Wahrheit als Infrastruktur?

Warum Bibliotheken Freiheitsorte sind und welche Rolle sie für Meinungsfreiheit, demokratischen Dialog und gesellschaftlichen Zusammenhalt spielen.

»Was ist wahr?« – diese Frage wirkt auf den ersten Blick philosophisch, ist aber in Wahrheit hochpraktisch. Sie entscheidet darüber, ob Meinungsfreiheit als demokratische Ressource erlebt wird oder als Lärm, der Vertrauen zerstört und Gesellschaft spaltet. 

Wenn Deepfakes, KI-generierte Texte, manipulative Bilder und gezielte Desinformation die öffentliche Debatte prägen, wird Wahrheit zur Voraussetzung von Freiheit: Nur wer Informationen prüfen, einordnen und Unsicherheiten benennen kann, kann sich frei eine Meinung bilden – und Freiheit ohne diese Urteilskraft ist anfällig für Manipulation. 

Genau deshalb rückt die Woche der Meinungsfreiheit das Motto »Was ist wahr?« ins Zentrum: Es geht um das Spannungsfeld zwischen Fakten, Meinungen und Wahrhaftigkeit – und damit um die Grundbedingungen demokratischer Öffentlichkeit.1 

 

Demokratische Orte in herausfordernden Zeiten

Bibliotheken sind in diesem Feld keine Nebenakteure. Sie sind eine öffentliche Infrastruktur der Freiheit, weil sie Orientierung ermöglichen, ohne zu bevormunden: durch kuratierte Bestände, professionelle Erschließung, Beratung, Bildungsarbeit, als Ort, der da und offen ist und – immer stärker – auch durch Formate, die Menschen miteinander ins Gespräch bringen. 

Als niedrigschwellige Dritte Orte verbinden sie Zugang zu Wissen mit Aufenthaltsqualität, Begegnung, Nebeneinander, Vielfalt und Vertrauen. Und genau dieses Vertrauen ist heute eine knappe Ressource. 

Das ist auch der Hintergrund des aktuellen Schwerpunktthemas »Stark für Demokratie« des Berufsverbands Information Bibliothek (BIB).2 Es reagiert auf zwei Entwicklungen, die Bibliotheken in den vergangenen Jahren deutlich spüren: 

Erstens nimmt der gesellschaftliche Druck zu – Polarisierung, aggressive Kampagnen und gezielte Skandalisierung treffen längst nicht mehr nur Politik und Medien, sondern auch Kultur- und Bildungseinrichtungen. 

Zweitens werden Bibliotheken als demokratische Orte stärker sichtbar – und damit auch angreifbarer. »Was ist wahr?« lässt sich dabei für Bibliotheken sehr konkret übersetzen: Es geht nicht nur um Faktenchecks, sondern um Wahrheitsfähigkeit als Kompetenz. Bibliotheken können Menschen befähigen, Behauptungen von Belegen zu unterscheiden, Quellen zu beurteilen, Perspektiven einzuordnen und den eigenen Standpunkt argumentativ zu begründen. 

Das ist klassische Informations- und Medienkompetenz – aber unter heutigen Bedingungen erweitert um KI-Kompetenz, Bildforensik, Kontextwissen und die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, statt sie reflexhaft in Freund-Feind-Schemata zu pressen. In diesem Sinne sind Bibliotheken Teaching Libraries: Orte, an denen Lernen über und mit Medien und Menschen lebenslang, alltagsnah und niedrigschwellig möglich ist.

 

Zwischen Neutralität und demokratischer Verantwortung

Diese demokratische Bildungsaufgabe ist allerdings nicht konfliktfrei – und sie wird derzeit rechtlich wie politisch intensiv verhandelt. Der Münster-Kontext3 macht das exemplarisch sichtbar: Der Versuch, umstrittene Inhalte durch einen Einordnungshinweis zu rahmen, wurde gerichtlich untersagt; damit steht die Frage im Raum, wie Bibliotheken zwischen Informationsfreiheit und Kontextualisierung frei und selbstbewusst navigieren können. Der Fall ist kein Randthema, sondern ein Symptom. 

Bibliotheken geraten immer häufiger in Auseinandersetzungen darüber, ob Kontext schon Parteinahme ist – und wie Neutralität zu verstehen ist.4 Aus bibliothekarischer Perspektive braucht es hier begriffliche Klarheit: Parteipolitische Neutralität ist unverzichtbar. Demokratiearbeit hingegen ist nie wertneutral, weil sie an Verfassungsziele, Menschenwürde und Grundrechte gebunden ist. Diese Unterscheidung muss intern wie extern verständlich werden – sonst droht die Neutralitätsdebatte jede Form von demokratischer Bildungsarbeit zu delegitimieren.

Hinzu kommen Angriffe und Shitstorms, die Bibliotheken nicht nur »aushalten«, sondern professionell bearbeiten müssen. Ein Beispiel aus meiner Institution, der Stadtbibliothek Hannover, zeigt das Mechanismushafte solcher Dynamiken: Ein Post auf X (damals noch Twitter) über in der Bibliothek ausgelegte Flyer führte innerhalb kürzester Zeit zu einer polarisierenden, teils diffamierenden Debatte und damit einer Verschiebung politischer Diskurslinien.5

Ein Praxisbericht meiner Kolleginnen rekonstruiert dieses »Twitter-Gewitter«, ordnet es als Konflikt um queere Sichtbarkeit, Kindeswohl-Frames und öffentliche Informationsarbeit ein und zeigt zugleich, wie die Bibliothek daraus eine bewusstere, lautere Positionierung ableitete: nicht Rückzug, sondern die strategische Entscheidung, Debatten- und Schutzbedarfe in den physischen Stadtraum der Bibliothek zu übersetzen – etwa über das Projekt »Queeres Wohnzimmer« und über die Präzisierung eines demokratiepolitischen Selbstverständnisses (»parteipolitisch neutral, demokratiepolitisch mit Haltung«).6

Bibliotheken als Orte der Demokratie

Zwei andere Beispiele aus Hannover zeigen auf, wie sich unter der Überschrift »Was ist wahr?« Demokratiepolitik einerseits als Format aufgreifen lässt, anderseits konzeptionell über die Bibliothek hinaus thematisiert werden kann:

  • das Wahl.Lokal.Stadtbibliothek Hannover zur Bundestagswahl 2025 kann als prototypisches Demokratie-Labor verstanden werden. Der Ansatz war bewusst zweistufig: Orientierung schaffen und zugleich Gespräch ermöglichen. Im Wahl.Lokal wurden Wahlprogramme, Materialien der politischen Bildung und digitale Tools wie Wahl-O-Mat und wahl.chat bereitgestellt; darüber hinaus gab es niedrigschwellige Gesprächsformate (»Guten Morgen, Demokratie!«), spielerische Demokratieabende und Beteiligungsimpulse wie die U18-Wahl. Leitidee war, parteipolitisch neutral zu informieren und dennoch demokratiepolitisch Haltung zu zeigen: Menschen sollen ins Prüfen, Einordnen und Diskutieren kommen – nicht in Lagerlogik.7
     

  • Der Versuch, Demokratiearbeit nicht als Einzelaktion, sondern als Querschnittsaufgabe zu denken erfolgt seit 2025 in Hannover gebündelt im gesamten Kultur- und Bildungsdezernat, indem auch die Bibliothek vertreten ist. In einem »Demokratie-Cluster« werden Haltung, Formate, Kooperationen und interne Qualifizierung zusammen fachbereichsübergreifend behandelt. Das ist entscheidend, weil demokratiebezogene Arbeit mehr als Publikumsprogramm ist. Sie braucht interne Kompetenzentwicklung: Teams müssen Unsicherheiten (Neutralität, Grenzen, Kontroversen) besprechbar machen, Routinen entwickeln und in schwierigen Situationen handlungsfähig bleiben.

Eine weitere Aktionsschiene erweitert diesen lokalen Ansatz in die Fläche: die Demokratiedialoge in niedersächsischen Bibliotheken (2025–2027)8. Sie knüpfen an das mehrjährige Bundesprogramm Land.schafft.Demokratie9 an – eine Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung und des Deutschen Bibliotheksverbandes (dbv), die erfolgreich seit 2023 gezielt Bibliotheken in ländlichen Räumen mit niedrigschwelligen Veranstaltungsformaten und digitalen Qualifizierungen zur Demokratieförderung stärkt. 

Gerade weil Land.schafft.Demokratie vielerorts bereits sichtbare Impulse gesetzt hat, knüpfen die Demokratiedialoge an Transfer, Qualifizierung und Verstetigung in der Breite an. 

 

Demokratielotsen für eine informierte Gesellschaft

Bibliotheken sollen landesweit als Demokratielotsinnen und -lotsen befähigt werden – mit Blick auf Kommunalwahlen 2026 und Landtagswahl 2027 – und dabei nicht nur Gastgeberinnen, sondern Kompetenzträgerinnen werden. Das Entscheidende ist die Logik dahinter: Dialog wird als demokratische Praxis erlernbar, wiederholbar und skalierbar – und damit dauerhaft in Bibliotheken verankerbar. 

»Was ist wahr?« wird damit zum roten Faden, der die Ebenen verbindet. Wahrheit ist nicht nur Informationsfrage, sondern eine soziale Praxis. Sie entsteht dort, wo Menschen lernen, zu prüfen und zugleich zuzuhören; wo sie sich gegenseitig als legitime Gesprächspartner anerkennen; wo sie bereit sind, die eigene Position zu begründen und im Zweifel zu korrigieren. Bibliotheken können dafür Schutzräume bieten – und zugleich, im Sinne von »Bitte stören«, Irritationen zulassen, die Komfortzonen verlassen lassen, ohne Menschenwürde zu verletzen.

Für den BIB ist das Schwerpunktthema »Stark für Demokratie« deshalb keine Kampagne, sondern eine langfristige Professionalisierungsaufgabe. Bibliotheken brauchen Argumente, rechtliche Orientierung, Praxiswissen, Austauschformate und Fortbildung – etwa zum Umgang mit umstrittenen Medien, zu Veranstaltungsarbeit in polarisierten Zeiten, zu Kommunikationsstrategien bei Angriffen sowie zur Entwicklung tragfähiger Dialogformate. 

Die Freiheitsfrage, die BuB in diesem Schwerpunkt stellt, bekommt so eine bibliothekarische Antwort: Freiheit braucht Orte, die Wahrheitsfähigkeit stärken – nicht als Dogma, sondern als Kompetenz. Bibliotheken sind solche Orte, weil sie Wissen zugänglich machen, Orientierung ermöglichen und zugleich Öffentlichkeit herstellen: im Gespräch, im Streit, im Perspektivwechsel. 

Und gerade weil diese Arbeit konfliktträchtig ist, braucht sie Rückgrat, Kooperationen und eine klare, verfassungsgebundene Haltung. 

 

DOI: 10.24403/jp.1559683

1 Woche der Meinungsfreiheit – siehe: https://woche-der-meinungsfreiheit.de 

2 Das BIB-Schwerpunktthema »Stark für Demokratie« läuft von 2025 bis 2028. Weitere Infos siehe unter: https://www.bib-info.de/berufsverband/schwerpunktthemen?utm_source=chatgpt.com 

3 Vgl. Position beziehen: Bibliotheken im Kulturkampf. Warnhinweise auf Büchern – ein kritischer Diskurs zwischen Katja Bartlakowski, Cordula Gladrow und Stephan Schwering. In: pro Libris 3/25. URL: https://www.bibliotheken-nrw.de/wp-content/uploads/2026/01/ProLibris-04_DS_WEB.pdf und https://www.justiz.nrw.de/presse/2025-04-15?utm_source=chatgpt.com 

4 Siehe hier auch für die Debatte »Alles nur leere Worte? – Zum Umgang mit dem Kulturkampf von rechts in Bibliotheken«. Eine Broschüre der Mobilen Beratung gegen rechts von 2024. URL: https://bundesverband-mobile-beratung.de/publikationen/alles-nur-leere-worte-zum-umgang-mit-dem-kulturkampf-von-rechts-in-bibliotheken/ und Fichtner, Annette, Obst, Helmut and Meskó, Christian. Praxishandbuch Medien an den Rändern: Umgang mit umstrittenen Werken in Bibliotheken, Berlin, Boston: De Gruyter Saur, 2024. https://doi.org/10.1515/9783111229614

5 Das Thema queer wird immer gern als Angriffsthema hergenommen, siehe auch die Debatten um Drag-Lesungen damals in München aber auch anderen Orts. Vgl. Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt. Jahresbericht der Münchner Stadtbibliothek 2022

6 Becker, Tom: Der Sinn von Politik ist Freiheit. Über Demokratiepolitik, Transdebatten und ein Twitter-Gewitter, in: BuB 74, 12, 2022, S. 670–673 und Brase, Ramona und Blöß, Sabrina: Nie wieder still, nie wieder unsichtbar! Ein Wohnzimmer der Stadtbibliothek Hannover gibt queerem Leben einen besonderen Raum. DOI: https://doi.org/10.5282/o-bib/6202

7 Becker, Tom. Wahl.Lokal.Stadtbibliothek: zentraler Anlaufpunkt zur Bundestagswahl 2025 in der Stadtbibliothek Hannover. In: Bibliothek Forschung und Praxis. DOI: https://doi.org/10.1515/bfp-2025-0032

8 Kern der Demokratiedialoge sind erprobte Dialogformate von Mehr Demokratie e. V.: »Sprechen & Zuhören« (moderierter 4×4-Minuten-Dialog in Kleingruppen, Perspektivwechsel durch strukturiertes Zuhören) und »Demokratie-Fitness« (30-minütige Trainingseinheiten, die demokratische »Muskeln« wie Empathie, Mut und Diskussionsfähigkeit stärken). Vgl.: Demokratiedialoge in Niedersachsen. URL: https://www.mehr-demokratie.de/mehr-bewegen/projekte/demokratiedialoge-in-niedersaechsischen-bibliotheken

9 URL: https://www.bpb.de/veranstaltungen/reihen/522086/land-schafft-demokratie/
 

Prof. Dr. Tom Becker war nach Stationen in München und Mannheim über zehn Jahre am Institut für Informationswissenschaft der TH Köln mit dem Schwerpunkt Öffentliche Bibliotheken tätig. Seit 2021 ist er Direktor der Stadtbibliothek Hannover. Zudem ist er geschäftsführender Vorsitzender des Deutschen Bibliotheksverbandes, Landesverband Niedersachsen, und als Lehrbeauftragter, Berater und Moderator tätig.

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