Ein Ruck zum Lesen

Neues Kooperationsprojekt zur Förderung der Lesemotivation in Hannover stärkt Grundschulkinder durch kreative Angebote und enge Zusammenarbeit.
Besuch einer Kindergruppe in der nächstgelegenen Stadtbibliothek. Fotos: Landeshauptstadt Hannover

Die Landeshauptstadt Hannover baut seit vielen Jahren kontinuierlich die Nachmittagsbetreuung an Grundschulen aus – 48 von 62 Grundschulen sind Ganztages-Schulen mit einem vielfältigen Angebot an Arbeitsgemeinschaften (AGs) am Nachmittag. Das Angebot im Ganztag wird von der Stadt finanziert und über Träger der freien Jugendhilfe organisiert. 2025 stockte der Rat der Landeshauptstadt Hannover die finanziellen Mittel für Ganztagsangebote weiter auf, um ergänzend zu bereits bestehenden Programmen wie dem Lesementoring1 weitere Leseangebote am Nachmittag zu etablieren. Das zuständige städtische Sachgebiet Ganztagsschulangebote nahm daraufhin Kontakt zur Stadtbibliothek auf, um gemeinsam ein entsprechendes Angebot zu entwickeln und kurzfristig umzusetzen.

Stadtbibliothek und Schule in Kooperation

Durch die sehr gute Vernetzung der Stadtbibliothek mit Akteuren im Bereich Leseförderung und Medienbildung sowie die etablierte Informationsstruktur der städtischen Mitarbeiter/-innen im Bereich Schule zu den Trägern der Ganztagsangebote konnte das Projekt »Ein Ruck zum Lesen« innerhalb weniger Wochen an den Start gebracht werden: Erstgespräch im April 2025, Konzeptentwicklung unter Einbindung weiterer Kooperationspartner sowie Vorstellung in einer Online-Infoveranstaltung im Mai, weitere Absprachen und Rückmeldung der Schulen im Juni. Im August 2025 starteten zehn AGs an sieben Grundschulen mit insgesamt 140 Kindern des zweiten und dritten Jahrgangs. Mit Beginn des zweiten Schulhalbjahres im Februar 2026 wurde das Angebot auf zehn Schulen mit 200 teilnehmenden Kindern ausgeweitet, weitere Schulen werden im Sommer 2026 dazu kommen.

Bücherkiste als Konzept zur Leseförderung

»Ein Ruck zum Lesen« greift die Idee der Bücherkoffer auf, die bereits an anderen Orten in Niedersachsen umgesetzt wird und ergänzt diese um Veranstaltungs-Module. Die AG-Gruppen erhalten Bücher sowie Lesespiele in einer wertigen Holzkiste zum Verbleib in den Schulen sowie Büchertaschen, die die Kinder mit nach Hause nehmen. Die pädagogischen Fachkräfte, die die AGs leiten, können folgende Module kostenfrei buchen: Fester Bestandteil jeder »Ruck zum Lesen«-AG sind der Besuch der nächstgelegenen Stadtbibliothek sowie der exklusive Besuch eines Autors/einer Autorin, der über den Friedrich-Bödecker-Kreis Niedersachsen organisiert wird. Weitere Kooperationspartner sind der Freundeskreis der Stadtbibliothek, die ehrenamtliche Vorlesende zur Verfügung stellen, das Medienzentrum der Region Hannover2 mit medienpädagogischen Angeboten sowie die Akademie für Leseförderung Niedersachsen3.

Fortbildung für pädagogische Fachkräfte im Ganztag

Die Akademie für Leseförderung übernahm die Qualifizierung der AG-Leitungen, da pädagogische Mitarbeiter/-innen, die das Ganztagsangebot gestalten und über unterschiedliche berufliche Vorbildungen verfügen, im Regelfall nur wenig Erfahrungen darin haben, wie Lesemotivation geweckt werden kann und Lesekompetenzen nachhaltig gefördert werden können. 

Die Fortbildungen qualifizieren Mitarbeitende methodisch-didaktisch und stärken zugleich die Lesekultur einer Schule durch konkrete Umsetzungsbausteine. Darüber hinaus fördern die praxisorientierten Workshops den kollegialen Austausch und liefern sofort anwendbare Bausteine für den Ganztag.

Methoden zur Lesemotivation im Ganztag

In der Fortbildung »Von Buchcasting bis zu Buchtasting« wurden Methoden zur Lesemotivation im Ganztagsangebot der Grundschule vorgestellt und ausprobiert. Diese umfassten Ideen wie das Lesebarometer oder das Brillenspiel, die das Ziel haben, über das Thema Lesen ins Gespräch zu kommen. Mit Methoden wie Buchvoting, Buchcasting, Booktasting und Blind Date mit Büchern wurde von bibliothekarischer Seite in den vergangenen Jahren ein reichhaltiges Methodenrepertoire entwickelt, von dem pädagogische Mitarbeiter/-innen in ihrem Alltag im Ganztag profitieren können. Diese und weitere Ideen sind auf einem Padlet hinterlegt, das den Teilnehmerinnen und Teilnehmern für ihre weitere Arbeit zur Verfügung gestellt wurde. 

Lesekompetenz durch Sichtwortschatz fördern

In einer weiteren Fortbildung wurden den Teilnehmerinnen und Teilnehmern nach einem kurzen Input zu Sichtwortschatz und Leseflüssigkeit verschiedene Leselernspiele vorgestellt. Der Sichtwortschatz beinhaltet alle Wörter und Wortbestandteile, die wir mühelos erlesen können. Je größer der Umfang, desto flüssiger ist das Lesen. Neben vielen kostenlosen Spielideen zur Förderung des Sichtwortschatzes, die von der Akademie für Leseförderung entwickelt wurden, wurden Spiele verschiedener Verlage vorgestellt, die in den Bücherkisten enthalten sind.

Die Fortbildungsveranstaltungen wurde von den AG-Leitungen als sehr wertvoll und hilfreich erachtet, um das Leseangebot für die Kinder gut anleiten und begleiten zu können. Bei einem Reflexionstreffen im März konnten die pädagogischen Fachkräfte ihre Erfahrungen und Best-Practice-Beispiele teilen und neue Impulse mitnehmen. Der schulübergreifende Austausch sowie die Möglichkeit, Feedback geben zu können, sind aus Sicht der Projektkoordinatorinnen und -koordinatoren elementar, um das Leseprojekt langfristig an den Schulen zu etablieren und die Lesekultur im Ganztag zu stärken. Die AG-Leitungen haben die Möglichkeit, eigene inhaltliche Schwerpunkte zu setzen und bei der Buchauswahl mitzuentscheiden, um das Angebot an die teilnehmenden Kinder anzupassen. 

Im bisherigen Verlauf des Projekts wurde außerdem deutlich, dass die Fachkräfte im Ganztag als eigenständige Zielgruppe neben Lehrkräften zu betrachten sind, denen häufig nicht bekannt ist, dass sie die Dienstleistungen der Bibliothek für Schulen ebenfalls in Anspruch nehmen können. Für die Stadtbibliothek ergibt sich durch »Ruck zum Lesen« neben der engeren Vernetzung mit dem Fachbereich Schule damit ein weiterer Zugang zur Zielgruppe der pädagogischen Fachkräfte sowie der Kinder, die ihre wohnortnahe Bibliothek (erneut) kennenlernen und im besten Falle dauerhaft nutzen.

 

DOI: 10.24403/jp.1550307 

Lena Grether, Diplom-Bibliothekarin, ist seit 2006 in der Stadtbibliothek Hannover tätig. Sie ist stellvertretende Leiterin des 2023 neu gegründeten Teams für Vermittlungsarbeit und Medienbildung und koordiniert schwerpunktmäßig Projekte und Großveranstaltungen im Bereich Sprach- und Leseförderung.

Anke Märk-Bürmann, Diplom-Bibliothekarin und Gymnasiallehrerin, und Christina Salem, Realschullehrerin, sind Referentinnen der Akademie für Leseförderung Niedersachsen. Die Akademie für Leseförderung bietet Fortbildungen für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in Kita, Schule und Bibliothek an und stellt auf ihrer Website www.alf-hannover.de Materialien und Methoden zur Leseförderung zur Verfügung.

 

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