Schulbibliotheken könnten das Bildungssystem noch besser unterstützen

Die Auswertung der Deutschen Bibliotheksstatistik DBS 2025 für Schulbibliotheken zeigt Mängel bei Medienetat, Ausstattung und Öffnungszeiten.
Mit gut ausgestatteten Schulbibliotheken gelingt die Leseförderung besser. Foto: Schulbibliothek Ummendorf, Frank Raumel

PISA 25 hat im September 2026 erneut den Finger in eine große offene Wunde gelegt: 32 % der Fünfzehnjährigen in Deutschland erreichen nicht den Mindeststandard in der Lesekompetenz. Sie sind demnach nicht in der Lage, einfache Sätze zu verstehen, und sind damit auf ihrem Bildungs- und Lebensweg von vielen Informationen abgeschnitten. Was haben Schulbibliotheken damit zu tun?

Schulbibliotheken unterstützen an vielen Stellen in Deutschland die Arbeit der Lehrkräfte mit Literatur und Maßnahmen zur Förderung der Sprach-, Lese-, Medien- und Informationskompetenz. 

Aber die Wirkung dieser Einrichtungen könnte noch viel größer sein, wenn sie flächendeckend angemessen ausgestattet und betreut wären. Vielerorts fehlt es an klaren Strukturen und umfassenden Konzepten. 

Oft sind aus der Not heraus und mit dem Engagement einzelner Personen und Institutionen in der Vergangenheit eine Vielzahl unterschiedlicher Lösungen entstanden. 

Deren Zahl und Zustand erfasst die Kommission »Bibliothek und Schule« des Deutschen Bibliotheksverbandes (DBV) seit 2021 mit Hilfe der Deutschen Bibliotheksstatistik und legt nun das Ergebnis für 2025 vor.

Schulbibliotheken als Partner in der Sprach- und Leseförderung

Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung (2025) wurde vereinbart, die Bildungsgerechtigkeit zu stärken. »Wir fördern Bildungsgerechtigkeit, Leistungsfähigkeit und Inklusion. Wir werden frühkindliche Bildung sowie Bildungsübergänge stärken…« (Koalitionsvertrag Seite 17). 

Deshalb will der DBV »im Austausch mit politischen Entscheidungsträgern auf die systematische Einbindung von Bibliotheken als außerschulische Partner in künftigen Bildungsstrategien und Förderprogramme des Bundes drängen.« (BuB 08-09/2025, S. 429). 

Hier ist insbesondere das bereits gestartete bundesweite Startchancenprogramm als auch das geplante Bundesprogramm im Kitabereich zu nennen. Bibliotheken können und müssen auch die frühe Sprach- und Leseförderung unterstützen und bei der Planung eingebunden werden. 

Dazu zählen aus Sicht der Kommission Bibliothek und Schule nicht nur Kindergartenbibliotheken mit einem Medienangebot für Kinder und vorlesende Eltern, sondern vor allem Schulbibliotheken. 

Beide Bibliotheksformen bieten im Idealfall eine breite Medienpalette als auch Förderangebote dort an, wo sich die Kinder den ganzen Tag aufhalten. Sie folgen damit dem Prinzip »Kurze Beine - kurze Wege«. 

Öffentliche Bibliotheken können im Sinne einer flächendeckenden Literaturversorgung Kindergarten- und Schulbibliotheken beraten, aufbauen, betreuen und als Zweigstellen professionell umsetzen. Bibliotheken haben genauso wie ihre Bildungspartner den Auftrag, die Sprach-, Lese-, Medien- und Informationskompetenz zu fördern, und müssen deshalb jede Möglichkeit dazu nutzen und ihre Partner unterstützen. Denn lesefähige Kinder kommen außerhalb der Schulzeiten gerne auch in die Öffentliche Bibliothek! 

Schulbibliotheken in Deutschland: Eine lückenhafte Datenlage

Derzeit gibt es keine verlässlichen Angaben, wie viele Schulbibliotheken in Deutschland existieren und wie sie ausgestattet sind. Die Schätzungen reichen von 6 % bis 70 % der mehr als 40 000 allgemein- und berufsbildenden Schulen, also 2 000 bis 28 000 Schulbibliotheken. Doch wie viele davon haben eine fachlich angemessene Qualität? 

Deutsche Bibliotheksstatistik 2025: 668 Schulbibliotheken ausgewertet

In der Deutschen Bibliotheksstatistik sind aktuell 1 126 Schulbibliotheken angemeldet. Davon haben 668 ihre Leistungsdaten für 2025 gemeldet, die die Kommission Bibliothek und Schule ausgewertet hat. 

Schon die Verteilung auf die unterschiedlichen Schulbibliotheksformen – als Zweigstellen von Öffentlichen Bibliotheken, als Kombination von Öffentlicher und Schulbibliothek im Schulgebäude, als Schulbibliothek im Verbund eines Trägers oder als selbstständige Schulbibliothek – zeigt das strukturelle Hauptproblem. 

Während die bibliotheksfachlich besetzten Schulbibliotheken über die bibliothekarischen Informationskanäle bundesweit relativ gut erreicht werden können und weitgehend gemeldet sind, fehlen valide Daten zu den von Schulen in Eigenregie betriebenen Bibliotheken. 

Diese Schulen zu erreichen, gelingt momentan nur über direkte Kontakte, zum Beispiel der schulbibliothekarischen Fachberater/-innen in Bayern oder in einzelnen Fortbildungsveranstaltungen, zum Beispiel in Schleswig-Holstein oder dem Saarland. 

 

In der Bundesrepublik gibt es laut Bildungsberichterstattung 20261 32 800 allgemeinbildende Schulen und 8 300 berufliche Schulen. Von insgesamt 41 100 Schulen haben derzeit 1 126 (2,7%) ihre Schulbibliothek bei der DBS angemeldet. Grafik: Frank Raumel

Die Ergebnisse dieser Auswertung beziehen sich hauptsächlich auf jene Schulbibliotheken, die bibliotheksfachlich geleitet und/oder organisiert sind. Hier liegt die Ausfüllquote der Fragebögen bei 73 bis 83 Prozent. Dass diese Quote bei kombinierten Bibliotheken geringer ist, liegt an der Schwierigkeit, die unterschiedlichen Nutzungen für Öffentlichkeit und Schule getrennt zu erfassen. 

Ein Grund für die geringe Rückmeldequote (21 %) der gemeldeten selbstständigen Schulbibliotheken können fehlende Informationen und Schulungen zur Datenerhebung sein.

Aus Fortbildungen (Saarland, Schleswig-Holstein), Berichten, Besichtigungen und Wettbewerben (Qualitätssiegel in Bayern und Schleswig-Holstein) wissen wir, dass selbstständige Schulbibliotheken oft unter sehr schwierigen Bedingungen arbeiten. 

Diese liegen in denselben systemischen Bereichen der anderen Schulbibliotheksformen, sind aber meist deutlich stärker ausgeprägt. Deshalb macht bereits eine Auswertung der vorhandenen Teilmenge von Schulbibliotheken Sinn: Sie zeigt die Grundprobleme und daraus folgend die Möglichkeiten der Unterstützung von Schulbibliotheken auf.

Die Bandbreite der existierenden Schulbibliotheken ist groß: Sie reicht vom kleinen Kellerraum mit wenigen gespendeten Büchern und ohne regelmäßigen Etat bis zur modernen, gut ausgestatteten und professionell geführten Zweigstelle einer Stadtbibliothek mit einem breiten und aktuellen Medienangebot und differenzierten bibliothekspädagogischen Angeboten. 

Die Ausstattung an Medien, Technik und qualifiziertem Personal definiert die Einsatzmöglichkeiten im System Schule und den möglichen Beitrag zur Förderung der Sprach-, Lese-, Medien- und Informationskompetenz.   

Trotz dieser Einschränkungen können auf der Basis der vorliegenden Ergebnisse die wesentlichen Entwicklungsnotwendigkeiten der deutschen Schulbibliotheken aufgezeigt werden. 

Ausstattung der Schulbibliotheken: Zu wenig Geld für aktuelle Medien

Im Mittel bieten die gemeldeten Schulbibliotheken 5 260 Medien an, das sind 6,8 Medieneinheiten (ME) je Schülerin und Schüler (SuS). Allerdings ist mit durchschnittlich 2147 € Medienetat pro Jahr der Aktualitätsgrad der Bestände völlig unzureichend. 

Die Neuerungsquote von 2,0 % bedeutet eine Bestandserneuerung alle 50 Jahre und die Wirkung von inhaltlich veralteten, äußerlich zerschlissenen und vergilbten Büchern ist kontraproduktiv zu den genannten Förderzielen. 

Im Mittel wären rund 11 000 € Medienetat jährlich notwendig, um dem notwendigen Qualitätsanspruch näher zu kommen. 63 % der Schulbibliotheken haben kein digitales Medienangebot, 25 % immer noch keine EDV-gestützte Verbuchung. 

Schulbibliotheken: Zu wenig Platz und kurze Öffnungszeiten

Ähnlich verhält es sich mit dem Raumbedarf. Im Schnitt stehen 117 qm für die Schulbibliothek zur Verfügung, was bei einem Richtwert von 30 qm pro 1 000 ME etwas mehr als zwei Drittel des Platzbedarfs abdeckt. Will man zusätzlich bibliothekspädagogischen Unterricht in Klassenstärke in diesem Raum durchführen, sind wenigstens 200 qm notwendig. 

Auch die Öffnungszeiten sind viel zu gering. Im Mittel haben die gemeldeten Schulbibliotheken 2,2 Stunden pro Schultag geöffnet. Ein Zugang ist oft nur in den Pausen möglich. Den zentralen Medienraum für Recherchen, für selbstständiges Lesen und Lernen, für Einzel- und Gruppenarbeit zu nutzen, ist oft nicht möglich und fehlt vor allem im Ganztagsbetrieb. 

Natürlich hängen die Öffnungszeiten von der Personalversorgung ab. Von den durchschnittlich 1,75 Beschäftigten haben nur 0,55 eine bibliothekarische oder pädagogische Ausbildung, der überwiegende Anteil der Mitarbeitenden in Schulbibliotheken ist ehrenamtlich tätig. 

Daraus resultiert auch die geringe Zahl von 13 Veranstaltungen zur Förderung der Lese- und Medienkompetenz pro Jahr. Bei durchschnittlich 18 SuS je Veranstaltung nehmen weniger als die Hälfte der Kinder im Laufe eines Schuljahres an solchen Fördereinheiten teil.

Leseförderung stärken: Schulbibliotheken besser einbinden

Angesichts der immer schlechter werdenden Lesekompetenzen der Schülerinnen und Schüler2, angesichts der auseinander gehenden Schere zwischen Leistungsstarken und Leistungsschwachen3, angesichts der gravierenden Auswirkungen auf die Lesefähigkeit der Erwachsenen4 und den gesellschaftlichen Folgen (PIIAC/LEO)5 wäre es mehr als wünschenswert, im Bildungsbereich auch die Bibliotheken mit ihrer Fachkompetenz einzubinden, Kindergarten- und Schulbibliotheken zu fördern und deren bibliothekspädagogische Angebote zur Unterstützung der Kompetenzförderung zu nutzen.

Hier sind sowohl die Länder als auch die Schulträger auf lokaler und regionaler Ebene gefordert. Und die bibliothekarische Community tut gut daran, die Bildungspartner mit ihrer Expertise zu unterstützen.

1 Bildung in Deutschland kompakt 2026, www.bildungsbericht.de/de/bildungsberichte-seit-2006/bildungsbericht-2026 abgerufen am 15.09.2026

2 25 % der Schülerinnen und Schüler der vierten Grundschulklassen erfüllen nicht den Mindeststandard der Lesefähigkeit. (IFS Dortmund, IGLU 2021)

3 Der OECD Bildungsbericht 2025 meldet für Deutschland die größte Kompetenzkluft im gesamten OECD-Raum – auch bei der Lesekompetenz: die Schere geht noch weiter auseinander.

4 22 % der Erwachsenen (16- bis 65-Jährigen) in Deutschland erreichen maximal die Lesestufe 1 von 5, sind also nur in der Lage, kurze Texte mit einfachem Vokabular zu lesen und zu verstehen (PIAAC 2023). 2013 waren es noch 17,5 %.

5 Gering Literalisierte sind anfälliger für Werbung, Falschmeldungen und Populismus. (LEOPIIAC 2025)
 

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