Die Öffentliche Bibliothek im digitalen Zeitalter
1. Der Profil-Wandel Öffentlicher Bibliotheken im letzten Jahrzehnt als Antwort auf den technologischen Wandel
Die Herausforderungen
Die zweite Hälfte der sogenannten Nuller-Jahre brachte für die Öffentlichen Bibliotheken erhebliche Einschnitte: Zum einen machte der Siegeszug des Smartphones aus dem Handy einen ebenso persönlichen wie universalen Wissensspeicher, der für die Öffentliche Bibliothek zu einem dramatischen Verlust ihres Informationsmonopols führte.
Zum zweiten hielten in den Öffentlichen Bibliotheken – als Antwort auf die fortschreitende Digitalisierung der Medienwelt – E-Books und Onleihe-Verfahren Einzug. Das Buch und die Print-Medien schienen weitgehend abgelöst von den neuen digitalen Kommunikations- und Publikationsformen: von der Welt des Internets (Google schon seit 1998) und der sozialen Medien (zum Beispiel Facebook seit 2004, Instagram seit 2010, TikTok seit 2017), von E-Books, E-Magazinen und digitale Ausleihverfahren auf der einen Seite und von »Open Access« für wissenschaftliche Publikationen auf der anderen Seite (»Berliner Erklärung« 2003), von immer mehr Apps auf dem Handy und von Streaming-Diensten – eine unvollständige Auflistung.
Die Antworten der Öffentlichen Bibliotheken
In der Konsequenz dieses medialen Wandels diskutierten und erprobten viele Bibliotheks-Verantwortliche grundlegend veränderte oder ganz neue Konzepte und Aufgabenstellungen für ihre Einrichtungen. Diese Diskussionen begannen schon in den Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts und nahmen im letzten Jahrzehnt, das hier untersucht wird, noch einmal erheblich an Fahrt auf.
Dabei ging es zunächst um sogenannte Hybridmodelle, die den Buchbestand mehr und mehr um digitale Angebote (Non-Books, digitale Ausleihplattformen, digitale Arbeitsplätze) erweiterten. Das Printangebot stagnierte oder schrumpfte dabei in vielen Bibliotheken schon deshalb, weil die finanziellen Mittel nicht für beides, für ein breit gefächertes Buchangebot und für digitale Medien und Info-Plätze, ausreichten.
Für nicht wenige Bibliotheks-Verantwortliche war es aber auch eine ausgemachte Sache, dass »Bücher in Bibliotheken rasant an Bedeutung verlieren«1 oder, noch weitergehend im Befund, dass »Bücher im Digitalzeitalter physisch verschwinden werden«2.
Mit der endgültigen Verabschiedung von der »Gutenberg-Ära« und vom »Buchzeitalter«3 sind in aller Regel die sogenannten Transformationsmodelle der Öffentlichen Bibliothek begründet, die anstelle der veralteten Ausleihangebote von Print-Medien auf ganz neue Funktionen und Angebote setzen und die auch den altehrwürdigen Institutionen-Namen »Bibliothek« ersetzen wollen durch einen zeitgemäßeren Namen, der inhaltlich auf die neuen Angebote verweist. Auffällig ist dabei im Rückblick der geradezu kulturkämpferische Elan, mit dem manche Bibliotheks-Verantwortliche das Buch als veraltetes Medium abqualifizieren und die »Ablösung der Bibliothek als Papiermuseum«4 oder als bloßes »Medienlager«5 einfordern.
»Dritter Ort« und »Bibliothek der Dinge«
An die Stelle der traditionellen Ausleihangebote der Öffentlichen Bibliotheken (einschließlich digitaler Angebote) sind dabei in den letzten 20 Jahren und verstärkt im letzten Jahrzehnt zwei sehr unterschiedliche Neukonzeptionen von Öffentlicher Bibliothek getreten: die Öffentliche Bibliothek als »Dritter Ort« und als »Bibliothek der Dinge«, nicht immer, aber überwiegend miteinander kombiniert.
Die Öffentliche Bibliothek als »Dritter Ort« knüpft an US-amerikanische Vorbilder an (Ray Oldenburg, 1989) und definiert Bibliothek neu als »lebendigen Erlebnisraum mit hoher Aufenthaltsqualität und vielfältigen Möglichkeiten, sich auszutauschen und weiterzubilden«6. Dieses »Wohnzimmer der Stadt«7 grenzt sich ab vom »ersten Ort«, dem eigenen Zuhause, und dem »zweiten Ort«, dem Arbeitsplatz oder auch der Schule.
Diesem auch im Ausland inzwischen weit verbreiteten neuen Bibliothekskonzept fehlt allerdings – zumindest in Deutschland – noch die funktionale Verknüpfung und die quantitative Abgrenzung von Kommunikations- und Veranstaltungsbereich auf der einen und von den Ausleihangeboten an Büchern und digitalen Medien auf der anderen Seite, im Besonderen im Blick auf die Finanzierung. Und das noch verbleibende Buchangebot rückt dabei (mit Ausnahme der Kinderbibliotheks-Angebote) oft auf einen hinteren Platz oder wird zu einer Art stimmungsvollem Dekor der Arbeits-, Club- und Veranstaltungsräume.
Hinzu kommt ein weiteres Bedenken: Wenn »Bibliothek« als Leitbegriff abgelöst werden soll durch »Dritter Ort«, dann teilen wir uns aktuell dieses Institutionen-Label mit Museen und Kunstgalerien, die ebenfalls beanspruchen, »Dritte Orte« zu sein – und verlieren so nicht nur unsere Jahrtausende alte Tradition als Bibliotheken, sondern mit dem neuen öffentlichen Namen als »Dritter Ort« auch das Alleinstellungsmerkmal als Medien- und Informationsanbieter8.
Das zweite Konzept für ein zeitgemäßes Bibliotheksangebot ist die »Bibliothek der Dinge« mit einem Schwerpunkt auf dem »Makerspace«. Damit gemeint ist eine offene Werkstatt, in der man technische Alltagsgeräte, wie zum Beispiel Akkuschrauber, Nähmaschine, 3D-Drucker, Sportgeräte und so weiter, kennenlernen und, soweit möglich, auch ausleihen kann. Und in der man zugleich auch das Knowhow ihres Einsatzes erlernen kann, eventuell begleitet von Ausleihangeboten an spezifischer Fachliteratur.
Auch hier gilt aber der Vorbehalt, dass solche Angebote auch von anderen Einrichtungen gemacht werden, zum Beispiel im Bereich der Jugendarbeit oder in Bürgerzentren, und dass auch die finanziellen Rahmenbedingungen hier noch weitgehend ungeklärt sind, vor allem in der Begründung einer Finanzierung solcher Angebote aus Steuermitteln.
Aber unabhängig von diesen Fragestellungen gilt es hier einen Sachverhalt vorab zu prüfen: Ob die entscheidende Voraussetzung dieser neuen Bibliothekskonzepte überhaupt vorliegt, ob das digitale Zeitalter, in dem wir uns zweifelsfrei befinden, auch das Buchzeitalter definitiv beendet hat.
2. Medienwandel und Bibliotheksnutzung im letzten Jahrzehnt (2016–2025): Eine Bilanz in Zahlen
Beim Vergleich der Jahre 2016 und 2025 in der Deutschen Bibliotheksstatistik lässt sich eine veränderte Mediennutzung sowie eine fortschreitende Digitalisierung erkennen.
Wichtig bei der Betrachtung der DBS-Zahlen ist, dass die Beteiligung freiwillig ist. Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass der Rückgang der teilnehmenden Bibliotheken um 12,3 % mit echten Standortschließungen einhergeht. Berücksichtigt man den Wegfall dieser 929 teilnehmenden Bibliotheken, ist der physische Bestand pro Standort in den neun Jahren rechnerisch nur um 0,128 % gesunken.
Die Entleihungen im physischen Bestand zeigen, dass die Medien vor Ort im Jahr 2025 pro Bibliothek um 7,47 % weniger häufig entliehen wurden als noch 2016 (insgesamt -18,89 %). Der Grund für den Rückgang ist aber nicht eine geringe Ausleihe im Segment Buch, sondern im Bereich Non-Books (CDs, DVDs et cetera). Das Medium Buch bleibt im Print-Bereich stabil; es zeigt sich sogar ein Anstieg der Ausleihen um 7,7 %.
Seit dem Jahr 2018 wird der Bestand in der DBS nicht mehr nach physischen und E-Medien aufgeschlüsselt abgefragt. Der massive Anstieg der E-Medien-Entleihungen um 167,15 % insgesamt (beziehungsweise um rund 205 % pro Standort) lässt jedoch darauf schließen, dass das digitale Angebot in Summe stark ausgebaut wurde. Da die DBS keine feinteilige Differenzierung nach Warengruppen abbildet, lassen sich inhaltliche Verschiebungen – insbesondere der Rückgang beim Sachbuch und der Boom der Belletristik – nur über die Marktdaten des Börsenvereins und das ID-Titelvolumen anzeigen.
Obwohl es in Summe weniger Standorte gibt, ist die Anzahl der Veranstaltungen um 17,59 % gewachsen (pro Standort ein Zuwachs von 34,14 %) – ein deutlicher Beleg für den Wandel von der »klassischen« Bibliotheksnutzung zum Dritten Ort.
Gesamtmarkt versus Bibliotheksauswahl
Öffentliche Bibliotheken verzeichnen zwar einen Anstieg von 7,7 % bei den Printmedien-Ausleihen pro Standort, das entspricht jedoch nicht den Entwicklungen auf dem deutschen Buchmarkt im selben Zeitraum. Während im Jahr 2016 noch 85 486 Neuerscheinungen publiziert wurden (Erst- und Neuauflagen), sind es 2025 nur noch 59 820 Neuerscheinungen - ein Rückgang von 30,02 %. Interessant dabei ist, dass der Anteil der Erstauflagen an den Neuerscheinungen dennoch um 2,82 % gestiegen ist (von 85,18 % auf 88,00 %).
Ein Blick auf die Umsatzanteile der einzelnen Warengruppen zeigt, dass die Belletristik den größten Zuwachs verzeichnet, gefolgt von einem weitgehend stabilen Kinder- und Jugendbuch-Anteil, wohingegen die weiterhin stärkste Warengruppe – das Sachbuch – den größten Rückgang verzeichnet.
Diese Entwicklung lässt sich auch im Informationsdienst Buch (ID) der ekz.bibliotheksservice GmbH ablesen: Während der ID im Jahr 2016 ein Titelvolumen von 15 011 umfasste, waren es 2025 noch 12 763 Titel – ein Rückgang um 14,98 %.
Die einzelnen Buchgruppen entwickeln sich ähnlich wie die Buchproduktionen der Verlage: Die Schöne Literatur verzeichnet als einzige Buchgruppe einen Zuwachs von 7,12 %, das Jugendbuch sinkt im Zeitraum von 2016 bis 2025 nur um 2,96 % und bleibt somit nahezu stabil, während das Sachbuch um deutliche 28,72 % rückläufig ist.
Haupttreiber für den einzigen Gewinner – die Belletristik – sind Trendthemen wie New Adult und Dark Romance. Diese verzeichnen seit dem ersten TikTok-Hype (BookTok) einen enormen Zuwachs, der sich auch auf der Frankfurter Buchmesse zeigt (seit 2024 gibt es dort eine eigene Halle für das Genre New Adult). Viele Informationen werden mittlerweile digital über Podcasts, YouTube-Videos und Reels konsumiert.
Die deutlichen Verluste im Sachbuch lassen sich unter anderen mit dieser Verlagerung der Informationsbeschaffungen ins Digitale erklären. Dass der Kinder- und Jugendbuchbereich dagegen eine stabile Säule bleibt, dürfte vor allem an dem weiterhin hohen Stellenwert der Leseförderung liegen.
Der Bibliotheksbestand verändert sich folglich nicht nur durch die Entwicklungen auf dem Buchmarkt, sondern auch durch diese veränderten Informationswege, durch Schwerpunktsetzungen (wie die Leseförderung), durch ein gewandeltes Nutzer/-innenverhalten sowie die reduzierten beziehungsweise stagnierenden Budgets des Medienetats.
Der Wandel im Nutzungsverhalten zeigt sich beim Sachbuch besonders deutlich: Die Informationsbeschaffung zu (Fach)Themen hat sich sehr stark ins Digitale (Podcasts, YouTube, Reels et cetera) verlagert, und die Auswahl wird hier zweifellos entsprechend granularer und bedarfsorientierter ausfallen müssen als in der Vergangenheit. Dagegen bleibt die Leseförderung bei Kindern und Jugendlichen auch weiterhin zentral.
Sieht man alle hier aufgezeigten Entwicklungen im Zusammenhang, so kann von einem »rasanten Bedeutungsverlust der Bücher in unseren Bibliotheken«1 so pauschal keinesfalls die Rede sein, ganz im Gegenteil hat das Medium Buch in der Ausleihe sogar zugelegt.
Und selbst beim Sachbuch, das zweifellos der Verlierer der Digitalisierung ist, kann angesichts der hier präsentierten Zahlen von einem durchgreifenden Bedeutungsverlust keine Rede sein. Vielmehr haben wir es mit einer sukzessiven Anpassung an veränderte Wertigkeiten von Büchern und digitalen Publikationsformen zu tun.
Auch wenn es hier künftig nicht mehr das Ziel ist, einen möglichst breiten Bestand vorzuhalten, so wird man unseres Erachtens auf absehbare Zeit keinesfalls auf einen bedarfsorientiert fokussierten und nach gezielten Schwerpunkten ausgewählten (»kuratierten«) Sachbuchbestand verzichten können.
3. Der Wandel der Medienwelt im letzten Jahrzehnt: Eine qualitative Bilanz
Bedeutungsverluste und Bedeutungswandel beim Sachbuch
Nimmt man das weite Feld des wissenschaftlichen Publizierens heute, im Blick auf den Medienwandel, genauer in den Blick, dann ergibt sich ein sehr differenziertes Bild9.
In den Naturwissenschaften, den Technik-Fächern und der Medizin sind weit über 90 % der Publikationen inzwischen digital: überwiegend in digitalen Zeitschriften, Plattformen oder Papers, davon circa 60 % bis 70 % »Open Access«. Ausnahmen sind hier die Lehr- und Handbücher.
In den Geistes- und Kulturwissenschaften ist dagegen nach wie vor das Buch das mit weitem Abstand bevorzugte Medium der Wissenschaftskommunikation geblieben (in der Regel begleitet, meist allerdings zu einem späteren Zeitpunkt, von der digitalen Publikation).
In den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften hingegen halten sich heute digitale Publikationen (vorwiegend in wissenschaftlichen Zeitschriften und Papers) und Buchpublikationen in etwa die Waage.
Diese Ausdifferenzierung unterschiedlicher Publikationsformen im Hochschulbereich führte – nur auf den ersten Blick überraschend! – zu einer qualitativen Aufwertung des Buches. Denn bei der Aufgabenteilung zwischen digitalen Publikationswegen und der klassischen Buch-Publikation konnte sich als die Publikationsform das Buch profilieren, die sich für umfangreichere, komplexe und anspruchsvolle Darstellungen und für eine konzentrierte und reflektierende Lektüre (»tiefes Lesen«)10 als weit besser geeignet erwiesen hat als die elektronische Publikationsform. Die wiederum hat sich als besonders geeignet für kürzere und/oder kumulative Texte und für die wissenschaftliche Kommunikation unter engen Zeitvorgaben herauskristallisiert.
Wenn auf 100 elektronische Zugriffe in wissenschaftlichen Bibliotheken fünf Buch-Ausleihen kommen11, so relativiert sich diese Vergleichszahl doch erheblich durch den in der Regel eben sehr viel umfangreicheren und komplexeren Informationsgehalt eines Buches.
Diese Aufwertung des Buches gilt inzwischen aber nicht nur für den Wissenschaftsbetrieb, sondern für das gesamte öffentliche Leben: Angesichts der Knappheit und der Flüchtigkeit vieler Informationen in der digitalen Welt, hat sich das Buch zu einem »Premiumprodukt der Informationswelt«12 entwickelt.
Ob Wissenschaftler/-innen, Politiker/-innen oder Personen des öffentlichen Lebens, ob Schriftsteller/-innen oder Journalist/-innen: Wer auf seriöse Weise ins Gespräch kommen will, wer die öffentliche Meinung nachhaltig beeinflussen will, schreibt heute ein Buch – was wiederum Konsequenzen haben muss für den Bestandsaufbau, zum Beispiel bei der Staffelung besonders wichtiger oder stark nachgefragter Titel.
Internet und »Soziale Medien«
Das Internet, das einst mit der Hoffnung einer universalen Wissensplattform für alle Bürger/-innen gestartet wurde und das auf dem Smartphone zu einem mobilen Informationszentrum wurde, hat sich spätestens im letzten Jahrzehnt zu einem »Schnipsel-Sammelsurium« von flüchtiger Konsistenz gewandelt, voll von dubiosen Beiträgen, von Werbung und Bezahlschranken, in dem man seriöse Informationen nur noch mühsam auffindet.
Durch die auch im Internet seit kurzem allgegenwärtige KI, die mit ihrem völlig unverbürgten und kaum belastbaren (und trotzdem bei Google ganz oben platzierten) Antwort-Angebot auf alle Wissensfragen nicht nur die einzelnen Webseiten des Internets in den Hintergrund drängt, sondern auch aktuell Wikipedia, der Insel der Zuverlässigkeit im Internet, die Luft abschnürt13, wird aus dem universalen Wissensspeicher eine Antwort-Maschine von grundsätzlich fraglicher Qualität.
Da in dieser Weise aus dem Internet ein Forum systematischer Desinformation wird, könnten Bibliotheken hier einerseits wieder die Funktion von Expertinnen und Experten übernehmen, die Wege zu gesicherten digitalen Informationen aufzeigen, und andererseits als seriöse Alternative zur Desinformations-Flut im Netz einen Grundbestand an Lehr- und Handbüchern, an Sachbüchern und Fachlexika bereithalten.
Zum qualitativen Wandel der digitalen Welt gehört auch der Wandel der Sozialen Medien von einem (ursprünglich angestrebten) Forum des sozialen Austauschs, der demokratischen Teilhabe und der Freundschafts-Intensivierung in einen (dank Algorithmen) Multiplikator der gesellschaftlichen Polarisierung, subjektiver Vorurteile und absurder Verschwörungstheorien – mit der Konsequenz eines Auseinanderdriftens der Gesellschaft, des Zerfalls der bürgerlichen Öffentlichkeit und einer Gefährdung unserer Demokratie.
Aus diesen Entwicklungen ergibt sich unserer Meinung nach für unsere Bibliotheken ein (wieder) aktuelles Aufgabenfeld, das mit ihrem traditionellen Bildungsauftrag eng verknüpft ist: die Bereitstellung und Erschließung seriöser (physischer oder digitaler) Informationsquellen und ein großzügiges Angebot persönlicher Treffpunkte in den Räumen der Bibliothek, verknüpft mit zusätzlichen Angeboten der Leseförderung und der Vermittlung von Medienkompetenz (vorrangig, aber nicht nur) bei Kindern und Jugendlichen.
Die Lücken beim E-Book
Aber auch das digitale Angebot der öffentlichen Bibliotheken selbst hat bekanntlich derzeit ärgerliche Lücken. Etwa 70 % der Besteller und 30 % der sonstigen Neuerscheinungen (Schöne Literatur) beziehungsweise 20 % (Sachliteratur) sind als E-Books für die Ausleihe nicht verfügbar, da die Verlage die digitalen Lizenzen zur Ausleihe ihrer Neuerscheinungen bis zu einem Jahr nach Erscheinen zurückhalten14.
Da hier eine einvernehmliche Regelung immer noch aussteht, müssen die in unseren Bibliotheken digital nicht verfügbaren Neuerscheinungen zwingend als Buch angeboten werden und die Etatansätze entsprechend umgeschichtet werden.
Zwischenbilanz
Zieht man hier eine Zwischenbilanz, so erscheinen uns folgende Fakten und Entwicklungen gesichert: Trotz der deutlichen Verschiebungen zulasten der Sachliteratur und des Sachbuchs und zugunsten der digitalen Medien in der Bibliotheks-Ausleihe und – Nutzung hat das Sachbuch gleichzeitig qualitativ an Bedeutung gewonnen, auch aufgrund der Fehlentwicklungen beim Internet und in den Sozialen Medien.
Und während für die Kinder- und Jugendliteratur – mit einer Zentralstellung des Buches – nach wie vor eine fast konstante Nachfrage zu verzeichnen ist, erfreut sich die Belletristik, auch und gerade in Buchform, eines regelrechten Nachfrage-Hypes, sodass man für unseren Zeitraum insgesamt sogar von einer »Renaissance des Buches«15 sprechen kann.
Von einem »physischen Verschwinden der Bücher im digitalen Zeitalter«16 kann jedenfalls bis heute keine Rede sein.
Wenn in vielen Diskussionen unseres Berufsstandes, die um ein modernes Bibliothekskonzept im digitalen Zeitalter geführt wurden, dieser differenzierte Funktions- und Bedeutungswandel von Büchern, E-Books und digitalen Publikationen nicht oder nur unzureichend gesehen und stattdessen immer wieder das »Ende des Buchzeitalters« ausgerufen wurde, so hat das vielleicht auch einen recht banalen Grund: Seit den Zeiten Marshall McLuhans und des von ihm deklarierten Endes der »Gutenberg-Galaxy« (1962) ist das Verständnis des tiefgreifenden Wandels der Medienwelt geprägt von der Fixierung auf Gutenbergs Revolution des Publizierens, die Handschriften ein für alle Mal obsolet gemacht hat.
Hätte man dagegen die Konkurrenz des Autos für die Eisenbahn oder des Fernsehens für das Kino als historischen Vergleichspunkt ins Auge gefasst, so wäre eine differenzierte Analyse des Funktionswandels des Buches im digitalen Zeitalter wohl leichter gefallen.
Und die Wünsche der Nutzer/-innen?
Fragt man die Nutzer/-innen unserer Bibliotheken nach ihren Wünschen und Erwartungen, so ergab sich zuletzt 2015 folgendes Bild: 93 % der Befragten wünschten sich ein umfangreiches Medienangebot sowie eine breite Medienpalette, 87 % eine Wohlfühl-Atmosphäre und 81 % fachliche Beratung und geschultes Personal. Der Wunsch nach Sonntagsöffnung und nach einem Ort, an dem man viele interessante Menschen treffen kann, rangierte dagegen unter den Bibliotheksnutzerinnen und -nutzern damals bei 34 % beziehungsweise 27 %.
Diese Ergebnisse der zitierten Allensbach-Studie von 2015 (in Auftrag gegeben von der ekz.bibliotheksservice GmbH) wurden in der Fachdiskussion zu Recht dahingehend bewertet, dass die Öffentliche Bibliothek bisherigen Zuschnitts noch immer eine »hohe Akzeptanz« bei ihren Nutzerinnen und Nutzern habe und sie mit ihrem gegenwärtigen Angebot »bemerkenswert unbeschädigt dastehe«17.
Eine Neuauflage dieser Umfrage wäre allerdings dringend zu wünschen! Dabei sei hier eine Prognose gewagt: Tiefgreifende Verschiebungen werden bei den Erwartungen unserer Benutzer/-innen eher nicht zu erwarten sein.
4. Aktuelle, zusätzliche Aufgabenstellungen als Herausforderung Öffentlicher Bibliotheken
Leseförderung
Die neueste PISA-Studie der OECD (vorgestellt auf einer Bundespressekonferenz am 8. September 2026) zeigt von 2015 bis heute einen Rückgang der Lesekompetenz bei den 15-Jährigen von 509 auf 465 Punkte. Damit fehlt aktuell jedem dritten Jugendlichen in unserem Land die Basis für schulisches und berufliches Lernen und für eine demokratische Teilhabe.
Die Appelle, die »Leseförderung zu einer Kernaufgabe der öffentlichen Bibliotheken« zu machen, finden sich im letzten Jahrzehnt in BuB fast regelmäßig in unterschiedlicher Dringlichkeit18. Ähnlich häufig lesen sich dort aber auch die Klagen über eine mangelnde institutionelle Verzahnung der Leseförderung der Bibliotheken mit den anderen Bildungseinrichtungen.
Das ist umso bedauerlicher, als alle Maßnahmen und Angebote zur Leseförderung – anders als etwa die der neu konzipierten »Bibliothek der Dinge« – vom öffentlichen Bildungsauftrag der Bibliotheken völlig abgedeckt und überdies gesellschaftlich dringend erwünscht sind.
Zur institutionellen Leseförderung der öffentlichen Bibliotheken gehört – wohl unstrittig – unabdingbar ein attraktives, kuratiertes Medienangebot im Kinder- und Jugendbereich, in dessen Mittelpunkt nach wie vor das Buch steht. Die im zweiten Abschnitt dieses Beitrages ausgewerteten Statistiken zeigen (unter anderem mit einer Zunahme des Anteils der Kinder- und Jugendbücher an den ID-Besprechungen von über 3 Prozent) entsprechend auch die ungebrochene Attraktivität des Buches für viele Kinder und Jugendliche – und das trotz oft stundenlangen Konsums von »Social Media«.
Und dieser Befund gilt sicherlich auch für Schulbibliotheken, in denen die Leseförderung in aller Regel ganz oben in ihrem Aufgabenkatalog erscheint.
Demokratieförderung
Der bisher kaum gebremste Siegeszug des Rechtspopulismus in der westlichen Welt und der AfD in Deutschland, die Fülle der Fake News und demagogischer Beiträge in den sozialen Medien, der Prestigeverlust der Wissenschaften, vor allem in der Corona-Zeit – all dies hat zu einem Zerfall der demokratischen Öffentlichkeit und einer akuten Gefährdung der Demokratie bei uns wie in der gesamten westlichen Welt geführt.
Mit diesen Entwicklungen sind aber auch – nach unserer Meinung und nach Meinung vieler Fachkolleginnen und -kollegen21 – die Öffentlichen Bibliotheken als ein Fundament und als Garanten der Informationsfreiheit aufgefordert, sich hier viel stärker zu engagieren: Mit systematischen Schulungsangeboten zur Medien- und Informationskompetenz und mit weiterführender Programmarbeit, mit öffentlichem Engagement für den Erhalt unserer Demokratie (bei parteipolitischer Neutralität), mit Demokratie-Workshops und mit Veranstaltungen, die demokratische Grundhaltungen fördern und stärken.
Der Unterbau all dieser Maßnahmen muss ein gezielt ausgewähltes Medienangebot sein, in dem das Buch – als die für geistige Differenzierung und medienkritische Sensibilisierung besonders geeignete Publikationsform – eine herausragende Rolle spielt.
Dies gilt auch im Blick auf die hier vor allem relevanten Bestandsgruppen Politik und Soziologie, in denen die allermeisten wichtigen (populär-) wissenschaftlichen Publikationen in Buchform erscheinen.
5. Konsequenzen
Ein Plädoyer für die »Hybrid-Bibliothek«
Sind die oben gemachten Beobachtungen zum Wandel der Medienwelt im letzten Jahrzehnt richtig, insbesondere was die Defizite der digitalen Medien und was die quantitative Abwertung und zugleich qualitative Aufwertung des Sachbuches angeht, dann kann unseres Erachtens die moderne Bibliothek von heute nur eine »Hybrid-Bibliothek« sein.
Ihre Grundlage ist eine genau kalkulierte Balance zwischen konventionellen Ausleih- und Präsenz-Angeboten auf der einen und modernen Arbeitsplätzen und Gruppen- und Veranstaltungsräumen auf der anderen Seite sowie (innerhalb des Ausleihangebotes) eine ebenso genau kalkulierte Balance zwischen Büchern beziehungsweise Printmedien auf der einen und den Non-Books und digitalen Quellen auf der anderen Seite.
Diese hybriden Bibliotheken sind insofern auch »Dritte Orte«, als sie in ihren Gruppen- und Veranstaltungsräumen Schulungen und Veranstaltungen organisieren, die im Schwerpunkt im Rahmen ihres aktuellen (zusätzlichen) Aufgaben-Kataloges der Leseförderung und der Demokratieförderung stehen. Dadurch ergibt sich aber keineswegs die Notwendigkeit, unsere Öffentlichen Bibliotheken umzubenennen: Bibliotheken haben sich in ihren Zielen und Angeboten immer wieder gewandelt, ohne dass sie ihren altehrwürdigen Namen je preisgegeben hätten – und dazu besteht unseres Erachtens auch heute keinerlei Notwendigkeit.
Ein weiterer Ausbau an Dienstleistungen Öffentlicher Bibliotheken, zum Beispiel von Zweigstellen als »Dritte Orte« oder als »Bibliotheken der Dinge« und »Makerspace« darf unseres Erachtens keinesfalls auf Kosten eines ausgewogenen Ausleihangebotes an Medien und eines kuratierten und genau kalkulierten Buchangebotes gehen. Und dieses Buchangebot ist und bleibt nach wie vor die Visitenkarte und das Herzstück jeder Öffentlichen Bibliothek.
Bibliothekarinnen und Bibliothekare als Anwältinnen und Anwälte der Lesekultur
Angesichts des Rückgangs der Lesefähigkeit, der Auflösungserscheinungen unserer demokratischen Öffentlichkeit und der Destabilisierung unserer Demokratie (und das hängt alles miteinander eng zusammen) sollten Bibliothekarinnen und Bibliothekare den Mut haben, sich als Anwältinnen und Anwälte und Multiplikatorinnen und Multiplikatoren der Buch- und Lesekultur zu positionieren.
Denn das Buch hat – wie wir zu zeigen versucht haben – nach wie vor einen zentralen Stellenwert im Informations- und Unterhaltungsangebot Öffentlicher Bibliotheken, in der Lese- und Literaturförderung (»tiefes Lesen«) und im Erwerb von Medienkompetenz. Darüber hinaus ist das Buchangebot in unseren Bibliotheken eine Antwort auf die aktuellen Lücken, Defizite und politischen Gefahren der digitalen Medienwelt.
Kuratierung und Marktsichtung
Der gezielte Einsatz von Büchern in der »Hybrid-Bibliothek« setzt neben einer genauen Nachfrage- und Nutzungskalkulation aber – wie schon angesprochen – immer auch eine Kuratierung der betroffenen Bestandsgruppen voraus. Und das heißt, dass vor den Nutzungszahlen die grundsätzliche Bedeutung von Buchbestandsgruppen im Rahmen aktueller Aufgabenstellungen der Bibliothek zu ermitteln ist.
Anders gesagt: Wo immer die Aufgabenschwerpunkte einer öffentlichen Bibliothek heute liegen – und das sollten unseres Erachtens allem voran die oben beschriebenen aktuellen Aufgabenstellungen sein –, muss das dazu jeweils grundsätzlich notwendige Buchkontingent genau ermittelt werden.
Denn »kuratiertes Wissen und qualitativ besprochene Medien sind gerade in der heutigen Zeit noch bedeutender als je zuvor«22. Genau hier profitieren die deutschsprachigen öffentlichen Bibliotheken von dem weltweit einzigartigen Netzwerk der Lektoratskooperation (Leko).
Innerhalb der Leko wird der gesamte deutschsprachige Medienmarkt von Büchern und Non-Book-Neuerscheinungen gesichtet. Das Netzwerk ist ein kollegiales Angebot zur Entlastung der öffentlichen Bibliotheken mit Strukturen, die sich seit nunmehr 50 Jahren, trotz allen inhaltlichen Wandels, mehr als bewährt haben23. Rund 450 Bibliothekspraktiker/-innen liefern hier Jahr für Jahr um die 14 000 Begutachtungen und bilden als »Lektorinnen und Lektoren der öffentlichen Bibliotheken« und »Anwältinnen und Anwälte der Lesekultur« das eigentliche Herzstück des Bestandsaufbaus – als verlässliche Grundlage für ein fokussiertes und kuratiertes Buchangebot in unseren Bibliotheken.
1 Bernd Schleh: Die richtige Balance finden, in: BuB 69 07/2017. S. 361
2 Najine Ameli, Oliver Stengel: Expertinnen für Verleihsysteme, in: BuB 75 11/2023, S. 562-565 (Zitat S. 562)
3 So übrigens schon eine Diagnose Hans-Dieter Küblers von 1983 (Ende des Buchzeitalters?, in: BuB 35 3/1983, S. 197-209; Zitat S. 207 f.), der sich dabei auf Marshall McLuhans berühmte Diagnose vom Ende der »Gutenberg-Galaxy« von 1962 stützen konnte.
4 Dirk Wissen: Digitalisierung verändert Bibliotheken, in BuB 68 07/2016, S. 407
5 Hannelore Vogt, Bettina Scheurer, Hans-Bodo Pohla: Orte für Kreativität und Wissenstransfer, in BuB 69 01/2017, S. 20-25 (Zitat S. 25)
6 So eine aktuelle Positionsbestimmung des dbv von 2026
7 Melike Peterson: Die Stadt als Wohnzimmer, in: BuB 73 01/2021, S. 4 f.
8 Eine ähnliche Kritik aus niederländischer Sicht formuliert Rob Bruijnzeels in einem Interview BuB 77 02-03/2025, S. 68 f.
9 Dazu grundlegend Urs Bisig: Die Bibliotheken, die Welt der Bücher und die heutigen Trends, in: Bibliotheksdienst 56 (2022) 56, 3-4, S, 227-239 (Leider ist Bisigs prägnante Analyse des medialen Wandels in Wissenschaftlichen Bibliotheken und in der Öffentlichkeit von den Kolleginnen und Kollegen aus den Öffentlichen Bibliotheken kaum zur Kenntnis genommen worden). Ergänzend: Sonja Grund, Martin Lätzel, Maike Manske: Ein neuer Ort für Kultur und Wissenschaft, in: Bub 78 06-07/2026, S. 177-181. Zu »open access« u. a. Monika Weber, Sichtbar-Werden, in: BuB 75 02-03/2023, S. 88 f.
10 Vgl. dazu auch Gerhard Lauer: Lesen im digitalen Zeitalter, Freiburg 2020
11 Vgl. Wolfram Horstmann: Was ist eine wissenschaftliche Bibliothek heute?, in: Bibliothek. Forschung und Praxis, Band 48/2024, Heft 2
12 Urs Bisig. a.a.O., S. 236
13 Vgl. hierzu die ausführliche Berichterstattung in BuB, 75 07/2023, S. 340-368.
14 Vgl. hierzu u. a. Barbara Schleihagen: Buch ist Buch. Der lange Weg zur gesetzlichen Regelung für E-Books in Bibliotheken, in BuB 74 02-03/2022, S. 96-101, und Jan-Pieter Barbian: Ein Kampfplatz mit vielen Verlierern, a.a.O., S. 104-106)
15 So z. B. die »Frankfurter Rundschau« vom 20. 05. 2022 (»Das Buch stirbt durch die Digitalisierung nicht aus, sondern wird zu einem ganz besonderen Erlebnis.«)
16 S. Anm. 2
17 Ulla Wimmer: Rolle vorwärts. Das Profil der Bibliothek der Zukunft , in: BuB 68 05/2016, S. 260-265 (Zitate auf S. 264 f.)
18 So z. B. in einer Stellungnahme des dbv in BuB 72 01/2020, S. 2 oder in einem wegweisenden Beitrag Jan–Pieter Barbians: Alarmierend. Warum die unzureichende Lesekompetenz der Viertklässler in Deutschland uns auch als Öffentliche Bibliotheken zum Handeln zwingen sollte, in: BuB 75 02-03/2023, S. 111 – 113
19 Eine Ausnahme ist der Beitrag von Asso Babaie: Bibliotheken und Integration, in: BuB 74 08-09/2022, S. 450 f., der allerdings leider nur ansatzweise konkret wird.
20 A. Babaie, a. a. O., S. 450
21 Stellvertretend für eine ganze Reihe von BuB-Beiträgen sei hier verwiesen auf: Kristin Bäßler, Holger Krimmer: Bibliotheken – Informationsgaranten für eine demokratische Öffentlichkeit, in: BuB 76 05/2024, S. 244 f.
22 Mehedizz Gürle: Ohne die Leko wäre unsere Berufswelt ärmer, in BuB 78 06-07/2026, S. 140 f. (Zitat S. 141)
23 Die umfangreiche Bilanz von Heike Meinhardt in »40 Jahre Lektoratskooperation« (Metzingen 2026, S. 16-100 und hier insbesondere S. 96 f.) ist unseres Erachtens auch heute noch fast unverändert gültig.

Diskussion