Zwischen Hype und Hilflosigkeit: Warum es den KI-Praxisradar gibt
Der KI-Praxisradar greift relevante Entwicklungen rund um generative KI auf und betrachtet sie aus bibliothekarischer und medienpädagogischer Sicht.
Neue KI-Anwendungen, veränderte Geschäftsbedingungen und große Produktversprechen erscheinen beinahe täglich. Für Bibliotheken stellt sich deshalb längst nicht mehr die Frage, ob sie sich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigen sollten, sondern wie sie dabei den Überblick behalten. Der KI-Praxisradar versucht, Entwicklungen verständlich einzuordnen und mit bibliothekarischer und medienpädagogischer Praxis zu verbinden.
Wer sich intensiver mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt, kennt das Gefühl: Kaum hat man ein Werkzeug verstanden, wird es umbenannt, kostenpflichtig oder durch das nächste angeblich revolutionäre Angebot ersetzt. Gleichzeitig sollen Bibliotheksbeschäftigte einschätzen, welche Anwendungen sinnvoll sind, welche Daten verarbeitet werden und wie belastbar die erzeugten Inhalte sind.
Genau aus diesem Spannungsfeld heraus ist der KI-Praxisradar entstanden. Die Website bündelt aktuelle Entwicklungen rund um generative KI und ordnet sie bibliothekarisch und medienpädagogisch ein.
Ein wichtiger Anstoß kommt aus meiner Arbeit bei Bibliotheken SH. Dort begegne ich immer häufiger Menschen, die beim Thema KI nicht deshalb zurückhaltend sind, weil sie kein Interesse hätten, sondern weil die Informationsflut schlicht zu groß geworden ist. Neue Modelle, Funktionen, Begriffe – und gefühlt jeden zweiten Tag erklärt jemand, dass jetzt wirklich alles anders wird.
Bei manchen führt das zu resigniertem Abschalten: »Dann beschäftige ich mich eben gar nicht mehr damit.« Medienpädagogisch ist genau hier die Frage spannend, wie Menschen wieder handlungsfähig werden: nicht durch noch mehr Informationen, sondern durch Orientierung, Einordnung und Möglichkeiten zum eigenen Ausprobieren.
Auch dafür soll der KI-Praxisradar da sein. Nicht als weiterer Nachrichtenstrom, sondern als Filter. Besonders der zweiwöchentliche Newsletter soll helfen, wichtige Entwicklungen mitzubekommen, ohne täglich KI-News, Unternehmensblogs und Fachmedien verfolgen zu müssen. Etwas zugespitzt: eine Möglichkeit, beim Thema KI halbwegs auf dem Laufenden zu bleiben, ohne dabei wahnsinnig zu werden.
Von der Meldung zur tatsächlichen Relevanz
Nicht jede technische Neuerung ist für Bibliotheken wichtig. Manche Veränderungen haben trotzdem sehr konkrete Auswirkungen auf die tägliche Arbeit.
Veränderte Regeln zur Speicherung von Eingaben betreffen möglicherweise vertrauliche Dokumente. Neue Recherchefunktionen verändern Anforderungen an Quellenkritik. KI-generierte Bilder und Videos berühren die politische Meinungsbildung. Chatbots, die emotionale Nähe simulieren, werfen Fragen des Kinder- und Jugendmedienschutzes auf.
Der Praxisradar greift deshalb nicht jede Produktankündigung auf. Entscheidend ist, ob sich daraus Fragen für Bibliotheken, Bildungsarbeit und Medienpädagogik ergeben.
Die medienpädagogische Perspektive fragt nicht nur: »Was kann dieses Tool?«, sondern auch: »Was müssen Menschen verstehen, um damit selbstbestimmt umgehen zu können?« Praktisch kann das heißen, KI-Antworten zu prüfen, Quellen zu vergleichen, Bildgeneratoren auszuprobieren oder mit Jugendlichen über manipulierte Inhalte zu sprechen. Gute Bildungsarbeit beginnt dort, wo aus Technik ein Gegenstand für Reflexion und eigenes Handeln wird.
Screenshot der Startseite des KI-Praxisradars. Der Praxisradar greift deshalb nicht jede Produktankündigung auf. Entscheidend ist, ob sich daraus Fragen für Bibliotheken, Bildungsarbeit und Medienpädagogik ergeben.
Möglichst aktuell, aber nicht morgen schon nutzlos
KI-Berichterstattung hat eine erstaunlich kurze Halbwertszeit. Produktnamen ändern sich, Funktionen verschwinden und Ankündigungen sind überholt, bevor die dazugehörige PowerPoint-Präsentation zum ersten Mal gezeigt wurde.
Die Beiträge versuchen deshalb, vom aktuellen Anlass zu Fragen zu gelangen, die länger tragen. Ein Bericht über Datenschutzbedingungen kann etwa erklären, warum der Ausschluss vom Modelltraining nicht automatisch bedeutet, dass Eingaben überhaupt nicht gespeichert werden. Diese Unterscheidung bleibt relevant, auch wenn Anbieter wechseln.
Der Praxisradar soll keine fertigen Antworten liefern, sondern Zusammenhänge verständlich machen und begründete Entscheidungen erleichtern. Genau darin liegt die Verbindung zur Informations- und Medienkompetenz: Herkunft, Qualität und Bedeutung von Informationen beurteilen und daraus eigenes Handeln ableiten.
Ein Selbstlernkurs für den Einstieg
Neben der Berichterstattung bietet der KI-Praxisradar den kostenlosen Selbstlernkurs »90 Minuten KI-Kompetenz« an. Er richtet sich an Menschen, die generative KI bislang wenig oder nur punktuell genutzt haben.
Der Kurs behandelt KI im Alltag, die Funktionsweise generativer Systeme, sinnvolles Prompting sowie typische Grenzen und Risiken. Medienpädagogisch wichtiger als der perfekte Prompt ist dabei die Fähigkeit, Ergebnisse zu prüfen, Fehler zu erkennen und zu entscheiden, wann ein Werkzeug sinnvoll eingesetzt werden kann – und wann eben nicht. Der Kurs ist ohne verpflichtendes Benutzerkonto zugänglich.
Der Praxisradar soll keine fertigen Antworten liefern, sondern Zusammenhänge verständlich machen und begründete Entscheidungen erleichtern.
KI-unterstützt, aber nicht KI-gesteuert
Beim KI-Praxisradar unterstützt generative KI Teile der Recherche und das Strukturieren größerer Informationsmengen. Themenauswahl, Texte, Quellenprüfung, fachliche Positionierung und Veröffentlichung bleiben menschliche Aufgaben.
Gute Ergebnisse entstehen selten durch den einen perfekten Prompt. Sie entstehen durch Zielsetzung, Prüfung und Überarbeitung. Diese Iterationskompetenz ist für den reflektierten Umgang mit generativer KI aus meiner Sicht wichtiger als eine lange Sammlung vermeintlicher Prompt-Tricks. Sie ist zugleich eine medienpädagogische Kernidee: Ergebnisse nicht einfach übernehmen, sondern prüfen, verändern, verwerfen und neu ansetzen.
Transparenz bedeutet deshalb mehr als den Hinweis, ein Text sei »mit KI erstellt«. Entscheidend ist, wofür die Technik eingesetzt wurde, welche Kontrollschritte stattgefunden haben und wer Verantwortung übernimmt. Diese Verantwortung lässt sich nicht an ein Sprachmodell delegieren – auch dann nicht, wenn es seine Fehler mit beeindruckendem Selbstbewusstsein formuliert.
Ein Angebot mit bewusst sichtbaren Grenzen
Der KI-Praxisradar ist ein privat initiiertes und von einer Person verantwortetes Angebot. Das ermöglicht kurze Wege, setzt aber auch klare Grenzen. Er kann weder Forschung noch juristische Beratung oder institutionelle Fortbildungsangebote ersetzen. Trotzdem kann er eine Lücke schließen: Bibliotheken brauchen Orte, an denen technische Entwicklungen mit Informationskompetenz, Medienbildung und gesellschaftlicher Verantwortung verbunden werden.
Der KI-Praxisradar versteht sich als ein solcher Ort: nicht als Nachrichtenticker, nicht als Werbefläche für das neueste KI-Werkzeug und auch nicht als Sammlung fertiger Antworten. Er soll Orientierung geben, praktische Zugänge eröffnen und dabei helfen, die richtigen Fragen zu stellen.
Angesichts einer Technologie, die mit bemerkenswerter Geschwindigkeit immer neue Gewissheiten produziert, ist das vermutlich schon ziemlich viel.
Andreas Langer leitet die Stabsstelle Medienpädagogik bei Bibliotheken SH. Seit rund 15 Jahren arbeitet er im deutschsprachigen Raum an der Schnittstelle von Medienpädagogik, Bibliotheken und digitaler Bildung.
Seine Schwerpunkte liegen unter anderem auf Künstlicher Intelligenz, Gaming, Desinformation und Social Media.
Er ist festes Expertenmitglied im Netzwerk Bibliothek Medienbildung des Deutschen Bibliotheksverbands und betreibt mit dem KI-Praxisradar ein unabhängiges Informations- und Bildungsangebot zur Einordnung aktueller KI-Entwicklungen aus bibliothekarischer und medienpädagogischer Perspektive.
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