Bibliotheken, Nachhaltigkeit und das gute Leben für alle

Gemeinwohlbilanzierung als Instrument für Bibliotheken zur ganzheitlichen und nachhaltigen Organisationsentwicklung.

Bibliotheken sind für alle da, sie sind per se nachhaltig und damit basta!? Aber Hand aufs Herz: Reicht das aus? 

Natürlich nicht. Bibliotheken sind durch ihr Grundprinzip des Leihens statt Kaufens auf eine Art nachhaltig. 

Trotzdem gibt es immer Verbesserungsmöglichkeiten. Beim Thema Nachhaltigkeit denken viele zuerst an CO2-Emissionen oder Müllvermeidung. Die Erweiterung des Fokus weg von rein ökologischen Aspekten ist hierbei ein wichtiger Schritt, um Bibliotheken ganzheitlicher nachhaltig zu machen. Genau hier wird es spannend: Die Gemeinwohlökonomie (GWÖ – siehe Info-Kasten) mit ihrem Werkzeug der Gemeinwohlbilanzierung zwingt uns, unseren Bibliotheksalltag noch einmal neu anzuschauen – mit der Frage: Dient das, was wir tun, wirklich dem guten Leben für alle?

Gemeinwohlökonomie als ganzheitlicher Nachhaltigkeitsansatz für Bibliotheken

Die Gemeinwohlbilanzierung1 geht über die reine Fokussierung auf ökologische Faktoren wie Treibhausgasemissionen hinaus und setzt ein Zeichen für eine ganzheitliche Betrachtung von Nachhaltigkeit. Neben ökologischen Faktoren rückt sie soziale und ökonomische Dimensionen wie Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, Transparenz und Mitentscheidung in den Mittelpunkt. 

Das Ziel der Gemeinwohlökonomie ist bestechend einfach: »das Gute Leben für alle«. Dabei knüpft sie an Artikel 14 des Grundgesetzes an, der festhält: »Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.«2 Um dieses Kriterium messbar zu machen wurde das Gemeinwohlprodukt entwickelt. Es steht in deutlichem Kontrast zum Bruttoinlandsprodukt. Statt zu zählen wie viel wir produzieren und verkaufen, fragt es im Grunde: Wie gut können Menschen mit dem leben, was da entsteht? 

Zur Messung dieses »Produktes« wurde die Gemeinwohlbilanz entwickelt. Mithilfe dieses Bewertungstools können Unternehmen, Institutionen und auch Einzelpersonen eine strukturierte Bewertung im Sinn des Gemeinwohls durchführen, um ihren eigenen Wert fürs Allgemeinwohl zu ermitteln. Damit ist die Gemeinwohlbilanzierung ein wichtiges Instrument, um Nachhaltigkeit auf eine deutlich breitere Basis zu stellen als nur den ökologischen Fokus.

Die Kriterien werden hierbei auf alle fünf Berührungsgruppen angewendet, die in der Gemeinwohl-Matrix in Abbildung 1 in der ersten Spalte aufgeführt werden. So wird anschaulich: Bibliotheken berühren sehr viel mehr Gruppen, als auf den ersten Blick sichtbar ist. 

Gemeinwohlbilanz in der Praxis: Erfahrungen aus der Stadtbibliothek Pankow

In der Stadtbibliothek Pankow wurde im Rahmen des »Fond Zero«-Projekts der Kulturstiftung des Bundes3 2024 begonnen, eine Gemeinwohlbilanzierung zu erstellen. Als Grundlage diente das Begleitheft für Bibliotheken4, das die ursprünglich auf marktwirtschaftlich arbeitende Unternehmen zugeschnittenen Fragen für den Bibliothekskontext übersetzt.

Zur Umsetzung der Gemeinwohlbilanzierung in der Stadtbibliothek wurde – im Sinn des Ansatzes, dass Nachhaltigkeit und Umweltschutz immer Gemeinschaftsaufgaben ist – die AG Nachhaltigkeit gegründet. Die AG setzte sich aus Mitarbeitenden unterschiedlicher Bibliotheken in Pankow zusammen, um mit verschiedenen Perspektiven die Aufgabe gemeinsam zu bearbeiten. Über ein Jahr hinweg arbeitete die AG jeweils zwei Monate an allen fünf Berührungsgruppen. Zur inhaltlichen Einarbeitung in die jeweiligen Bereiche wurde sie von GWÖ-Expertinnen und -Experten5 begleitet. 

Alle zwei Wochen saßen Kolleginnen und Kollegen aus sehr unterschiedlichen Bereichen an einem Tisch. Auf dem Papier ging es »nur« um eine Bilanz – in Wirklichkeit darum, unseren Arbeitsalltag einmal radikal von außen anzuschauen. Je nach Bedarf wurden in Kleingruppen oder in der gesamten AG an den oft sehr in die Tiefe gehenden Fragen gearbeitet. Parallel zur Arbeit an den Fragen sammelte die AG Ideen für Verbesserungspotenziale, die bei der Bearbeitung der einzelnen Aspekte sichtbar wurden. Diese Vorschläge waren in dem komplexen und langwierigen Prozess ein wichtiger praktischer Baustein, weil sie eine unmittelbare Rückbindung an die konkrete Arbeit in den Bibliotheken ermöglichten.

Eine meiner Lieblingsmethoden in diesem Prozess war die Bewertung der lokalisierten Verbesserungsvorschläge. Dabei werden die Vorschläge nach den Kriterien Wirkung, Machbarkeit und Aufwand eingeschätzt. Spannend war, dass Mitglieder der AG Nachhaltigkeit diese Methode in unterschiedlichen Rollen – mal als Hausleitung mal als engagiertes Mitglied der AG Nachhaltigkeit – durchführten und je nach Perspektive zu abweichenden Bewertungen kamen. Aus der AG Nachhaltigkeit heraus wurden die Vorschläge sehr viel optimistischer bewertet als aus allen anderen Perspektiven. Das machte deutlich, dass für diese Methode – und für die Auswahl tatsächlich umsetzbarer Verbesserungspotenziale – eine möglichst diverse Gruppe von Bewertenden sinnvoll ist, um zu tragfähigen Ergebnissen zu kommen.

Nachhaltige Bibliotheksentwicklung zwischen Potenzial und Ressourcenaufwand

Das Potenzial der Gemeinwohlökonomie für Bibliotheken zeigt sich deutlich sowohl in ihren Stärken als auch in den Herausforderungen des Prozesses. Auf der Pro-Seite steht, dass die Gemeinwohlbilanz Vergleichbarkeit schafft und ein wichtiges Argumentationstool nach innen und außen bietet. Der ermittelte Ist-Zustand ist dabei nicht das Ziel, sondern der Ausgangspunkt: Entscheidend ist der anschließende Veränderungsprozess, der bewusst auf Langfristigkeit angelegt ist.

Dem gegenüber steht der Realitätscheck: hoher Arbeitsinput, Datenchaos im Nachhinein und Fragen, die einen wöchentlich zwingen, die Komplexität aller Teilaspekte mit einzubeziehen – bei knappen zeitlichen Ressourcen. Für einen ersten Einstieg kann darum eine Kompaktbilanz mit einem deutlich geringeren Umfang als die Vollbilanz eine sinnvolle Option sein.

Gerade im Spannungsfeld von Potenzial und Aufwand zeigt sich die GWÖ jedoch als wirksames Entwicklungsinstrument. Das volle Potenzial der Gemeinwohlbilanzierung wird meist erst mit der zweiten Bilanz sichtbar, wenn die Ergebnisse mit der ersten Erhebung verglichen werden können. Dieser Vergleich macht nicht nur die Wirkung der eingeleiteten Maßnahmen innerhalb der Organisation deutlich, sondern eröffnet auch die Chance, gezielt nachzusteuern und aus bisherigen Bemühungen zu lernen. Im Idealfall werden die für die GWÖ relevanten Daten seit der ersten Bilanz systematisch erfasst und stehen für die nächste Auswertung leicht abrufbar zur Verfügung. An der Entwicklung im Zeitverlauf lassen sich dann Stärken und Schwächen der gewählten Ansätze klar ablesen – und nach zwei Jahren kann auch bilanziert werden, welche der zunächst vielversprechenden Verbesserungspotenziale sich tatsächlich bewährt haben.

Gemeinwohlbilanzierung in Bibliotheken – eine Frage der Erwartung

Wenn mich heute jemand fragt, ob sich die Gemeinwohlbilanzierung lohnt, antworte ich: Es kommt darauf an, was Sie erwarten. Eine Vollbilanz erfordert erheblichen Aufwand und ausreichend personelle Ressourcen – bei schnellen Ergebnissen oder kleinem Budget ist sie nicht realistisch. Aber wenn es um einen selbstkritischen Blick in die eigene Organisation geht: Unbedingt! Schon die Auseinandersetzung mit den aufgeworfenen Fragen ist gewinnbringend. Sie macht sichtbar, was Bibliotheken bereits leisten, wo Luft nach oben ist – und weckt Ideen für Verbesserungen, auf die man sonst nie gekommen wäre. Entscheidend ist dabei die langfristige Perspektive: Nur so entsteht wirklich nachhaltige Entwicklung. Und es werden einige der vielen Puzzleteile sichtbar, die auf dem Weg zu einem guten Leben für alle zusammengesetzt werden können.

Franziska Harnisch hat das Projekt »Make Makerspaces Green Again« an der Stadtbibliothek Pankow von 2023 bis 2025 als Projektkoordinatorin begleitet und durchgeführt. Seit Juli 2025 ist sie an der Stadtbibliothek Lichtenberg Qualitäts-, Prozess- und Veränderungsmanagerin. Sie ist Soziologin und Osteuropawissenschaftlerin und hat das Bibliotheksreferendariat 2019 bis 2021 an der Freien Universität Berlin absolviert. (ORCID)

1 Link zur Homepage von GWÖ Deutschland

2 Artikel 14, Absatz 2, Satz 1 Grundgesetz

3 Im Rahmen der Fond Zero Förderung wurde 2023 bis 2025 das Drittmittelprojekt »Make Makerspaces Green Again« durchgeführt. Weitere Informationen

4 Das Begleitheft für Bibliotheken wurde in Kooperation zwischen der Humboldt-Universität zu Berlin, der Staats-, Landes und Universitätsbibliothek Dresden und der Stadtbibliothek Pankow entwickelt. Link zum Begleitheft für Bibliotheken.

5 Expertinnen und Experten aus dem Team von HM-Practices

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