Schreiben kann man immer und überall

Schreibende Bibliothekarinnen und Bibliothekare stellten ihre Werke vor. Ein Bericht von einem Vernetzungstreffen der anderen Art.
Die Resonanz war sehr überraschend. Neben viel Lob erreichten das Organisationsteam sehr schnell viele Interessensbekundungen. Foto: TIB Hannover

Im Rahmen der BiblioCon 2025 in Bremen fand bereits zum zweiten Mal ein besonderer Lese-Abend statt. Neun schreibende Bibliothekarinnen und Bibliothekare stellten ihre Werke in den Räumlichkeiten der Stadtbibliothek vor. Wie sich diese Idee entwickelt hat und ob daraus eine neue Tradition werden könnte, erläutert die Initiatorin Petra Mensing im folgenden Beitrag.

»Während des BiblioCon finden in den Bibliotheken von Hannover interessante Veranstaltungen, Führungen und Lesungen statt.«1 So wurde das Rahmenprogramm für die BiblioCon 2023 in Hannover überschrieben. Doch bei genauerer Betrachtung war zunächst keine Lesung im Programm zu finden. Gleichzeitig stieß die Verfasserin dieses Textes im Rahmen einer Recherche zu Hoffmann von Fallersleben auf eine Glosse von Georg Ruppelt2 mit dem Titel »Prominente Bibliothekare und Bibliothekarinnen«. Neben dem Dichter der deutschen Nationalhymne wurden in diesem Beitrag unter anderen auch Goethe, die Gebrüder Grimm, Lessing und Leibniz genannt. Gottfried Rost bezeichnete Leibniz, Lessing und Goethe als in der Ahnengalerie unseres Berufsstandes besonders hervorgehobene Nebenämtler.3

Gab es seither keine schreibenden Bibliothekare mehr? Die Verfasserin recherchierte weiter und wurde im »Bibliotheksdienst« – Themenheft Schreiben – aus dem Jahr 2019 fündig. Wilfried Sühl-Strohmenger berichtet darin über seine Erfahrungen mit dem Verfassen bibliothekarisch-fachlicher Beiträge für Hauszeitschriften oder Sammelwerke sowie dem Schreiben von Fachartikeln oder Fachbüchern. Doch auch bei Sühl-Strohmenger finden sich Hinweise auf nicht nur fachlich-bibliothekarisch schreibende Bibliothekare. Er nennt beispielsweise Jorge Luis Borges (Direktor der Nationalbibliothek in Buenos Aires) und Robert Darnton (Professor und Direktor der Harvard University Library) sowie ebenfalls Lessing.4

Uwe Jochum, der selbst einen Gesellschaftsroman5 veröffentlicht hat, führt im selben Themenheft gleich eine ganze Reihe schreibender Bibliothekarinnen und Bibliothekare auf: »Kallimachos hat’s getan, Leibniz, Lessing, Kant, Wilhelm Heinse, Winckelmann, Uhland, Hölderlin, Goethes Schwager Vulpius und Goethe selber, Hoffmann von Fallersleben, Graf von Platen, Franz Grillparzer, Friedrich Hebbel, Jakob Grimm, Hermann Kurz, Alexandre Dumas (Père), Viktor von Scheffel, die Altphilologen Dziatzko und Ritschl zusammen mit allen Professorenbibliothekaren des 19. Jahrhunderts, Ricarda Huch, Anatole France, der zweimal nach Harvard berufene Theologe Adolf von Harnack und der umtriebige Paul Raabe. Sie alle, ob Wissenschaftler oder Schriftsteller, waren eine zeit- oder lebenslang Bibliothekare und zugleich Wissenschaftler oder Schriftsteller; keiner von ihnen wäre auf die Idee gekommen, das belletristische oder wissenschaftliche Schreiben einzustellen, nur weil man Bibliothekar geworden war. Sie alle haben’s getan, sie alle haben gelesen und geschrieben.«6

Die Verfasserin, privat belletristisch schreibend, machte sich auf die Suche nach weiteren Berufskolleginnen und -kollegen, um die durch die Recherche langsam gewachsene Idee einer Lesung schreibendender Bibliothekarinnen und Bibliothekare zunächst im Hintergrund zu diskutieren und abzuklären, ob diese auf Interesse stoßen würde. Im zweiten Schritt kontaktierte die Verfasserin Anfang Februar 2023 die Planungsgruppe in Hannover, welche die Idee sehr gerne aufnahm. Kurzerhand bildete sich ein Organisationsteam mit der Autorin dieses Beitrags (TIB Hannover) und Tobias Pohlmann (UB Kassel).

Als Datum wurde der Mittwochabend der Kongresswoche gewählt. Einige Programmpunkte standen bereits fest terminiert im Rahmenprogramm, etwa Führungen oder die Kongress-Party und sollten daher möglichst keine Konkurrenz zur angedachten Lesung sein. Als Dauer wurden zwei Stunden festgelegt. Am 22. Februar 2023 erschien ein Aufruf über Inetbib, um nach weiteren Kolleginnen und Kollegen zu suchen, die gerne einen ihrer Texte vortragen würden. Die Resonanz war sehr überraschend. Neben viel Lob wie »Das ist eine super Initiative, zu der ich Ihnen viel Erfolg wünsche«, »Die Idee zur Lesung finde ich super« oder »Was für eine wunderbare Idee!!!!« erreichten das Organisationsteam sehr schnell viele Interessensbekundungen. Im Nachgang musste daher festgelegt werden, dass nur bereits veröffentlichte Texte vorgetragen werden konnten. Da jedem Vortragenden nur zehn Minuten Vortagszeit zustand und im Anschluss noch Zeit für eine Diskussion angedacht war, wurde die Anzahl der Lesenden auf maximal neun begrenzt. 

Sobald das Line-Up stand, kreierten die Organisatorinnen und Organisatoren einen Flyer mit bibliografischen Angaben der Vortragstexte. Auch die Anmeldung der Zuhörenden wurde in Eigenregie bearbeitet. Der Vortragsraum der TIB fasst maximal 70 Gäste. Eine solch hohe Teilnehmendenzahl konnte 2023 jedoch aufgrund der kurzfristigen Planung und des bis dahin unbekannten Formates nicht erreicht werden. Viele Kongressteilnehmer/-innen hatten den Mittwochabend bereits verplant, als die Ankündigung Ende März 2023 im Rahmenprogramm veröffentlicht werden konnte.

Erste Veranstaltung am 24. Mai 2023

Nach einer kurzen Anmoderation durch die Autorin dieses Beitrags trugen die Lesenden in alphabetischer Reihenfolge der Nachnamen für jeweils circa zehn Minuten vor. Diese Reihenfolge sorgte automatisch für einen ausgewogenen Genre-Mix. Von Magie und Liebeszauber reisten die Zuhörenden weiter in eine Lepra-Kolonie. Jemand sah rot, jemand anderes war unsichtbar. Dem Besuch im Waldorf-Astoria Hotel in New York folgten der Zweite Weltkrieg sowie ein Albtraum, eine Auszeit und ein kreativer Umgang mit den Preußischen Instruktionen. Mit den Genres Krimi, Fantasy, Familiengeschichte, Zeitreise-Thriller, Gedankenroman und Science-Fiction entstand so ein bunter Abend. Manche der Vortragenden trugen ihre Texte zum ersten Mal der Öffentlichkeit vor.7 Es war eine große Freude, bei dieser Premiere dabei zu sein. 

Nach etwas mehr als 90 Minuten entstand eine rege Diskussion zwischen Lesenden und Zuhörenden, sodass die Veranstaltung auch mehr als zwei Stunden hätte füllen können.

Die zweite Veranstaltung am 25. Juni 2025

Für die BiblioCon 2024 in Hamburg konnte aus Zeitgründen kein erneutes Lesungsangebot zusammengestellt werden, doch bereits im Mai 2024 erreichte das Organisations-Team die Anfrage, ob für die BiblioCon in Bremen wieder eine Lesung organisiert werden könnte. Schon Ende Mai 2024 waren Termin und Örtlichkeit festgelegt. Die Stadtbibliothek Bremen stellte den Raum der Krimibibliothek für die Veranstaltung zur Verfügung.

Anders als beim ersten Aufruf legten die Organisatorinnen und Organisatoren dieses Mal von vornherein bereits veröffentlichte Texte als Auswahlkriterium fest. Mehr als neun Lesende sollten es auch bei dieser Veranstaltung nicht werden, damit am Ende wieder genügend Zeit zum Austausch blieb. Wie schon zwei Jahre zuvor wurden Mitlesende per bibnez und per Instagram gesucht. Das Organisations-Duo wurde außerdem zu einem Trio, denn Cora Molloy (Max Planck Institut für Gesellschaftsforschung) kümmerte sich dieses Mal sowohl um die Anmeldungen der Lesenden als auch um die Flyer-Gestaltung. Die Anmeldung der Zuhörenden übernahm freundlicherweise das Sekretariat der Stadtbibliothek Bremen.

Die Lesung stieß schon im Vorhinein auf großes Interesse. Die Bestuhlung der Krimibibliothek ermöglicht 50 Sitzplätze, doch diese reichten nicht aus, sodass eine Warteliste geführt werden musste. Die Moderation übernahm wieder die Autorin dieses Beitrags. Die alphabetische Lesereihenfolge hat sich auch dieses Mal zur guten Durchmischung der Genres bewährt.

Zunächst erfuhren die Zuhörenden von den Phasen einer Trennung nach langer Beziehung und dem Versuch, den Kölner Karneval zu retten. Von einem Kind, das verschwindet und nur von der Protagonistin gesehen wurde, ging es weiter nach New York und anschließend in das futuristische Berlin des Jahres 2025. Die Fragen »Wie lebt man ohne Erinnerungen?«, »Wie funktioniert eine Zeitreise?« und »Was ist eine Wasserprobe?« standen auf dem Programm, bevor eine alte Dame aus Unterdinkeltopfing den Abend mit dem neuesten Klatsch aus dem Vatikan amüsant abrundete.

In der Diskussion zum Abschluss der Lesung entstand ein reger Austausch über Schreibtipps, Ideenfindung und ganz konkrete Schreibtechniken. Besonders die Frage, ob es nötig sei, Schreib-Ratgeber zu lesen oder entsprechende Kurse zu besuchen, beschäftigte die Zuhörenden. Darüber hinaus wurden die »tolle Mischung« und die Idee die Lesungsform gelobt, da man die vorgestellten Werke »sonst vermutlich gar nicht gefunden hätte«. Der Wunsch nach Wiederholung bei der kommenden BiblioCon in Berlin wurde ebenfalls mehrfach geäußert.

Die dritte Veranstaltung am 20. Mai 2026?

Es wäre wünschenswert, wenn sich für die kommenden BiblioCons jeweils vor Ort ein Organisationsteam finden würde, damit sich diese Art der Rahmenveranstaltung verstetigen kann. Ganz im Sinne des Sprichwortes «Einmal ist kein Mal. Zweimal ist eine Wiederholung. Dreimal eine Tradition.« 

Abschließend sei hier noch einmal Sühl-Strohmenger zitiert: »Ein nicht unwesentlicher Nebeneffekt schließlich besteht darin, dass ich die Publikations- und Verlagswelt auch von der anderen Seite kennengelernt habe und das wiederum wirkte sich vorteilhaft auch für meine bibliothekarischen Tätigkeiten, … , aus. Ich würde deshalb vor allem den jüngeren Kolleginnen und Kollegen empfehlen, öfter zu schreiben, sich aktiv in die Diskurse des Bibliotheks- und Informationswesens einzubringen, sich nicht von dem Argument der stets fehlenden Zeit für so etwas abschrecken zu lassen: Schreiben kann man eigentlich immer und überall.«8

Dazu passt auch eine Rückmeldung, die die Verfasserin im Nachgang per Instagram erreichte: »Jetzt habe ich Lust, wieder weiter zu schreiben!«

 

  • Stefanie Bense: Was aber hilft die edelste Magik …? (Fantasy-Kurzgeschichte)

  • Kim Godal: Morddeich, und andere Kurzprosa (Krimi-Anthologie)

  • Irene Jepkens-Klaas: Kurzgeschichte aus Tanz mit der Vergangenheit

  • Petra Mensing: Seid alle herzlich gegrüßt, Eure Minnie (Familiengeschichte)

  • Cora Molloy: Unglaublich, Stina (Gedankenroman)

  • Tobias Pohlmann: Der Geistreisende (Zeitreise-Thriller)

  • Nicky Ryder: Gen-X: Ouroboros (paranormale Fantasy/Near Future Sci-Fi)

  • Rainer Schmidt: Auszeit (Krimi-Kurzgeschichte)

  • Tom Schmieder: Als wir einmal fast erfolgreich waren (Roman)

  • Nina Isabell Berndorfer: »Chemie« (Coming of Age-Kurzgeschichte) 

  • Nina Grevener: Der Mann im Dom (Fantasy)

  • Alma Lundt (Petra Kasch): Das Moorkind (Thriller) 

  • Petra Mensing: Seid alle herzlich gegrüßt, Eure Minnie (Biografie) 

  • Christian Meskó: Jack Fog und das Tal der vergessenen Geschichten (Genre-Mix Adventure/Sci-Fi/Fantasy)

  • Cora G. Molloy: Die wertlose Gesellschaft (Entwicklungsroman) 

  • Tobias Pohlmann: Der Geistreisende (Thriller) 

  • Rainer Schmidt: »Wasserprobe« (Kurzkrimi) 

  • Emese Tömösvári: »Felhő« (dt.: Wolke) (Kurzgeschichte)

Dr. Petra Mensing koordiniert die Ausbildung an der TIB – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften und ist dort als Fachreferentin für Biologie, Gartenbau, Umwelttechnik und Wirtschaftswissenschaften tätig. Nebenberuflich publiziert sie historische Romane, Familien- und Kurzgeschichten sowie Beiträge zur Geschichte ihrer Heimatgemeinde.

Kontakt: petra.mensing@tib.eu; ORCID 

1 Siehe https://2023.bibliocon.de/veranstaltungen-in-bibliotheken/

2 Ruppelt, Georg. »Laura Bush, Mohammad Chatami, Raissa Gorbatschowa, Golda Meir – Prominente Bibliothekarinnen und Bibliothekare«. bit online, vol. 17, no.4, 2014, pp. 338-341. https://www.b-i-t-online.de/heft/2014-04-glosse.pdf

3 Rost, Gottfried. Der Bibliothekar. Schatzkämmerer oder Futterknecht? Leipzig: Edition Leipzig, 1990

4 Sühl-Strohmenger, Wilfried. »Schreiben als Nebentätigkeit eines Bibliothekars – mehr Lust als Last!« Bibliotheksdienst, vol. 53, no. 12, 2019, pp. 742-751. https://doi.org/10.1515/bd-2019-0104

5 Jochum, Uwe. Der Kongreß, ein Gesellschaftsroman. München: pubbles 2022

6 Jochum, Uwe. »Nicht nicht schreiben«. Bibliotheksdienst, vol. 53, no. 12, 2019, pp. 732-741. https://doi.org/10.1515/bd-2019-0103

7 Siehe https://blog.tib.eu/2023/05/26/lesung-in-der-tib-als-rahmenprogramm-der-bibliocon-2023/

8 Sühl-Strohmenger, Wilfried. »Schreiben als Nebentätigkeit eines Bibliothekars – mehr Lust als Last!« Bibliotheksdienst, vol. 53, no. 12, 2019, pp. 742-751. https://doi.org/10.1515/bd-2019-0104, pp. 750-751

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