Klassentreffen in Bad Urach

Drei Tage, ein Motto: Barrieren abbauen. Was Bibliotheksfachleute aus Baden-Württemberg über Teilhabe, Geld und Zusammenarbeit gelernt haben.
In Bad Urach dreht sich drei Tage lang alles um Bibliotheken, in diesem Jahr unter dem Aspekt »Bibliotheken bauen Brücken«. Foto: Kirsten Wieczorek

Bereits zum 22. Mal fand im »Haus auf der Alb« in Bad Urach die »Fachtagung zur Zukunft der Bibliotheken« statt. Eingeladen hatten die Landeszentrale für politische Bildung und die vier Fachstellen bei den Regierungspräsidien in Freiburg, Karlsruhe, Stuttgart und Tübingen. 

In diesem Jahr war die Fachstelle Stuttgart mit ihrer Leiterin Kirsten Wieczorek federführend für die Veranstaltung verantwortlich, gemeinsam mit Dr. Markus Stadtrecher, Leiter der Abteilung 3 »Demokratisches Engagement« bei der LpB. Als Moderator der Tagung konnte wieder Prof. Dr. Tom Becker, Direktor der Stadtbibliothek Hannover, gewonnen werden.

In Bad Urach dreht sich drei Tage lang alles um Bibliotheken, in diesem Jahr unter dem Aspekt »Bibliotheken bauen Brücken«. Die Fachtagung ist im Bundesland inzwischen sehr bekannt und wird von langjährigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern als »Klassentreffen« wahrgenommen. 

Kommunen am Limit: Bibliotheken als freiwillige Leistung

Die Keynote hielt Dr. Matthias Knecht, Vorsitzender des dbv-Landesverbands Baden-Württemberg und Oberbürgermeister der Stadt Ludwigsburg. Für ihn sind Bibliotheken Dritte Orte, an denen Menschen zusammenkommen und Zusammenarbeit ermöglicht wird und das inklusiv und integrativ. 

Er weiß aber auch um das Spannungsfeld zwischen der allgemein angespannten Finanzlage und dem gesellschaftlichen Auftrag. Ebenso um die Diskussion um freiwillige Aufgaben und Pflichtaufgaben besonders im kulturellen Bereich. 

Die Kommunen seien am Limit, was der erst kürzlich stattgefundene Aktionstag deutlich gezeigt habe. Es seien Spielräume für eigene Entscheidungen nötig. Vor allem sieht er die Notwendigkeit die Fachstellen auszubauen und die Förderstrukturen zu stärken.

Bettina Stäb vom Gemeindetag Baden-Württemberg und Ingo-Felix Meier vom dbv Landesverband Baden-Württemberg griffen das Thema KOMMUNEN AM LIMIT nochmals auf. Frau Stäb verwies auch auf die Fördergelder, die die Fachstellen im Rahmen des Bibliotheksförderprogramms verteilen können. Dies sind aber lediglich 60 000 € insgesamt pro Jahr.  

Bibliotheken als freiwillige Leistung einer Kommune sind im ständigen Kampf um genügend Personal und ausreichende finanzielle Mittel. Frau Stäb rief dazu auf, auch im Negativen sichtbar zu machen, was Budget- und Personalkürzungen bedeuten. 

Es müsse auch klar sein, dass eine Reduzierung der Öffnungszeiten wenig bringt, da das Personal ja trotzdem seine Stunden leistet und sein Gehalt bekommt.

Barrierefreiheit ist keine Sonderleistung, sondern eine Voraussetzung zur Teilhabe

Anke Quast von der Kommission Kundenorientierte und inklusive Services im dbv und stellvertretende Leitung der TU Berlin sprach über Barrierefreiheit in Bibliotheken. Sie zeigte auf, dass sich schon vieles zum Positiven geändert hat, wie zum Beispiel die zunehmend barrierefreier werdenden Gebäude, engagierte Mitarbeitende und viele gute Einzelbeispiele. 

Aber oft fehlt die nachhaltige Finanzierung, die passende Qualifizierung und Partizipationsmöglichkeiten. Selten wird die Barrierefreiheit strategisch gesteuert und vieles hängt vom Engagement einzelner Personen ab.
 

Die Kommission des dbv führte gemeinsam mit der Humboldt Universität eine Umfrage durch, bei der alle Bibliothekstypen an insgesamt 951 Standorten befragt wurden. Die daraus abgeleitete Schulnote 3,2 lässt deutlich Luft nach oben. 

Die wichtigsten Punkte waren:

  • Selbstständige Nutzung ermöglichen

  • Mehr Unterstützung statt Einzelkämpfertum

  • Mehr Barrierefreiheit braucht Priorität und Zusammenarbeit.

Die daraus resultierenden Handlungsfelder: Verantwortung übernehmen, Qualifizierung verbessern und Partizipation und Kooperation stärken. Vor allem letzteres sollte mit dem Leitsatz »Nichts über uns ohne uns« umgesetzt werden.

Am Nachmittag des ersten Tages fanden sich Arbeitsgruppen zusammen, die über Themen diskutierten, die vielen Bibliotheksmenschen aktuell auf der Seele liegen. Punkte waren hierbei die Sonntagsöffnung, barrierefreie Webseiten und das Thema Sparen. 

Eine Arbeitsgruppe hatte sich zufällig schon vormittags gemeinsam an einen Tisch gesetzt. Sie nannten sich die »Erstis« oder auch die »anonymen Bibliothekarinnen« und sind alle neu in ihrer Leitungsfunktion. 

Sie alle waren zum ersten Mal bei der Fachtagung in Bad Urach und bemerkten schnell, dass sie die gleichen Themen beschäftigen. Die Empfehlung der »alten Hasen«: Nehmt die Vernetzung mit in den Alltag und nehmt euch die Zeit dafür!

Barrierefreiheit ist kein Akt der Nächstenliebe, sondern ein Menschenrecht

Am zweiten Tag machte Susan Pusunc-Meier den Auftakt. Die Leiterin des Landeszentrums Barrierefreiheit (LZ-BARR) erläuterte, welche Beratungen und Schulungen das LZ-BARR anbietet. Diese umfassen die Themen Bauen, mediale Barrierefreiheit, Information und Kommunikation, Aktionspläne & Zielvereinbarungen und die Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung. 

Einschränkungen sind relativ und perspektivabhängig. Statistisch gesehen lebt jede siebte Person mit einer Beeinträchtigung. 

In der UN-Behindertenrechtskonvention sind vor allem drei Artikel im Bibliothekskontext zu sehen. Diese betreffen die Zugänglichkeit, das Recht auf Information und das kulturelle Leben, bei dem die Bibliotheken explizit aufgeführt sind. 

Der »Curb-Cut-Effekt«, also das Design für alle, bringt viel Positives mit sich. Er besagt, dass Räumlichkeiten, Produkte oder Software von Beginn an so gestaltet sind, dass sie von allen Menschen genutzt werden können. 

So können auch Kosten gesenkt werden, da von Anfang an mitgedachte Barrierefreiheit wesentlich günstiger ist als Verbesserungen im Nachhinein. Nimmt man das Beispiel der Rampen für Rollstuhlnutzende Personen, ist der Mehrwert auch für Eltern mit Kinderwagen oder Reisende mit einem Koffer gegeben.

Die von Frau Pusunc-Meier eingespielten Werbespots zeigten auf: Das Problem ist nicht in erster Linie die Beeinträchtigung, sondern die unvollkommene Umwelt.

Dritte Orte: mehr als Räume und Möbel

Anja Flicker, die Direktorin der Stadtbibliothek Köln, hielt einen Vortrag zum Thema »Bibliotheken als Dritte Orte und Orte des Miteinanders«. 

Frau Flicker war von 2010 bis 2020 Direktorin der Stadtbibliothek Würzburg. Dort war sie maßgeblich an der Umsetzung einer Bibliothek als Dritter Ort in der Stadtteilbibliothek Würzburg-Hubland beteiligt. Aus ihrem weiteren Berufsleben zeigte sie Beispiele von Bibliotheken als Dritten Orten. 

Sie betonte, dass Räume und Möbel nur die halbe Miete sind und auch, dass das Arbeiten im Dritten Ort sehr herausfordernd sein kann.

Nachmittags gab es die Möglichkeit, sich im Workshop-Format mit Anja Flicker zum Thema Bibliotheken als Dritte Orte weiter auszutauschen. Insgesamt konnten fünf verschieden Workshops in drei Runden gewählt werden. Frau Pusunc-Meier bot eine Vertiefung zum Thema Physische Barrieren an. 

Stefanie Schurr, Übersetzerin für Leichte Sprache, ging auf »Sprache als Barriere« ein und zeigte die Unterschiede von Leichter Sprache und Einfacher Sprache auf. Die Teilnehmenden übertrugen in praktischen Beispielen aus dem Bibliotheksalltag Übungstexte in Leichte beziehungsweise Einfache Sprache.

Clara Labuhn und Max Seidel von der lpb stellten das Projekt »Medienlabor Bibliothek« vor. Im Mittelpunkt stehen Medienkompetenz, Fake News, Nachrichten KI und Algorithmen und die Frage, welchen Beitrag Bibliotheken zu einer demokratischen und medienkompetenten Gesellschaft leisten können.

Um unsichtbare Barrieren ging es bei dem Workshop von Julia Merz und Ruth Graß. Für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen wie Autismus, ADHS sowie Entwicklungs- und Teilleistungsstörungen stellen unklare Abläufe, fehlende Orientierung und unausgesprochene Erwartungen erhebliche Hürden dar. 

Ein gutes Hilfsmittel sind hier Social Stories. In praktischen Übungen lernten die Teilnehmenden, was Social Stories sind und wie sie umgesetzt werden.

Vier Praxisbeispiele aus Baden-Württemberg

Am letzten Tag gab es vier Kurzvorträge mit Praxisbeispielen zum Thema Barrieren in Bibliotheken. 

Den Anfang machte Raimar Wiegand aus der Mediathek Mosbach. Die Mediathek startete ein Medienkompetenzprojekt für Kinder und ihre Eltern der Klassen drei bis sechs. Sein Credo: Nichts tun ist keine Option!

Gelungene Beispiele zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit lieferten Sonja Kuhlmann aus der Mediathek Kehl und Gesa Krauß aus der Stadtbibliothek Freiburg. Sie zeigten auf, wie die Zusammenarbeit in den jeweiligen Städten mit den Nachbarländern geregelt ist und welchen Mehrwert die Bürgerinnen und Bürger aller beteiligten Gemeinden davon haben.

Jessica Glauch von der Stadtbücherei Murrhardt hielt einen Vortrag zum Thema Lebendige Bibliothek. Bei diesem Format werden Personen als »lebendige Bücher« ausgeliehen. So können Menschen kennengelernt werden, mit denen sonst kaum Berührungspunkte bestehen.

Zum Abschluss fasste Tom Becker die dreitägige Tagung pointiert und humorvoll zusammen. Seine abschließende Frage »Was bleibt von der Tagung?« beantwortete er mit dem starken Miteinander und Auftanken einerseits und der Vernetzung, den Impulsen und dem Transfer von der Theorie in die Praxis andererseits.

Der nächste Termin für die Fachtagung steht bereits fest: 30.06. bis 02.07.2027.

Andrea Busch schloss im Jahr 2000 die Ausbildung zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste in der Fachrichtung Bibliothek ab und leitet seit Juni 2018 die Bibliothek „Im Kronenhof“ in Böhmenkirch.

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