Nature Journaling verbindet

Teilhabe durch Schreiben und Skizzieren: ein offener Zugang, der Wahrnehmung schärft, Austausch ermöglicht und gemeinsames Erleben fördert.
Beim Nature Journaling geht man in einen stillen Kontakt oder Dialog mit der Natur, nimmt wahr, skizziert und beschreibt mit Stift oder Pinsel, Skizzen und Worten, was da ist. Foto: Brandt

Wir erinnern uns: Weltweit haben Bibliotheken in der Corona-Zeit vielerorts ihr Umfeld neu entdeckt, sind nach draußen gegangen, ins Freie und ließen sich anregen von dem, was in Natur und Landschaft einwirkt auf die Wahrnehmung und Kommunikation von Menschen. Bald zeigte sich: Es geht hier nicht um Notlösungen in einer Ausnahmesituation. Es geht um eine veränderte Perspektive für bibliothekarische Aufgaben und Chancen in der Verbindung zur Mitwelt. Und eben das bietet spannende Möglichkeiten der Weiterentwicklung – bis heute.

Vor allem in den USA ist in den vergangenen Jahren eine besondere Form des Schreibens und Zeichnens vermehrt auch als Angebot von Bibliotheken zu beobachten, die zunächst an vielleicht etwas antiquiert anmutende Naturtagebücher wie zum Beispiel »Vom Glück, mit der Natur zu leben« von Edith Holden1 denken lässt, und sich davon doch in mancher Hinsicht unterscheidet: Nature Journaling2

So berichteten in den letzten Jahren die Delaware County Libraries, die Walnut Creek Library wie auch die Farmington Libraries3 von ihren Angeboten dazu – um nur einige Beispiele zu nennen.

Im Kontext von Nachhaltigkeit und Naturerfahrung wächst inzwischen auch hierzulande4 in einigen Regionen das Interesse daran – besonders in den Großstädten unter jüngeren Erwachsenen5. Denn wer es ausprobiert, merkt schnell: Bibliotheken sind gute Orte, um diese unkomplizierte und alltagstaugliche Verbindung von Sprache, Zeichnen und Naturwissen für alle Generationen anzuregen und zu pflegen.

 

»Nature Journaling« – was heißt das?

Eine treffende Übersetzung ist schwierig: Denn »Naturtagebuch« lässt eher an eine private Besinnung auf persönliche Befindlichkeiten in der Natur denken. Das kann natürlich auch geschehen – aber Nature Journaling lebt zugleich davon, in einen offenen Austausch mit anderen zu den Aufzeichnungen zu kommen. Genauer gesagt: zu dem, was verschiedene Menschen in ganz unterschiedlicher Weise in der Natur wahrnehmen, skizzieren und notieren. Selbsterfahrung steht eher nicht im Fokus.

Um was genau also geht es? Die Bandbreite an Methoden und Akzenten, die bei Nature Journaling in unterschiedlicher Weise zur Anwendung kommen, ist groß und eröffnet viele individuelle Freiheiten für die Ausgestaltung: Man geht in einen stillen Kontakt oder Dialog mit der Natur, nimmt wahr, skizziert und beschreibt mit Stift oder Pinsel, Skizzen und Worten, was da ist, hält auch Fragen und Gedanken fest, die einem dabei in den Sinn kommen und tut das teils in dokumentarischer, teils auch in künstlerisch-gestaltender Form mit Kurzlyrik, Mal- und Zeichentechniken.

Ganz wichtig dabei: Weder bei den kreativen Ausdrucksformen noch bei den naturwissenschaftlichen Aspekten der Beobachtung und Dokumentation steht das eigene Talent und Fachwissen im Vordergrund! Natürlich darf und wird sich dieses mit der Zeit durch Übung und Fragen von ganz allein vertiefen und erweitern. Doch jede und jeder sucht und findet beim Nature Journaling zunächst jene Form, die am besten dazu geeignet ist, sich ganz auf die Wahrnehmung von Details und Beobachtungen in der Natur zu konzentrieren – nicht auf die Perfektion, Optimierung und Präsentation des eigenen Könnens!

Gewiss ist es nicht generell falsch, die Frage nach Techniken und Erwartungen zu stellen. Aber manchmal führt der ergebnisorientierte Blick dazu, vom Eigentlichen wegzukommen: Was nehme ich beim Schauen und Hören, gerade durch das Unverhoffte, Ungeplante und Überraschende von der Mitwelt wahr? Welche Bilder, Worte, Zeichen, welche Haltung und Bewegung im Freien helfen mir bei dieser Wahrnehmung? Und welche Gedanken und Ideen mischen sich in das Gespräch mit der Natur ein?

Im möglichen Austausch dazu – im Sinne einer Chance und nicht als Muss – braucht es manchmal ein bisschen Zeit, um wegzukommen vom Vergleichen: Die unausgesprochene Frage, wer das »schönste Bild« präsentieren kann, steht oft noch eine Weile im Raum. Hier beginnt ein Lernprozess, um gemeinsam eher dem Tiefen als allein dem vordergründig Schönen auf die Spur zu kommen: Was erzählt uns die Welt?

Es geht also – Hartmut Rosa6 lässt grüßen – um die Erfahrung einer Resonanzbeziehung zu einer Mitwelt, die elementare Lebenszusammenhänge offenbart und uns nicht mit Objekten gegenübersteht, sondern mit Subjekten begegnet. Unverfügbares ist immer mit im Spiel und kann durch Bilder, Zahlen oder Worte bewusst, aber nicht vollständig erfasst werden. Gut, dass manche Fragen bei Nature Journaling offen bleiben und nicht alles messbar ist.

 

Vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten statt Perfektion

Wenn Hartmut Rosa in einem erweiterten Sinne von »Anverwandlung der Welt« spricht, versteht er die Inspiration durch eine solche Begegnung beziehungsweise Beziehung als Grundlage für kreative und schöpferische Prozesse. 

Ob man diese Kreativität ganz schlicht mit Bleistift erfährt oder eine kleine Aquarell-Ausrüstung mit ins Freie nimmt, bleibt der persönlichen Vorliebe überlassen. Und für die Worte bedeutet das: Von Zählungen, Beschreibungen, Assoziationen und Fragen bis hin zu poetischen Formen als Ausdruck von Stimmungen ist alles möglich. Inspirierend kann es zum Beispiel sein, dabei auch nach Wortneuschöpfungen zu suchen, um Phänomene zu beschreiben, die sich so weder zeichnen noch mit dem bekannten Vokabular fassen lassen. Solche Neuschöpfungen dienen dann vielleicht als Vorstufe für poetische Formen – Akrosticha, Haikus, Elfchen – die sich damit zu Stimmungsbildern gestalten lassen und diesen so eine ganz eigene Farbigkeit und Originalität verleihen.

Aber es kann auch ganz anders gehen: Wer eher an Vogelzählungen und Veränderungen der Vegetation interessiert ist, wird Worte und Zahlen nutzen, um für dieses Interesse möglichst regelmäßig Datenmaterial zusammenzutragen. Wie auch immer: Die einen wie die anderen werden im Prozess der skizzenhaften Aufzeichnungen und Notizen im Freien merken, wie man dabei mit allen Sinnen immer tiefer eintaucht in das, was sich in der Natur vor einem auftut – und wie das Grübeln im Kopf wie auch das Kreisen um sich selbst solange Pause macht!

Verbundenheit vor Ort und weltweit – auch digital

So asketisch und »aus der Zeit gefallen« das Zeichnen mit Bleistift in einem Notizbuch aus Papier auch anmuten mag – mit »Technikfeindlichkeit« hat Nature Journaling nichts zu tun! Zur Freiheit des Experimentierens gehört ebenso, dass zum Beispiel Fotografien in ein Journal mit eingebaut werden können, wenn das in der jeweiligen Situation und Nacharbeit sinnvoll und hilfreich erscheint. Es gilt: Einfach ausprobieren – und der Unterschied zwischen der Entstehung eines Fotos und einer Zeichnung bei dem, was man wirklich mit allen Sinnen erfassen und weiter bedenken möchte, wird sich zeigen. Bei einem so, bei einer anderen anders.

Auch für digitale Austauschformen bietet Nature Journaling in angenehm kollegialer und unaufgeregter Atmosphäre eine große Reichweite und Verständigung über Grenzen hinaus: Jährlich trifft sich die internationale Nature Journling Community zur Nature Journaling Week7, zeichnet und schreibt jeweils vor Ort zu einem gemeinsamen Thema, tauscht die unterschiedlichen Perspektiven dazu im digitalen Raum aus und lernt voneinander: eine friedvolle, empathische und ganz von Vielfalt geprägte Erfahrung in einer von Spaltung, Verhärtung und Machtkämpfen erschöpften Welt.

Mit dieser Lust am Perspektivwechsel treffen sich die Freundinnen und Freunde von Nature Journaling also nicht zum Wettstreit um die beste Methode und die perfekte Ausrüstung, sondern für ein kollegiales Teilen von unterschiedlichen Erfahrungen. So jedenfalls sollte es sein. Und so könnten es auch in Bibliotheken immer größere Kreise ziehen – von Kindern bis hin zum Seniorenalter. 

Wo also Menschen in Bibliotheken einen öffentlichen Ort für sich finden, an dem sie zum Beispiel regelmäßig miteinander stricken oder in aller Stille Bücher lesen, um sich anschließend vielleicht dazu auszutauschen, kann auch ein »Nature-Journaling-Treffpunkt« ganz unkompliziert und ohne nennenswerten Raum- und Materialbedarf zum Mitmachen einladen. Man braucht dafür keinen Wald vor der Tür und kein Atelier unterm Dach. Vielleicht unternimmt man gemeinsam einen Spaziergang in einen nahegelegenen Park. Oder man bringt bei Regenwetter kleine gesammelte Schätze einfach mit und zeichnet direkt in der Bibliothek: eine getrocknete Mohnkapsel aus dem Garten, eine Muschel aus dem Urlaub, ein besonderer Stein, eine Eichel, ein Herbstblatt8

Die Gespräche, die sich dazu entwickeln sind genauso ergebnisoffen, wie der Prozess der Gestaltung auch. Nicht immer ergibt sich aus der Wahrnehmung gleich eine Lösung für Umweltprobleme, die dabei vielleicht zur Sprache kommen. Und doch kann das aufmerksame Einfühlen, Mitgehen und in den Blick nehmen etwas verändern. Es geht um die Hoffnung, durch eine sensiblere Haltung zu dem, was uns umgibt vielleicht ein verändertes Verhalten der Mitwelt gegenüber einzuüben. Und mit dieser Erfahrung nicht allein zu bleiben. 

Die NABU-naturgucker-Akademie bietet ein empfehlenswertes digitales Fortbildungs-Format zu Nature Journaling Grundwissen an. Die Teilnahme am Kurs ist kostenlos und hier zeitlich unbegrenzt möglich

Susanne Brandt, geboren 1964, studierte Bibliothekswesen und berufsbegleitend Kulturwissenschaften und Nachhaltigkeitsmanagement, qualifiziert als Rhythmikpädagogin und Bildungsreferentin für nachhaltige Entwicklung, in Teilzeit bei Bibliotheken SH tätig für Kooperationen und Weiterbildung im Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung, Sprach- und Leseförderung, daneben freiberuflich mit Workshops und Publikationen im Bereich Natur und Kultur engagiert.

1 Edith Holden: Vom Glück, mit der Natur zu leben. München: dtv, 2013 

2 John Muir Laws/Emilie Lygren: How to teach Nature Journaling. Berkeley: Heyday, 2020

3 https://www.farmingtonlibraries.org/event/nature-journaling

4 https://www.berlin.de/stadtbibliothek-neukoelln/bibliotheken/gertrud-hass-bibliothek/artikel.1574893.php

5 Verena Hillgärtner: Nature Journaling. Stuttgart: Kosmos, 2023

6 Harmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Frankfurt: Suhrkamp, 2016

7 https://www.naturejournalingweek.com/

8 https://waldworte.eu/2024/10/04/nature-journaling-mit-dem-farbenspiel-der-herbstblaetter/

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