Für die nächsten vier Jahre ist Lettland das Partnerland der BID. Lesen Sie in diesem Beitrag, was an Projekten geplant ist.
Im Rahmen der Konferenz «Engagement, Kooperation, Entwicklung – die Grundlage für den Erfolg von Bibliotheken« (»Iesaiste, sadarbība, attīstība – bibliotēkas veiksmes pamats«) in Riga wurde der erste Schritt in Richtung intensive Zusammenarbeit in den nächsten Jahren gemacht. Foto: olezzo, adobe.stock.com
Alle drei Jahre zum Bibliothekskongress wählt der Dachverband Bibliothek und Information Deutschland (BID) ein Partnerland, das in den darauffolgenden Jahren im besonderen Fokus der internationalen Kooperation des Verbandes steht. Ziel ist die fachlichen Beziehungen zwischen den beiden Bibliotheksländern nachhaltig zu vertiefen. Fachaufenthalte, Studienreisen, gegenseitige Kongressteilnahmen und gemeinsame analoge sowie digitale Veranstaltungen tragen dazu bei, die Bibliothekslandschaften der jeweiligen Länder und ihre Menschen kennenzulernen und über aktuelle Fachthemen in Austausch zu treten.
Am 24. April 2025 unterzeichneten Dagnija Baltiņa, Direktorinder Lettischen Nationalbibliothek, Rūta Bokta, Vorsitzende des Lettischen Bibliothekarvereins, sowie Sabine Homilius, die damalige Präsidentin von Bibliothek und Information Deutschland, die neue Kooperationsvereinbarung zur Partnerland-Initiative zwischen Lettland und Deutschland. Im Rahmen der Konferenz «Engagement, Kooperation, Entwicklung – die Grundlage für den Erfolg von Bibliotheken« (»Iesaiste, sadarbība, attīstība – bibliotēkas veiksmes pamats«) in Riga wurde somit der erste Schritt in Richtung intensive Zusammenarbeit in den nächsten drei Jahren gemacht.
Warum Lettland als Partnerland?
Die lettischen Kolleginnen und Kollegen zeigten sofort nach dem ersten Impuls aus dem BID-Vorstand großes Interesse an dieser Partnerschaft. Auch das Ortskomitee des diesjährigen Bibliothekskongresses in Bremen unterstützte die Idee, Lettland als nächstes Partnerland auszuwählen, denn seit 1985 existiert eine aktiv gepflegte Städtepartnerschaft zwischen Bremen und der lettischen Hauptstadt Riga. Nach den vorherigen Partnerländern Niederlande und Tschechien kommt nun der geografische Nordosten in den Fokus.
Als einer der drei baltischen Staaten, der 1991 seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion wiedererlangte und seit 2004 EU-Mitglied ist, setzt die Partnerschaft auch ein politisches Zeichen. Zwar ist Lettland nicht so unaufwendig wie Tschechien oder die Niederlande zu erreichen, die Flugverbindungen sind aber gut, die Entfernung machbar (im Vergleich zu den USA beispielsweise) und auch kostenmäßig tragbar. Die Bibliotheksszene ist vielfältig und innovativ und trotzdem uns in Deutschland nicht zu vertraut.
Die Verbindungen zwischen Lettland und Deutschland sind seit der Deutschordens- und Hansezeit vielseitig und intensiv – mit zahlreichen positiven (zum Beispiel Buch- und Bildungsgeschichte, Religion, Architektur, Kunst, Literatur, baltendeutsche Minderheit) und negativen Aspekten (wirtschaftliche Ausbeutung, Unterdrückung der lettischen Kultur durch deutsche Oberschichten, deutsche Kriegsführung im Ersten und Zweiten Weltkrieg, Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung Lettlands, Verlust der Unabhängigkeit als Folge des Hitler-Stalin-Pakts).
2025 feiert Lettland die 500-Jahr-Feier der ersten gedruckten Bücher in lettischer und livischer Sprache, die in Wittenberg hergestellt wurden; die Idee einer Ausstellung dazu, die einer der ersten Impulse nach der Kontaktanbahnung war, ist mittlerweile Realität geworden.
Lettisches Bibliothekssystem
Lettland mit seinen 1,862 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern hat ein Bibliotheksnetz, das aus einer Nationalbibliothek, 712 Öffentlichen, 26 Universitäts- und 18 College-Bibliotheken besteht. Hinzu kommen 21 Spezialbibliotheken und 572 Bibliotheken in Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen. Im Jahr 2024 waren 753 070 Personen und somit 40,7 Prozent der Bevölkerung aktive Nutzer/-innen einer Bibliothek. Diese gehen im Durchschnitt 38 Mal pro Jahr in die Bibliothek.
Es gibt 3 222 Bibliotheksmitarbeitende, 97 Prozent von ihnen sind Frauen. 92 Prozent der Bibliotheken bieten kostenfreies WLAN an. 47 Prozent der Bibliotheken sind für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen nutzbar. Der Bibliotheksverband von Lettland wurde 1923 gegründet und ist eine unabhängige, auf Freiwilligkeit basierende Berufsorganisation mit 393 individuellen und 271 institutionellen Mitgliedern (inklusive Zweigbibliotheken). Seine Arbeit teilt sich in fünf Sektionen: Kinder- und Schulbibliotheken, Buch- und Bibliotheksgeschichte, Lokalgeschichte, Bibliotheksmarketing und »New Professionals«.
Sabine Homilius (BID), Rūta Bokta (Lettischer Bibliothekarverein) und Dagnija Baltiņa
(Lettische Nationalbibliothek) bei der Unterzeichnung des Partnerland-Vertrages in Riga (von links). Foto: Kristians Luhaers
Kick-Off auf dem Bibliothekskongress Bremen
Das Bibliotheksland Lettland stellte sich auf dem Bibliothekskongress in Bremen im Mai 2025 erstmals mit einer »Lettischen Ecke« auf dem Stand der Verbände und einem Meet & Greet ebenda am 25. Juni vor. Dagnija Baltiņa, Direktorin der Lettischen Nationalbibliothek, Elīna Sniedze, Vorsitzende der Marketingabteilung des lettischen Bibliotheksverbands, und weitere lettische Kolleginnen und Kollegen standenals Ansprechpartner/-innen zur Verfügung. Es gab zahlreiche Vorträge lettischer Kolleginnen und Kollegen im Fachprogramm.
Die Kongressgäste hatten außerdem die Möglichkeit, an einer Führung durch die Posterausstellung »500 Jahre Bücher in Lettisch: Riga erLesen« teilzunehmen und die Sonderbuchauswahl aus der Sammlung der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen – »Von der Livländischen Chronik bis zu Kant. Bremen und Riga in alten Büchern« zu erleben. Die Ausstellung vermittelt einen Eindruck vom intellektuellen Umfeld des Riga des 18. Jahrhunderts, das gebildete Denker und Persönlichkeiten wie Johann Gottfried Herder, Immanuel Kant und Richard Wagner anzog. Die Plakate verbinden historische Fakten mit modernen Bezügen zum Studierendenaustausch. Die Medienauswahl der SuUB Bremen beleuchtete die Perspektive Bremens auf Riga als Partnerstadt und zeigte alte livländische historische Quellen und Manuskripte von Stadtgesetzen.
Im Rahmen einer Öffentlichen Arbeitssitzung am Donnerstag, den 26. Juni, die gleichsam als Kick-off für die Aktivitäten der Partnerlandinitiative fungierte, gab Viktorija Piščikova (Lettische Nationalbibliothek, Beratung für internationale Zusammenarbeit) einen Überblick über die Bibliothekslandschaft Lettlands. Außerdem wurden Ideen, Initiativen und Umsetzungsmöglichkeiten zu Aktionen und Umsetzungen während der Partnerland-Phase gesammelt und diskutiert.
Die offizielle Staffelstabübergabe vom Partnerland Tschechien zum Partnerland Lettland fand auf der gemeinsamen Podiumsdiskussion »Together in Turbulent Times« am Donnerstag, 26. Juni, statt, moderiert von der BID-Präsidentin Karen Schmohl. Die Direktorin der Lettischen Nationalbibliothek Dagnija Baltiņa, Tomáš Foltýn von der tschechischen Nationalbibliothek und Johanna Bär von der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) diskutierten gemeinsam die aktuellen Herausforderungen von Bibliotheken als demokratische Säulen.
Gemeinsam erstellte Wort-Wolke im Rahmen der ersten öffentlichen Arbeitssitzung auf dem Bibliothekskongress in Bremen. Foto: Juliana
Pranke
Themen und Ideen
Im Rahmen der Partnerschaft mit Deutschland bekunden lettische Bibliotheken großes Interesse an einer langfristigen Zusammenarbeit, die die berufliche Weiterentwicklung, den Erwerb neuer Kenntnisse, die Übernahme innovativer Ideen und die Umsetzung gemeinsamer Projekte fördern würde.
Im Hinblick auf »Erfahrungsaustausch und berufliche Weiterbildung« wünschen sich die lettischen Kolleginnen und Kollegen:
Austauschbesuche in Bibliotheken in Deutschland mit dem besonderen Schwerpunkt: Bibliotheksbetrieb in ländlichen Gebieten und Kleinstädten; Herausforderungen für Bibliotheken im digitalen Zeitalter und die Rolle von Bibliotheken als Gemeindezentren
Job-Shadowing und Mobilitätsaufenthalte in Bibliotheken in Deutschland
Teilnahme an Seminaren, Konferenzen und Online- sowie Präsenzschulungen, darunter Veranstaltungen in Lettland mit deutschen Referentinnen und Referenten
Schulungskurse in Deutschland zu Themen wie Bibliotheksmarketing, seltene Bücher, digitale Sicherheit, Informationskompetenz, Arbeit mit Seniorinnen und Senioren und mehr
An gemeinsamen Projekten sind denkbar:
Thematische Kooperationsinitiativen in Bibliotheken beider Länder (zum Beispiel gleichzeitige Ausstellungen, Kampagnen und Aktivitäten zur Leseförderung)
Zusammenarbeit in den Bereichen Bildung und Kultur, insbesondere: Projekte mit Kindern und Jugendlichen, informelle Erwachsenenbildung, Förderung der Informationskompetenz, interkulturelle Aktivitäten einschließlich zweisprachiger Leseinitiativen
ERASMUS+-Projekte mit Schwerpunkt auf Informationskompetenz, systematischen Reviews und anderen Themen
Als thematische Schwerpunkte und Interessen wurden benannt:
Leseförderung bei verschiedenen Zielgruppen (Kinder, Jugendliche, Erwachsene mittleren Alters)
Engagement der Gemeinschaft in Bibliotheksaktivitäten und Stärkung der sozialen Rolle von Bibliotheken
Innovative Dienstleistungen und Technologien in Bibliotheken
Seltene Bücher – Konservierungspraktiken, Forschung, Ausstellungen und Museumspädagogik
Lokale Geschichte und kulturelles Erbe, insbesondere: Forschung zum baltisch-deutschen Erbe, Partnerschaften mit Bibliotheken, die mit ehemaligen deutschen Gutshöfen verbunden sind, Ausstellungen zu baltisch-deutschen Fotografinnen und Fotografen sowie Schriftstellerinnen und Schriftstellern
Kultureller und literarischer Austausch könnte sich materialisieren in:
Wanderausstellungen (Kinderbuchillustrationen, deutsche Autorinnen und Autoren, lokales Kulturerbe)
Begegnungen mit deutschen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, Übersetzerinnen und Übersetzern sowie Illustratorinnen und Illustratoren
Literarischem Austausch, insbesondere: Bücher über die Deutschbalten und deutsche Fotografie; zeitgenössische deutsche Literatur; Kinderbücher in deutscher Sprache
Die Nationalbibliothek Lettland steuerte folgende Kooperations- und Austauschimpulse bei:
Zusammenarbeit zwischen Spezialbibliotheken (zum Beispiel mit der lettischen »National Armed Forces Library« [Bibliothek der Nationalen Streitkräfte])
Digitalisierung
Forschung
Bibliotheksausbildung und Kompetenzentwicklung
Gemeinsame Gestaltung von Ausstellungen
Thematische Veranstaltungen während der Buchmessen in Leipzig und Frankfurt
Planung und Umsetzung
Im September 2025 wurden sowohl in Lettland als auch in Deutschland nationale und binationale Arbeitsgruppen ins Leben gerufen, die sich nunmehr die ersten Male getroffen haben. In der binationalen Gruppen sind unter anderen Vertreter/-innen der lettischen Nationalbibliothek, des Goethe-Instituts Riga, die BID-Präsidentin und die BID-Geschäftsführung sowie die dbv-Referentin für Internationale Zusammenarbeit.
Hier ging es in den ersten Sitzungen vor allem um administrative und Finanzfragen und Schwerpunkte für Austauschbesuche (beispielsweise Zielgruppen & Leseförderung, Gemeinschaftliches Engagement & die soziale Rolle von Bibliotheken, Innovative Dienstleistungen & der Einsatz von Technologie). Erste Kontakte zu Fragen von Bestandserhaltung wurden ebenfalls ausgetauscht. In den nächsten Treffen soll es um strategische Leitlinien, Leuchtturmprojekte und eine längerfristige Planung gehen.
Die deutsche nationale Arbeitsgruppe konstituierte sich Mitte September. Die Teilnehmenden setzen sich zusammen aus wiederum der dbv-Referentin für Internationale Kooperation, der BID-Präsidentin und BID-Geschäftsführung sowie Bibliotheksmitarbeiterinnen und -mitarbeitern, die bereits mit der Partnerland-Initiative mit der tschechischen Republik gute Erfahrungen gemacht haben und diese jetzt mit Lettland weiterführen wollen. Hinzu kommen weitere Interessierte, die bei der Kick-Off-Veranstaltung in Bremen dabei waren, Vertreter/-innen von Bibliotheca Baltica und auch eine Reihe von Bibliotheks- sowie Stadt- und Gemeindevertretungen ebenso wie Freundeskreise aus Orten, die lettische Partnerstädte und -Gemeinden haben.
Neben der teilweise nötigen »Wiederbelebung« von Städtepartnerschaften ging es in dieser ersten Sitzung um niedrigschwellige, pragmatisch-praktische Ideen, um ins Machen zu kommen und die Partnerschaft möglichst schnell auf den Weg zu bringen.
Nicht offizieller Teil der Partnerlandinitiative, aber schöner und passender Zufall war es, dass die deutsche Schriftstellerin Dita Zipfel am 24. Juli 2025 vom Lettischen Rat für Kinder- und Jugendliteratur (LBJLP, auch IBBY Lettland) den Internationalen Jānis-Baltvilks-Preis für Kinder- und Jugendliteratur sowie Buchkunst verliehen bekommen hat. Mit ihrem Buch »Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte« (lettischer Titel: »Kā ārprāts man izskaidroja pasauli«, Verlag »Liels un mazs«, 2024) konnte sie sich gemeinsam mit der Übersetzerin Signe Viška in der Kategorie Übersetzung gegen starke Konkurrenz von 33 Büchern in 15 europäischen Sprachen durchsetzen und wurde zur internationalen Preisträgerin des Jānis-Baltvilks-Preises gekürt.
Die Jānis-Baltvilks-Preisträgerinnen 2025: Autorin Dita Zipfel (rechts) und die Übersetzerin ihres Buches, Signe Viška. Foto: Lettische Nationalbibliothek
Posterausstellung „500 Jahre Bücher in Lettisch – Riga erLesen“
Die visuell ansprechende Posterausstellung präsentiert die Geschichte des lettischen Buchwesens als inspirierenden Grund für einen Besuch in Riga – einer Stadt, die ideal für Buchliebhaber*innen ist. Die Poster veranschaulichen sowohl historische Fakten als auch inspirierende Episoden mit originellen Anspielungen auf heutige Austauschprogramme für Studierende. Die Ausstellung ist bereits seit dem Sommer zu sehen und wird in den kommenden Wochen und Monaten auch parallel weiter durch Deutschland reisen. Nach dem ersten Stopp an der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, wird sie auch in folgenden Bibliotheken zu sehen sein:
Wenn Sie interessiert sind, die ca. 10 A1-Poster auch in ihrer Bibliothek auszustellen, melden Sie sich bitte unter international@bibliotheksverband.de
Juliana Pranke ist seit März 2025 für die internationale Zusammenarbeit im Kompetenznetzwerk für Bibliotheken (knb) beim Deutschen Bibliotheksverband (dbv) in Berlin zuständig. Zuvor war sie Leiterin der Abteilung Publikumsdienste bei Deutschlands größter Öffentlicher Bibliothek, der Zentral- und Regionalbibliothek Berlin. In dieser Funktion war Juliana Pranke unter anderem für den benutzerorientierten und kundenorientierten Service zuständig und leitete Projekte zur Förderung der Digitalkompetenz. Bevor sie 2017 in die Welt der Bibliotheken eintrat, arbeitete sie als Veranstaltungsmanagerin im In- und Ausland. Sie hat einen Magistra-Artium-Abschluss in Nordamerikanistik, Deutsch als Fremdsprache und Neuerer Geschichte (Technische Universität Dresden).