Bibliotheken als demokratische Räume für Citizen Science

Praxisbericht über ein partizipatives Forschungsprojekt, das Teilhabe stärkt und vielfältige Perspektiven sichtbar macht.
Die Amerika-Gedenkbibliothek nach der Fertigstellung im Jahr 1954. Foto: Horst Siegmann © Landesarchiv Berlin, LAB F Rep. (05) Nr. 0000192_C.

Die Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) in Berlin wird im Projekt »Bibliotheken als Orte der Demokratiegeschichte« von Minor Projektkontor für Bildung und Forschung1 als zentraler Erinnerungs- und Erfahrungsraum demokratischer Kultur verstanden. Eröffnet im Jahr 1954 im Kontext des Kalten Krieges als öffentliches Geschenk der USA an die Berliner Bevölkerung, wird die Amerika-Gedenkbibliothek als Instrument demokratischer Re-Education konzipiert und entwickelt sich rasch zu einem beliebten, offenen Raum für Bildung und Teilhabe. Durch den gezielten Aufbau frei zugänglicher Wissens- und Bildungsräume stärkt sie demokratische Werte und eine politisch sensibilisierte Öffentlichkeit in der jungen Bundesrepublik.

Als »Geste der Freundschaft« und als offiziell kommunizierter Dank für den Einsatz der Westberliner Bevölkerung während der Berliner Blockade wird die AGB zu einem sichtbaren Symbol transatlantischer Partnerschaft. Architektur, Programm und Institution machen sie zu einem Ort gelebter Demokratie.

Citizen Science Bibliothek: Ziel und Ansatz

»Bibliotheken als Orte der Demokratiegeschichte« untersucht die Öffentliche Bibliothek am Beispiel der AGB als demokratischen Raum. Bibliotheksnutzer»-innen erforschen gemeinsam ihre Bedeutung für die Berliner Stadtgesellschaft und ihre wandelnde Rolle seit den 1950er-Jahren. Im Mittelpunkt stehen Teilhabe, Bildung, Öffentlichkeit und Zugänglichkeit. Die Bibliothek erscheint als Bildungs- und Begegnungsort, konsumfreier Aufenthaltsraum und als Ort gesellschaftlicher Aushandlung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Reflektiert werden die gelebten demokratischen Grundlagen einer sehr beliebten Öffentlichen Bibliothek.

Partizipation im Bibliotheksprojekt und Co-Forschung

Die Citizen-Science-Gruppe ist sehr vielfältig: Im sozial und kulturell heterogenen Umfeld der AGB in Berlin-Kreuzberg, wo rund die Hälfte der Bevölkerung Migrationserfahrung hat2, spiegelt die Gruppe diese Diversität wider. Der Aufruf erfolgt über die Bibliothek und Stadtteilnetzwerke. Es werden 15 ehrenamtliche Co-Forschende unterschiedlichen Alters und biografischer Hintergründe ausgewählt: von Studierenden bis Rentnerinnen und Rentnern, davon sieben von ihnen mit Migrationserfahrung und einige mit Fluchterfahrung. Diese Vielfalt prägt die Themenwahl und die Projektarbeit. Neben Erfolgsgeschichten thematisieren sie auch Ausschlüsse, Machtverhältnisse, Brüche und die Frage, wessen Stimmen gehört werden und welche Erfahrungen unsichtbar bleiben.

Bibliotheksgeschichte Berlin zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Die Co-Forschenden arbeiten in historischen und gegenwartsbezogenen Recherchegruppen. Die historische Gruppe untersucht das demokratische Erbe der Bibliothek als Symbol des Wiederaufbaus West-Berlins nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie betrachtet die Gründung im Kontext des Kalten Krieges, die architektonische Umsetzung von Re-Education und die Rolle der AGB als niedrigschwelligen Informationsort für Ost- und West-Berliner/-innen. Quellen sind unter anderen Gründungsdokumente, Zeitungen, Fachpublikationen, Fotografien und Texte des ersten Direktors Fritz Moser.

Die gegenwartsbezogene Gruppe analysiert Diversität, Pluralität und die Bibliothek als »dritten Ort«. Sie diskutiert den türkischsprachigen Bestand in Vergangenheit und Gegenwart, den Umgang mit Wohnungslosigkeit und das Selbstverständnis der Bibliothek als sozialen Raum, in dem diverse soziale Gruppen willkommen sind.

Demokratische Bildung Bibliothek durch Nutzerperspektiven

Beide Gruppen ergänzen ihre Recherchen durch direkte Stimmen aus der Bibliothek: Umfragen, über 17 Interviews mit Nutzerinnen und Nutzern sowie Mitarbeitenden, darunter Direktor Jonas Fansa und Tarık Seden, erster türkischer Lektor. Regelmäßige Workshops und ein historischer Rundgang durch die Bibliothek vermitteln Citizen Science als Arbeitslogik: Gemeinsame Abstimmungen verlangsamen Prozesse, schaffen aber Raum für Teilhabe, Reflexion und neue Perspektiven.

Digitale Ausstellung Bibliothek als Projektergebnis

Zentrales Ergebnis des Citizen-Science-Projektes ist eine partizipativ entwickelte digitale Ausstellung. Co-Forschende entwickeln und gestalten Themen, Texte, Bildmaterial und digitale Formate wie E-Learning Module, Audiobeiträge und interaktive Bausteine. Sie möchten mit ihren Arbeiten dazu anregen, Geschichte nicht nur zu betrachten, sondern sich im Sinne einer lebendigen demokratischen Kultur aktiv mit ihr auseinanderzusetzen.

 Im Fokus der digitalen Ausstellung stehen vier thematische Zugänge:

  • Entwicklungsgeschichte der AGB

  • Architektur als Ausdruck demokratischer Leitbilder

  • Demokratische Aushandlungsprozesse und politische Bildung

  • Die Bibliothek als Ort für alle

Die digitale Ausstellung lädt dazu ein, die Geschichte und Gegenwart der Amerika-Gedenkbibliothek neu zu entdecken. Sie zeigt die Bibliothek als Ort, an dem sich gesellschaftliche Aushandlungen, politische Leitbilder und urbane Entwicklungen beispielhaft verdichten. Die Ausstellung dient historisch-politischer Bildung und interpretiert die Rolle von Bibliotheken als demokratische Orte seit den 1950er-Jahren bis in die Gegenwart.

Ausgewählte Ausstellungsbeiträge:

Der Ursprung der Amerika-Gedenkbibliothek

Der Ausstellungsbeitrag zeichnet nach, wie die sowjetische Blockade und die Berliner Luftbrücke 1948/49 neue transatlantische Bündnisse formten und den Weg für eine Zentralbibliothek nach amerikanischem Public-Library-Vorbild ebneten. Zugleich werden die unterschiedlichen Vorstellungen von Öffentlichen Bibliotheken sichtbar, die das Projekt von Beginn an prägten.

Bibliothek der Demokratie: Warum Berlin seit 70 Jahren um die Amerika-Gedenkbibliothek ringt

Bereits kurz nach der Eröffnung 1954 wurde deutlich, dass das Gebäude der Amerika-Gedenkbibliothek zu klein war. Dieses Ausstellungskapitel blickt auf die jahrzehntelangen Debatten um die Erweiterung und den Standort zurück und zeigt frühere Planungen, ihre politischen und städtebaulichen Hintergründe sowie die Gründe ihres Scheiterns. Deutlich wird, wie eng die Entwicklung der Bibliothek mit den Aushandlungsprozessen der Stadt Berlin verbunden ist.

Re-Education in Berlin: Winning Hearts and Minds in den 1950ern

Mit Beginn des Kalten Krieges wurde West-Berlin zum demokratischen Schaufenster inmitten der sowjetischen Machtsphäre. Anhand der Amerika-Gedenkbibliothek, der Kongresshalle und des Amerika Hauses zeigt dieses Ausstellungskapitel, wie Geografie und moderne architektonische Sprache als Mittel transatlantischer Kulturpolitik und politischer Selbstvergewisserung des Westens eingesetzt wurden.

Offenheit durch Architektur

Dieser Ausstellungsbeitrag analysiert die Amerika-Gedenkbibliothek als Symbol moderner Architektur und demokratischer Offenheit. Er erläutert, wie Transparenz, Funktionalität und das Freihandkonzept Bewegungsfreiheit ermöglichten und die Bibliothek als öffentlichen Raum des Austauschs und der selbstbestimmten Nutzung erfahrbar machten. 

Die Programmpolitik der Amerika-Gedenkbibliothek, 1954–1956

Die 1954 eröffnete Amerika-Gedenkbibliothek verstand sich als Ort des freien Zugangs zu Bildung und Kultur und als Motor des demokratischen Aufbruchs in West-Berlin. Zugleich macht dieses Kapitel deutlich, dass die versprochene Offenheit nicht für alle gleichermaßen galt. Programmentscheidungen wie der Ausschluss von Autorinnen wie Mascha Kaléko markieren die Grenzen und Ambivalenzen einer als inklusiv verstandenen demokratischen Kultur.

Angriffsziel Bibliothek seit den 1960er-Jahren

Immer wieder wurde die Amerika-Gedenkbibliothek Ziel von Angriffen, da ihr Name häufig mit den USA gleichgesetzt wurde. Der Beitrag verbindet historische Erfahrungen mit aktuellen Überlegungen zum Schutz von Bibliotheken als Orte der Demokratie und gibt praxisnahe Hinweise zum Umgang mit Bedrohungslagen. 

Bibliothek für alle? Grenzenlos lesen: Türkischsprachige Bibliotheken in Berlin

Der Beitrag untersucht die Geschichte türkischsprachiger Medienbestände in Berliner Bibliotheken. Seit den 1970er-Jahren begannen Öffentliche Bibliotheken, Medien für migrantische Communities bereitzustellen; in den 1980er-Jahren baute die Amerika-Gedenkbibliothek unter der Leitung von Tarık Seden einen umfangreichen türkischsprachigen Bestand auf. 

Die Bibliothek als Dritter Ort: Stimmen aus der Amerika-Gedenkbibliothek

Als Dritte Orte werden Räume jenseits von zuhause und Arbeit bezeichnet, in denen Menschen einander begegnen, Zeit verbringen und Teil einer Öffentlichkeit werden können. Dieser Podcast zeigt ein vielstimmiges Bild der Amerika-Gedenkbibliothek als Ort des Lernens, der Begegnung und des Verweilens.

Wenn Bibliotheken zum Zufluchtsort werden

Dieser Ausstellungsbeitrag nimmt die Erfahrungen wohnungsloser Menschen in den Blick, die Bibliotheken als Rückzugsorte nutzen. Die Bibliothek erscheint hier als Schutzraum, zugleich aber auch als Ort mit Regeln, Erwartungen und Konflikten. Der Beitrag gibt Bibliotheksmitarbeitenden konkrete Anregungen sowie deeskalierende Handlungsstrategien für den Arbeitsalltag mit.

Zukunftsforum über Bibliotheken

Mit dem Launch der Ausstellung im Rahmen des »Zukunftsforums:Die Rolle öffentlicher Bibliotheken als Orte gelebter Demokratie – in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft« wird das Projekt und die digitale Ausstellung erstmals in einen fachöffentlichen Diskurs eingebettet. Co-Forschende, Nutzer/-innen, Bibliothekarinnen und Bibliothekare sowie Fachvertreter*innen diskutieren gemeinsam, welche Rolle Bibliotheken künftig für demokratische Teilhabe, gesellschaftliche Öffentlichkeit und soziale Inklusion übernehmen können.

Die AGB erhält in diesem Zusammenhang die Plakette »Ort der Demokratiegeschichte« der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte und wird als demokratischer Erinnerungs- und Alltagsort gewürdigt.

Soziale Inklusion Bibliothek und Übertragbarkeit

Das Citizen-Science-Projekt an der Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin profitiert von besonderen Voraussetzungen: einer reichen, nuancierten Geschichte und einem Ort, der nicht nur stark frequentiert ist, sondern auch tief im städtischen Gedächtnis verankert ist. Zugleich zeigt der Projektverlauf, welche Rahmenbedingungen Citizen-Science-Arbeit in Bibliotheken grundsätzlich begünstigen. Entscheidend sind dabei sowohl die Verfügbarkeit historischer Materialien als auch die Bibliothek selbst als organisatorischer Anker. 

Als niedrigschwelliger und vertrauter Ort ermöglicht sie Beteiligung auch jenseits etablierter Bildungs und Forschungskontexte. Sie bietet einen verlässlichen Bezugspunkt für Treffen, Schreibphasen, Interviews und Austausch, verleiht dem Projekt Struktur und macht es im öffentlichen Raum sichtbar.

Die Co-Forschenden übernehmen Verantwortung für ihre Themen und arbeiten ihre Beiträge mit großer Sorgfalt aus, nicht zuletzt, weil die Zusammenarbeit sie bindet und als gemeinsamer, kontinuierlich begleiteter Prozess angelegt ist. Zugleich eröffnen die Perspektiven einer engagierten und heterogenen Community neue Fragestellungen und Deutungen. Für die Co-Forschenden entsteht dadurch ein klarer inhaltlicher Auftrag, die Geschichte einer vertrauten und geschätzten Institution zu erforschen und zu erzählen. 

Gleichzeitig profitiert auch die Bibliothek selbst von dem gemeinsamen Forschungsprozess und seinen Ergebnissen. Dabei wird auch die Realität ehrenamtlicher Projektarbeit mit wechselnden Lebensumständen und Prioritäten sichtbar. Klar gegliederte Projektbausteine sowie flexible Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten ermöglichen es, neue Beteiligte einzubinden, ohne den Gesamtprozess zu gefährden. Besonders zeitintensiv ist nicht allein die Recherche, sondern vor allem das Schreiben und Redigieren: Inhalte werden geschärft, Perspektiven zusammengeführt und für unterschiedliche Leserinnen und Leser verständlich aufbereitet.

Diese Erfahrungen lassen sich auf andere Bibliotheken übertragen, unabhängig von Größe, Bekanntheit oder institutioneller Ausstattung. Oft genügen eine interessierte Community und ein geschätzter Ort, mit dem sich Menschen identifizieren. Bibliotheken werden so zu Räumen, in denen Wissen nicht nur bewahrt, sondern gemeinsam verhandelt und als Teil einer lebendigen demokratischen Kultur weitererzählt wird.

 

Weitere Praxisbeispiele zu Citizen Science finden Sie auf der Themenseite Bibliothekspraxis.

 

1 Das Citizen-Science-Projekt »Die Amerika-Gedenkbibliothek als Ort der Geschichte und Zukunft von Demokratisierung. Partizipative Recherchearbeit und online Ausstellung zur Bedeutung der AGB und öffentlicher Bibliotheken als Orte der Demokratie« (Antragstitel) wurde vom Mai 2024 bis Dezember 2025 umgesetzt und von der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte finanziert. Mehr über die (historisch-)politische Bildungsarbeit von Minor findet sich unter: https://minor-kontor.de/ beziehungsweise zum Bibliotheksprojekt unter: https://minor-kontor.de/bibdem/.

2 https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/132-2025/

 

Dr. Anne von Oswald, Historikerin und Sozialwissenschaftlerin, kam zum Thema Migration und Teilhabe über ihr Studium in Italien und ihre Forschungsarbeit über die italienischen Arbeitsmigrantinnen und -migranten in den 1960er- und 1970er-Jahren in Deutschland. Als Fachbereichsleiterin und Projektleiterin bei »Minor Projektkontor für Bildung und Forschung« setzt sie Studien sowie Projekte in der historisch-politischen Bildung zum Thema (Zwangs-)Migration, Exil und Demokratie um. Weiterhin beschäftigt sich Anne von Oswald intensiv mit dem Thema europäische Einwanderungsgesellschaften und Menschenrechte. Sie ist Mitgründerin des We Refugees Archivs zu Flucht und Exil in Vergangenheit und Gegenwart.

Nicola Andersson, Historikerin und Sozialanthropologin, kam über ihr Studium der Sozialanthropologie und Kunstgeschichte in England sowie ihren Master in Cultural Heritage Conservation in Schweden zu Fragen digitaler Erinnerungskultur und historisch-politischer Vermittlung. Während ihres Masterstudiums entwickelte sie eine Augmented-Reality-App zu Stolpersteinen und setzte sich intensiv mit digitalen Ansätzen der Geschichtsvermittlung im öffentlichen Raum auseinander. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei »Minor Projektkontor für Bildung und Forschung« arbeitet sie an der Schnittstelle von digitalen Werkzeugen und historisch-politischer Bildung und beschäftigt sich mit der Frage, wie Technologien historische und gesellschaftliche Themen zugänglich machen und neue Formen der Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart eröffnen können.

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