Die Zentralbibliothek Essen wird zum »Dritten Ort« – gestaltet von MVRDV und includi, umgesetzt von Meyer Architekten.
Das Innenraumkonzept basiert auf sich zwei ergänzenden Prinzipien: der Konzentration und Sichtbarmachung der Mediensammlung sowie der Sichtbarkeit der Menschen und ihrer Aktivitäten. Foto: Daria Scagliola
Die neue Zentralbibliothek Essen, mit einer Innenraumgestaltung von MVRDV und includi in Zusammenarbeit mit Meyer Architekten, eröffnete am 24. Oktober ihre Türen.
Mit dem Umzug der Bibliothek an einen zentraleren Standort innerhalb der Stadt bot die Sanierung der 10 000 m² großen Innenräume auf sechs Etagen die Gelegenheit, das Verhältnis der Bibliothek zur Öffentlichkeit neu zu definieren.
Die neue Bibliothek versteht sich als »Dritter Ort«: Die Bücherregale selbst dienen als bauliche Elemente, mit denen vielfältige Raumtypen geschaffen werden, die den unterschiedlichen Bedürfnissen der Besucherinnen und Besuchern gerecht werden. Ergänzt wird das Konzept durch eine aktivierte Fassade.
Der Umzug der Zentralbibliothek von ihrem bisherigen Standort im Gildehof-Center neben dem Hauptbahnhof in das Boeckerhaus, ein ehemaliges Büro- und Geschäftshaus am Kennedyplatz im Herzen der Stadt, ist ein Schlüsselprojekt für die Stadt Essen. Das Boeckerhaus ist als Ort für Medien weithin bekannt, da es bis 2017 die Mayersche Buchhandlung beherbergte. Durch seine Umgestaltung soll im Stadtzentrum ein lebendiger kultureller und Bildungsstandort entstehen.
Bibliothek als Dritter Ort: Ein neues Verständnis von Bibliotheksräumen
Vor dem Hintergrund der Geschichte und Entwicklung von Bibliotheken als Institutionen setzen sich die beteiligten Architekturbüros mit dem Wandel auseinander, den Bibliotheken im Laufe der Jahrhunderte durchlaufen haben: ausgehend von ihren Anfängen als monumental Gebäude, die nur wenigen Menschen zugänglich waren, entwickelten sie sich zu Wissensspeichern für ein breites Publikum.
Im Informationszeitalter befinden sie sich nun erneut im Wandel. Dabei tritt ihre Funktion als umfassendes Archiv zunehmend in den Hintergrund, während sie als Orte der Begegnung, des Austauschs und des Lernens immer stärker an Bedeutung gewinnen.
Auf Grundlage einer Reihe von Workshops mit Mitarbeitenden der Bibliothek, in denen die zukünftige Identität der Einrichtung erarbeitet wurde, entwickelten MVRDV, includi und Meyer Architekten das Innenraumkonzept für die neue Zentralbibliothek.
Dabei orientierten sie sich an der Theorie des »Dritten Ortes« des Soziologen Ray Oldenburg. Dieser bezeichnet einen Ort, der neben dem ersten Ort – dem Zuhause – und dem zweiten Ort – dem Arbeitsplatz oder der Schule – eine weitere wichtige Rolle im Alltag einnimmt.
So soll ein inklusives und einladendes Umfeld entstehen, das als sozialer und kultureller Treffpunkt im Alltag der Essenerinnen und Essener unterschiedlichster Lebenssituationen und Altersgruppen dient.
Mediendörfer als Teil der modernen Bibliotheksgestaltung
Das Innenraumkonzept basiert auf sich zwei ergänzenden Prinzipien: der Konzentration und Sichtbarmachung der Mediensammlung sowie der Sichtbarkeit der Menschen und ihrer Aktivitäten.
Der Entwurf nutzt das grundlegende Element einer Bibliothek, das Bücherregal, um einzigartige Räume für unterschiedliche Nutzungen zu definieren. Jedes Geschoss verfügt über mehrere Gruppen von Bücherregalen, sogenannte »Mediendörfer«, die jeweils eine eigene Identität und Funktion besitzen.
Diese reichen von einem Spielbereich für (Klein-)Kinder innerhalb einer Gruppe kreisförmig angeordneter Bücherregale im ersten Obergeschoss über eine kreuzförmige Gaming-Zone im zweiten Obergeschoss bis hin zu den über das dritte Obergeschoss verteilten Räumen für Hobbyaktivitäten.
Die einzelnen Bereiche werden durch die roten Farbtöne der Bücherregale hervorgehoben. Dabei kommen in den unteren Geschossen, in denen überwiegend lebhafte und gemeinschaftliche Aktivitäten stattfinden, kräftigere Farbtöne zum Einsatz. Die oberen Geschosse hingegen, die eher privaten und kontemplativen Tätigkeiten gewidmet sind, zeichnen sich durch eine ruhigere Farbpalette aus.
Die Aktivitätsbereiche werden durch ein zweites Gestaltungselement der Bibliothek ergänzt: die aktivierte Fassade. Sie bildet eine durchgehende Landschaft aus Sitz-, Lounge und Arbeitsbereichen auf unterschiedlichen Höhen. Foto: Daria Scagliola
Bibliotheksarchitektur: Aktivierte Fassade schafft neue Aufenthaltsbereiche
Die Aktivitätsbereiche werden durch ein zweites Gestaltungselement der Bibliothek ergänzt: die aktivierte Fassade. Sie bildet eine durchgehende Landschaft aus Sitz-, Lounge und Arbeitsbereichen auf unterschiedlichen Höhen.
Entlang des gesamten Umfangs jedes Geschosses verläuft ein zusammenhängendes Band, das Lernbereiche, Treffpunkte, Spielzonen, Aussichtspunkte und Pflanzgefäße integriert. Diese Elemente bleiben auch von außen sichtbar und machen die Aktivitäten im Inneren der Bibliothek zu einem Teil des Erscheinungsbildes gegenüber der Stadt.
Mit ihrer warmen, einladenden Holzoberfläche und den natürlichen Farbtönen sorgt diese Gestaltung dafür, dass die Bibliotheksnutzer/-innen stets einen Ort in unmittelbarer Nähe finden, an dem sie sich entspannen, austauschen oder konzentriert arbeiten können – je nach ihren jeweiligen Bedürfnissen.
Diese Orte laden außerdem dazu ein, sich auch ohne konkreten Anlass oder die Absicht, das Medienangebot zu nutzen, in der Bibliothek aufzuhalten. Die aktivierte Fassade fungiert als Schnittstelle zwischen Stadt und Bibliothek und verbindet den öffentlichen Raum mit dem Erleben der Bibliotheksnutzer/-innen.
Die unterschiedlichen Höhen und Nutzungen erzeugen ein lebendiges Bild von Menschen, die lesen, arbeiten, sich unterhalten oder entspannen. Die Besucherinnen und Besucher tragen zum individuellen Charakter und zur Lebendigkeit des Raumes bei.
Die neue Zentralbibliothek Essen im ehemaligen Boeckerhaus am Kennedyplatz. Durch die Fenster sind die Aufenthaltsbereiche im Inneren auch von außen sichtbar. Foto: Jannes Linder
Zentralbibliothek Essen: Klare Orientierung und einladende Aufenthaltsbereiche
Um der Vielfalt an Räumen und Funktionen der Bibliothek gerecht zu werden, legt der Entwurf besonderen Wert auf eine einladende Atmosphäre und klare Orientierung. Im Erdgeschoss heißt ein Café die Besucher/-innen willkommen, während das zentrale Atrium dazu anregt, die oberen Geschosse zu erkunden.
Auf jedem Treppenabsatz erleichtern klar erkennbare, blau gestaltete Orientierungspunkte die Navigation durch das Gebäude. Ein von MVRDV entwickeltes Leitsystem sorgt dafür, dass sich die Besucherinnen und Besucher jederzeit zurechtfinden.
Im Erdgeschoss und in den oberen Geschossen erwarten die Besucherinnen und Besucher ein vielfältiges Angebot an Medien und Literatur – von einer Kinder- und Familienbibliothek über Belletristik und internationale Literatur bis hin zu Hörbüchern und Filmen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf gemeinschaftlichem Experimentieren und praktischen Aktivitäten.
Dafür stehen Makerspaces, Proberäume zum Musizieren sowie Ausstattung wie 3D-Drucker, VR-Technologie und Robotik zur Verfügung. Gleichzeitig bieten ruhigere Bereiche Raum für konzentriertes Lernen und individuelles Arbeiten.
Flexibel nutzbare Räume ermöglichen sowohl selbständiges Lernen als auch gemeinschaftliche und interaktive Workshops. Im obersten Geschoss schafft der nachträglich ergänzte Eventbereich »Stadt-Raum« einen Veranstaltungsort mit Panoramablick über die Stadt.
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