In Berlin leben über 190 unterschiedliche Nationen. In den Bezirken Wedding und Moabit Nord wachsen viele Kinder in mehrsprachigen Familien auf. Wie können die Bibliotheken in diesen Bezirken alle Kinder erreichen und damit Bildungsgerechtigkeit stärken?
BibStartCard – die Bibliothekskarte für Kinder zum Schulstart
BibStartCard: Eigener Ausweis für Erstklässler in Wedding und Moabit
Das EFRE-KUBIST-Projekt »BibStartCard« verfolgt das Ziel, Erstklässlerinnen und Erstklässlern im Wedding und in Moabit Nord einen eigenständigen Zugang zu Medien und Informationen zu ermöglichen und bereits zum Schulstart einen aktiven Bibliotheksausweis auszugeben.
Es setzt sich so auch für die UN-Kinderrechte ein, wie zum Beispiel den Artikel 13, der die Meinungs- und Informationsfreiheit betont, und den Artikel 31: »[…] das Recht des Kindes auf Ruhe und Freizeit, auf Spiel und altersgemäße aktive Erholung sowie auf freie Teilnahme am kulturellen und künstlerischen Leben«.
Das Projekt ist an der Fahrbibliothek Berlin-Mitte angesiedelt. Mit drei Bücherbussen werden insgesamt 31 Grundschulen angefahren, um Kindern einen niedrigschwelligen Zugang zu Medien zu ermöglichen. Die meisten der 14 Partnerschulen des Projekts sind Teil des festen Haltestellenplans1.
Die Erstklässler/-innen erhalten zu Schulbeginn einen BibStartCard-Beutel mit kostenfreiem Bibliotheksausweis des Verbundes der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB) und einem Erstlesebuch.
Mehr als die Hälfte aller Grundschüler/-innen im Bezirk Mitte (55 Prozent) sind von der Zahlung des Eigenanteils bei Lernmitteln befreit. Das lässt vermuten, dass über die Hälfte der Kinder zuhause keine eigenen Bücher und Medien zur Verfügung hat.
Der Abbau sozialer Ungleichheit ist eine große Herausforderung, in der die Bibliotheken mit ihrem Grundprinzip des Teilens durch die Bereitstellung von Medien, Ausstattung und Angeboten eine wesentliche Rolle spielen.
niedrigschwelligen Zugang zu Medien zu ermöglichen. Foto: Frank Ludwig
BibStartCard: Ohne Unterschrift auf dem Anmeldeformular geht es nicht
Um den Kindern einen Bibliotheksausweis zur Einschulung zu ermöglichen, bedarf es nach den Benutzungsbedingungen der Öffentlichen Bibliotheken Berlins der Zustimmung einer erziehungsberechtigten Person. Dies ist eine der größten organisatorischen Aufgaben des Projektes.
Die Idee, allen Kindern zur Einschulung einen kostenfreien Bibliotheksausweis auszugeben, stammt aus der Stadtbibliothek Bremen2. Das Vorhaben, über die Angaben des Schulamtes die Anmeldedaten der Kinder direkt in die Bibliothekssoftware einspielen zu können, wurde jedoch mit den Auflagen des Berliner Datenschutzes ausgebremst.
Bibliotheksausweis für Erstklässler: Anmeldung direkt beim Elternabend
Auch die Stadtbibliothek Berlin-Mitte hat verstanden, dass Kinder und ihre Eltern am besten über die Schule erreicht werden. So treten wir im Rahmen des Projekts BibStartCard an den nullten Elternabenden mit Eltern in Kontakt.
Wir unterstützen Elternteile beim Ausfüllen des Anmeldeformulars, das unter Berücksichtigung des Projektschwerpunktes der Mehrsprachigkeit inzwischen in 16 Sprachen vorliegt (Arabisch, Bosnisch, Bulgarisch, Deutsch, Englisch, Farsi, Französisch, Georgisch, Italienisch, Polnisch, Rumänisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch, Türkisch und Ukrainisch)3.
Nach den Elternabenden können die Eltern den Bücherbus besuchen.
Durch das Projekt konnten zudem zwei Erklärfilme, »Mika geht zur Bibliothek«4 zum Ausfüllen des Anmeldeformulars und »Amina und ihre BibStartCard«5, produziert und auf YouTube eingestellt werden. Ein dritter, nonverbaler Erklärfilm soll im Projektjahr 2026 folgen.
Viele Schulen wissen: Das Erstlesebuch im BibStartCard-Beutel ist für viele Kinder das erste Buch in ihrem Zuhause – und durch den Bibliotheksausweis fördern sie den Zugang zu einer großen Auswahl an Medien. Diese Begeisterung zeigt sich in der tatkräftigen Unterstützung der Schulleitungen und Sekretärinnen und Sekretäre.
Immer mehr politische Reichweite für das Projekt BibStartCard
Im ersten Projektjahr waren es zwei Pilotschulen, 2025 schon acht Schulen und 2026 werden insgesamt 14 Grundschulen teilnehmen.
Das Projekt hat an politischer Reichweite gewonnen. Die Schulaufsicht Mitte koordinierte die Projektvorstellung vor der Dienstbesprechung der mehr als 60 Grundschulleitenden im Bezirk.
Die Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger ließ es sich am 1. Oktober 2025 nicht nehmen, mehr als 100 Kindern ihre BibStartCard zu überreichen6.
Von 581 eingeschulten Kindern der Projektschulen erhielten 2025 insgesamt 78 Prozent einen Bibliotheksausweis und konnten sich direkt im Anschluss im Bücherbus etwas ausleihen. Die leuchtenden Augen der Kinder zeigten: Der Aufwand hat sich gelohnt.
Um die Bibliotheksregeln wie zum Beispiel die rechtzeitige Rückgabe der Medien und den Umgang mit den Büchern den Kindern spielerisch beizubringen, führten Honorarkräfte im Jahr 2025 in 39 Klassen Bibliothekseinführungen durch.
Lesungen in der Kinderbibliothek: Lesegarten und neue Räume im Luisenbad
In den Sommermonaten wurde die Bibliothek am Luisenbad7 mit Lesegarten, Bienenstöcken, Gaming-Lounge und einer neugestalteten Kinderbibliothek von den Projektschulen als idealer Ort für Wandertage entdeckt.
Interaktive und kreative Lesungen mit Kinderbuchautorinnen wie Andrea Karimé (Soraya, das kleine Kamel), Constanze von Kitzing (Ich bin anders als Du), Daniela Kunkel (WIR alle in unserer Klasse), Axel Scheffler (Der Grüffelo) und Lindiwe Suttle Müller-Westernhagen (Naya) ermöglichten vielen Kindern, in der Bibliothek besondere Erfahrungen zu machen. Sie durften erleben, dass Bücher Geschichten erzählen, in denen sie sich selbst wiederfinden können.
Ein wichtiger Faktor bei der Auswahl der Autorinnen und Autoren für die Lesungen war die Repräsentation unterschiedlichster Stimmen. Zudem ermöglichte die Kooperation mit LesArt e.V. die Durchführung mehrerer Veranstaltungen bei »Lesen im Park«.
BibStartCard 2026: Bibliotheksausweis für 1.200 Erstklässler
Im Projektjahr 2026 werden circa 1 200 Erstklässler/-innen ihre BibStartCard erhalten. Eine Verstetigung der intensiven Zusammenarbeit zwischen Grundschule und Bibliothek soll durch Kooperationsvereinbarungen erreicht werden.
Es bleibt das Ziel, allen Kindern den Zugang zur Bibliothek zu ermöglichen. Den Ort, an dem sie die Freiheit haben, Bücher, Tonie-Figuren, Konsolenspiele, Brettspiele, Bilderbuchkinos oder Angebote wie die Hausaufgabenhilfe nach ihrem Interesse kennenzulernen und sich von vielleicht ganz neuen und unbekannten Geschichten verzaubern zu lassen.
DOI: 10.24403/jp.1559422
1 https://www.berlin.de/stadtbibliothek-mitte/bibliotheken/fahrbibliothek/
3 https://www.berlin.de/stadtbibliothek-mitte/katalog-service/benutzungsinformationen/#anmeldung
4 https://www.youtube.com/watch?v=4COOqDH9QSg
5 https://www.youtube.com/watch?v=moLBmQ6q3_Q
6 Für Eindrücke aus dem Bus siehe der Besuch an der Vineta-Grundschule: https://www.youtube.com/watch?v=nHuqR3De-ko
7 https://www.berlin.de/stadtbibliothek-mitte/bibliotheken/bibliothek-am-luisenbad/
Jannina Brosowsky ist freiberufliche Theatermacher/-in, Kulturvermittler/-in und Medienpädagog/-in und arbeitet in Bibliotheken, Theatern, Schulen, Jugendfreizeiteinrichtungen und Kunstausstellungen. Brosowsky studierte im Master Applied Theatre an der Goldsmiths University of London und fokussiert sich heute in deren Projekten auf die Förderung von Zugängen zur kulturellen Teilhabe und die Gestaltung von neuen Ästhetiken (Aesthetics of Access). Brosowskis Produktionen wurden unter anderem auf dem 19. Weltkongress für Kinder- und Jugendtheater in Kapstadt, Südafrika und im Rahmenprogramm der Special Olympics World Games 2023 in Berlin gezeigt.
Seit Projektbeginn 2024 übt Cortina Wuthe die Projektleitung des EFRE-KUBIST-Projektes »BibStartCard« aus. Von 2022 bis 2025 zeigte sie sich für die Leitung der Fahrbibliothek Mitte verantwortlich und fuhr unter anderem für zwei Schuljahre wöchentlich mit dem Bücherbus zu einer Grundschule.
Seit Februar 2025 leitet Wuthe die Bibliothek am Luisenbad in der Stadtbibliothek Mitte von Berlin.
Zuvor arbeitete sie als Musikbibliothekarin von 1991 bis 2014 in der Musikbibliothek Marzahn-Hellersdorf und von 2014 bis 2022 im Musikbereich der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek der Stadtbibliothek Steglitz-Zehlendorf in Berlin.
Wuthe ist Diplom-Bibliothekarin mit musikbibliothekarischen Zusatzstudium.

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