibliothekarischen Verbände und vertritt gemeinsame Interessen ihrer Mitglieder im gesellschaftlich-politischen Kontext. Dabei arbeiten wirauf europäischer und internationaler Ebene mit den Verbänden des Bibliotheks- und Informationssektors zusammen.

Stellungnahme - Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) in Leipzig wird geprüft - BID (Bibliothek & Information Deutschland)

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