Vom ältesten Buch bis zu moderner KI

Ein Erfahrungsbericht aus Südkorea zeigt, wie Bibliotheken Kultur, Bildung und KI verbinden, mit Ausblick auf die IFLA Weltkonferenz in Busan.
Metropole Seoul: Blick vom Cheonggyecheon-Bach zum Gwanghwamun-Platz. Fotos: Ariane Lösch

Die Autorin durfte 2025 ein dreimonatiges Praktikum im Bereich Information und Bibliothek am Goethe-Institut Seoul absolvieren und hat in dieser Zeit sehr viele Museen und alle größeren Bibliotheken der Stadt besucht. Mit Blick auf die 90. IFLA-Weltkonferenz folgt hier ein kurzer Eindruck zu Popkultur, Buch und Bibliothek in Südkorea.

Südkorea ist Gastgeberland des 90. World Library and Information Congress (WLIC) der IFLA. In der Küstenstadt Busan treffen sich vom 10. bis 13. August 2026 Bibliothekarinnen und Bibliothekare, Forscher/-innen und Fachleute aus der ganzen Welt unter dem Motto »Libraries Powering Transformation«. Vor 20 Jahren hat sich die IFLA zuletzt in Südkorea getroffen, damals in Seoul. Was hat das Land bibliothekspolitisch und kulturell zu bieten?

Von K Pop bis Bibliothek: Südkoreas kulturelle Vielfalt

Mit korean skincare, dem Netflix-Serienhit Squid Game, beliebter Elektronik von Samsung oder international bekannten K-Pop-Stars wie BTS und BlackPink erreicht das Land eine globale Audienz und jährlich neue Rekordzahlen im Tourismus. 

Südkorea verfügt über enorme kulturelle Soft-Power. K-Pop Demon Hunters oder die Filmklassiker Oldboy oder Parasite anzusehen und Literaturnobelpreisträgerin Han Kang zu lesen, sind ausgezeichnete Grundlagen für die Vorbereitung auf einen Konferenzbesuch.

Auf der travel bucket list anreisender Bibliothekarinnen und Bibliothekare sollte definitiv stehen, ein Kunstmuseum, das War Memorial of Korea oder das Seoul Museum of History zu besuchen, denn die Museumslandschaft in Seoul ist wirklich next level. 

Die aufwendig und modern inszenierten Häuser zeigen, wie ernst Südkorea den Umgang mit kulturellem Erbe nimmt. Dieser Anspruch spiegelt sich auch in den Bibliotheken wider, die in der Kulturlandschaft fest eingebettet sind und Heritage, Bildung und digitale Innovation zusammenbringen.

Bibliotheken in Südkorea: Eine lange Schrift und Buchtradition

Diese kulturelle Stärke basiert auf einer langen Schrift- und Buchtradition. Bis ins 10. Jahrhundert gab es eine Kluft zwischen dem gesprochenen Altkoreanisch und dem Geschriebenen, den chinesischen Schriftzeichen. Weil dieses komplizierte System Jahre des Lernens erforderte, blieb das Lesen und Schreiben auf Eliten und buddhistische Priester beschränkt. 

König Sejong der Große schaffte diese Bildungsbarriere ab, indem er die Entwicklung eines eigenen, einfacheren Alphabets veranlasste, dass 1446 in der Schrift Hunminjŏngŭm dem Volk vorgestellt wurde. Am 9. Oktober, dem Hangeul-Tag, wird die Schaffung dieses Schriftsystems jedes Jahr als bedeutender Meilenstein der koreanischen Geschichte gefeiert. König Sejong wird mit einer imposanten Statue auf dem großen Gwanghwamun-Platz in Seoul geehrt. 

Bereits 78 Jahre vor der Gutenberg-Bibel wurde in einem buddhistischen Kloster das Jikji simche yojeol gedruckt. Die Anthologie über Zen und Buddhismus gilt als das älteste erhaltene Buch der Welt, das mit beweglichen Metalllettern hergestellt wurde und ist Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes. Korea war also bereits im 14. Jahrhundert technisch seiner Zeit voraus.

Erste Versuche, große Bibliotheken zu betreiben, gab es bereits seit dem 16. Jahrhundert. Durch die konfuzianischen Einflüsse und Werte hatte Bildung schon im historischen Korea einen hohen Stellenwert. 

Während der japanischen Kolonialzeit von 1910 bis 1945 waren die koreanische Sprache und Schrift verboten, Bücher auf Koreanisch durften nicht gedruckt werden. Das Ziel der Besatzung war nicht nur sozioökonomische Ausbeutung, sondern auch die Auslöschung von allem Koreanischen einschließlich der Sprache. Zwar wurden in dieser Zeit Katalogisierung und moderne Klassifikation eingeführt, doch das moderne Bibliothekswesen konnte sich erst nach dem Ende des Koreakriegs entfalten. 

Trotz Kolonialzeit, Sprachverboten und Kriegen wurde kulturelle koreanische Erbe bewahrt und präsentiert sich heute selbstbewusst und lebendig.

Bibliotheken in Südkorea: Informationszugang als gesetzlicher Auftrag

Vielleicht haben Sie schon mal einen Bericht dazu gelesen: Das koreanische Schulsystem ist bekannt für sein Lernpensum. Junge Menschen unterliegen enormem Erfolgsdruck. Im internationalen PISA-Vergleich 2022 erzielten koreanische 15-Jährige unter den OECD-Mitgliedsländern Spitzenwerte, in Mathematik und Naturwissenschaften Platz 1 bis 2. Dieser Bildungsanspruch ist Programm, und er zeigt sich auch in der Struktur des Bibliothekswesens. 

Das nationales Bibliotheksgesetz verankert Kernaufgaben, Finanzierung und den Bildungsauftrag der Bibliotheken im Land und sichert allen Koreanerinnen und Koreanern den (diskriminierungs-)freien Zugang zu Wissen und Information zu. Fast jede Schule in Korea hat eine eigene Schulbibliothek, das wird gesetzlich geregelt durch den School Library Promotion Act, der Schulbibliotheken als grundlegende Bildungseinrichtungen definiert. Leseförderung, Informationskompetenz und Digitalisierung sind Pflichtaufgaben, kein Bonus.

An der Spitze des Bibliothekssystems steht die Koreanische Nationalbibliothek. Sie wurde 1945 gegründet und ist die bedeutendste Sammlungsinstitution des Landes. Auf kommunaler Ebene ist die Organisation der Bibliotheken dezentral geregelt. 

Seoul allein verfügt über mehr als 320 öffentliche Bibliotheksstandorte, die über ein stadtweites integriertes Bibliothekssystem miteinander vernetzt sind. Wer in Seoul eine Bibliothekskarte besitzt, kann Medien zentral recherchieren, reservieren und in der Wunschbibliothek abholen. Der eigene Bibliotheksausweis gilt übrigens im ganzen Land.

Das Präsidialkomitee für Bibliotheks- und Informationspolitik steuert die Entwicklung des Bibliothekswesens und veröffentlicht seit 2007 nationale Entwicklungspläne zum Beispiel zu Open Access und zur Leseförderung.

Die Korean Library Association übernimmt dabei eine vergleichbare Rolle wie der Deutsche Bibliotheksverband, vertritt also die Interessen der Profession, organisiert Fortbildungen und pflegt internationale Kontakte. Gesetzlich festgelegt ist auch die bibliothekarische Bildung, denn Bibliotheken müssen qualifiziertes Fachpersonal beschäftigen und der Qualifizierungsweg ist vorgegeben. 

Bibliotheks- und Informationswissenschaft wird unter anderem an der renommierten Sungkyunkwan University in Seoul angeboten, die das Fach konsequent modern ausrichtet, etwa mit Lehrveranstaltungen zur KI.

Bibliotheken in Südkorea: Die Seoul Metropolitan Library

Wer Seoul besucht, sollte aus verschiedenen Gründen einen Abstecher zur Seoul Metropolitan Library einplanen. Der Renaissance-Bau am Seoul Plaza beherbergte das Stadtparlament, 2012 wurde es nach aufwendiger Sanierung als Bibliothek wiedereröffnet. 

Die historische Fassade aus dem Jahr 1926 blieb vollständig erhalten und im Inneren wurde die Nutzungsfläche mit unterirdischen Erweiterungsbauten modernisiert, ohne die Außenwände zu berühren. Ein eigens eingerichteter Seoul-Archivbereich dokumentiert die Stadtgeschichte seit der japanischen Kolonialzeit mit rund 30 000 Verwaltungsdokumenten. 

Die Seoul Metropolitan Library bezieht ihre Neuerwerbungen von kleinen Buchläden, unterstützt rund 600 kleinere öffentliche und private Bibliotheken in Seoul kuratorisch und bietet zahlreiche wöchentliche Literaturveranstaltungen an. Bei einem Besuch konnte die Autorin über die hohe Dichte von Nutzerinnen und Nutzern an einem frühen Mittwochnachmittag staunen. Die Seoul Metropolitan Library ist ein lebendiger dritter Ort für alle. 

Neben Koreanisch sind zahlreiche Bestände auf Englisch, Chinesisch und Japanisch verfügbar und bilden so Seoul als internationale Metropole im Bestand ab. Für Nutzer/-innen mit Behinderungen gibt es einen eigenen Bereich mit barrierefreien Medien und assistiven Technologien. 

Selbstverbucherautomaten sind auf Rollstuhlhöhe angebracht und mit Touchscreen-Lupe ausgestattet. Sehr viele Titel des Buchmarkts erscheinen parallel auch im Großdruckformat und werden gezielt erworben. 

Die meistgefragten Dienste sind die Hilfe bei der Informationssuche, die Teilnahme an Veranstaltungen und die Nutzung der Bibliothek als Lernraum. Im Bibliothekskontext gibt es viele Book Clubs mit hunderten Mitgliedern, die sich über Bücher austauschen und regelmäßig treffen. 

Die meistverliehenen Bücher der letzten drei Jahre? Titel von Han Kang.

Han Kangs Nobelpreis wurde 2025 auch in der Seoul Outdoor Library mit einer Sonderausstellung in 20 Sprachen gefeiert.

Die Seoul Outdoor Library verbindet Lesen und Stadtleben

Seit 2022 bietet die Seoul Metropolitan Library ein spektakuläres und aufwendiges mobiles Angebot an: die Seoul Outdoor Library. Auf dem Seoul Plaza, am Gwanghwamun-Platz und entlang des Cheonggyecheon-Baches stehen von April bis November, freitags bis sonntags rund 5 000 Bücher kostenlos unter freiem Himmel bereit. 

2024 zählte das Projekt an seinen drei Standorten rund drei Millionen Nutzer/-innen mit einer durchschnittlichen Leserate von 88 Prozent. Das Konzept nutzt bewusst den in Korea sehr beliebten Pop-up-Store-Effekt. Menschen entdecken zufällig das Event und nehmen im öffentlichen Raum ein Buch in die Hand. Ob Kinder, Touristinnen und Touristen, Familien, die Outdoor Library ist für alle da. 

2023 wurde die Initiative von der IFLA mit dem Preis Beste Grüne Bibliothek ausgezeichnet. Neben dem Nachhaltigkeitsaspekt ist das Projekt vor allem als niedrigschwelliges Angebot bedeutsam und setzt bedeutende visuelle Akzente für das Lesen in den öffentlichen Raum Stadt.

Bibliotheken in Südkorea: KI als staatlicher Auftrag

Präsident Lee Jae-myung verkündete 2025 im Rahmen der Staatshaushaltsplanung, Südkorea würde 728 Billionen Won (umgerechnet fast 430 Milliarden Euro) investieren, um eine der drei führenden KI-Mächte der Welt zu werden. 

Seit Januar 2026 gilt zudem ein umfassendes KI-Rahmengesetz, der AI Basic Act, das Standards für den verantwortungsvollen Einsatz von Künstlicher Intelligenz setzt und Südkorea zu einem der ersten Länder weltweit macht, das KI-Entwicklung gesetzlich reguliert. 

Im Februar 2026 vermeldete ein Online-Nachrichtenportal, dass die Nationalbibliothek das erste Mal KI-generierte Bücher nicht für die eigene Nationalsammlung als Pflichtexemplar erworben hat. Die Inhalte seien redundant und aus wiederverwerteten bereits bestehenden Texten. 

Die Nationalbibliothek gibt seit 2016 Rekordsummen für KI generierte Werke im Pflichtexemplarsystem aus und sieht sich nun vor der Aufgabe, streng zu überprüfen, welche Werke sammlungswürdig sind.

Bibliotheken in Südkorea: Digitale Services gehören zum Alltag

Digitalität in Form von Services haben koreanische Bibliotheken längst etabliert. Die Nationalbibliothek führt eine National Digital Library, Smart Libraries mit autonomem Zugang rund um die Uhr sind Standard, man findet Bibliotheksautomaten in U-Bahn-Stationen, die mit ihrer Präsenz auf Bibliotheken aufmerksam machen und auf dem täglichen Arbeitsweg Vorbestellungen bereitstellen und Rückgaben ermöglichen. 

Die Direktorin der Seoul Metropolitan Library formuliert die Zukunfts- und Arbeitsaufgaben an Bibliotheken klar: Es braucht Informationen und Bildungsarbeit dazu, wie man KI versteht und richtig nutzt und es muss nachhaltig daran gearbeitet werden, den Digital Divide zu reduzieren. 

Denn alle Menschen sollen Zugang zu Informationen, Quellen und KI haben, unabhängig von Alter, Einkommen und Möglichkeiten. Die Bibliothek erfüllt ihre Funktion als demokratische Plattform, indem sie Workshops für verschiedene Zielgruppen zur Verwendung von KI anbietet und Teilhabe ermöglicht. 

Danach gefragt, ob KI das Potenzial hat, den eigenen Beruf zu ersetzen wird von einem Metropolitan Library Bibliothekar lachend verneint. KI kann gute Bestandsauswahl nicht ersetzen, zielgerichtete Informationsvermittlung nicht leisten und den Buchmarkt nicht kuratorisch verstehen. 

Das Goethe-Institut Seoul hat diese Debatte kürzlich aktiv mitgestaltet. Mit dem Projekt Shaping AI: Ethics, Power, Responsibility untersucht es die ethischen, sozialen und politischen Dimensionen von KI in Korea und fragt, wie Transparenz und digitale Souveränität im koreanischen KI-Ökosystem gestärkt werden können.

Mit dieser reichhaltigen Landesgeschichte und einem der ambitioniertesten Digitalisierungsprogramme der Welt stehen Südkoreas Bibliotheken vor einer spannenden Aufgabe. Sie müssen ihre Position im nationalen KI-Hype finden. 

Übrigens: Fährt man mit dem Bus zum Goeth- Institut auf dem Namsan-Gipfel, kann man gleich drei Bibliotheken auf einmal besuchen und hat den schönsten Blick über diese tolle Metropole!

P.S.: Funfacts für die bucket list, die keinen Platz im Text bekommen haben:

  • Im ganzen Land gibt es flächendeckendes 5G-Netz und den Ausspruch »begrenztes Datenvolumen« kennt man hier nicht. 

  • Einige öffentliche Bibliotheken haben Kantinen, in denen man für wenig Geld frisch Gekochtes essen kann, und sie werden rege genutzt. 

  • Franz Kafka und Judith Herrmann sind die beliebteste deutschsprachige Autorin beziehungsweise der beliebteste deutschsprachige Autor. 

  • Das Trostfrauen-Museum ist ein berührender musealer Geheimtipp. 

  • Die am meisten verkaufte Textform auf dem koreanischen Buchmarkt sind Essays.

  • Skippen Sie Starfield Library und besuchen Sie stattdessen einen Stadttempel – und natürlich die Seoul Outdoor Library, 2026 sogar am Han River!

 

DOI: 10.24403/jp.1559393

Ariane Lösch studierte Soziologie und Bibliothekswissenschaften in Jena und Leipzig, gestaltet seit 2019 Veranstaltungen und emanzipatorische Bildungsarbeit in der Feministischen Bibliothek und Archiv MONAliesA und moderiert nebenberuflich Lesungen und Diskussionsveranstaltungen.

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