Spielerisch die Vielfalt des Judentums kennenlernen

Der erste jüdische Escape Room ist in den Stadtbüchereien Düsseldorf vorgestellt worden – und kann nun von anderen Bibliotheken ausgeliehen werden.
Beim Lösen der Aufgaben im Escape-Room (von links): Delia Schwamborn (Büro Antisemitismusbeauftragte des Landes NRW, Stephan Keller (Oberbürgermeister Landeshauptstadt Düsseldorf), verdeckt: Meike Maaß, Gruppenleiterin im Ministerium für Schule und Bildung NRW, Bert Römges (Verwaltungsdirektor Jüdische Gemeinde Düsseldorf), Barbara Both (Ministerialrätin beim Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration NRW). Foto: Zeev Reichard

 

Das Szenario ist bedrohlich: Vier Menschen haben eine Stunde Zeit, um ein manövrierunfähiges Boot im heraufziehenden Sturm vor dem Kentern zu retten. Dabei müssen sie rätselhaften Hinweisen nachgehen und intensiv zusammenarbeiten, um vier Dinge zu finden, mit denen sie das Boot wieder steuern und vor dem Untergang retten können.

Im Mittelpunkt steht die Geschichte einer jüdischen Familie, die achronologisch durch vier Generationen führt. Jede Generation thematisiert einen Aspekt, der sowohl für die jüdische Identität als auch für jeden anderen Menschen relevant ist. Die Hauptprotagonistin Alisa und ihr Bruder Max sind zwei Jugendliche, die für die vierte (hebräisch Dalet) Generation nach der Shoa stehen.

Die Themenfelder, die hier in Form von Rätseln beleuchtet werden, drehen sich um Kommunikation, Kultur sowie Vorbilder und Identitätsbildung. Durch die dritte (hebr. Gimel) Generation, den Eltern von Alisa und Max, sowie ihre Geschwister, werden die Themen Diaspora und Vielfalt angedeutet. Die Oma, die zweite (hebr. Bet) Generation, repräsentiert Tradition und Familie. Und der Urgroßvater gehört zu der ersten (hebr. Alef) Generation, die die Shoa überlebt hat. Hier werden sowohl die Vertreibung wie auch die Rolle Israels, als Existenzsicherheit für das jüdische Volk auf der ganzen Welt, thematisiert. Durch den Rahmen eines abstrakten Schiffs als ein Sinnbild für das Leben wird ein stereotypisierter »jüdischer« Raum vermieden. Auch die Möglichkeit, alle buchstäblich »an Bord« zu holen, spielt eine symbolische Rolle. Wohin »das reparierte Boot« geführt werden soll, ist eine der vielen möglichen Fragen für die Reflexion nach dem Spiel.

Kampf gegen Antisemitismus

Dies ist das Szenario des ersten Escape Rooms einer jüdischen Gemeinde in Deutschland, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer spielerisch die Vielfalt des Judentums kennenlernen. Konzipiert wurde der von Game Designern entwickelte Escape Room von Rina Rosenberg, der Kreativkoordinatorin von SABRA, die von der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf gegründet wurde. SABRA ist einerseits das Akronym für »Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit, Beratung bei Rassismus und Antisemitismus« und bezeichnet andererseits in Iwrit Kaktusfeige und bedeutet metaphorisch jüdische Menschen, die in Israel geboren wurden.

Jüdisches Leben ist in Deutschland immer noch weniger präsent als Antisemitismus. In den vergangenen zwei Jahren wurden 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert, basierend auf einem Edikt von Kaiser Konstantin vom 11. Dezember 321, in dem er dekretiert, dass Juden in der Stadt Köln Ämter übernehmen dürfen. Auch nach der Shoah, dem industriellen Massenmord an über sechs Millionen Juden in Europa, gibt es immer noch Antisemitismus in Deutschland. Und dieser Antisemitismus nimmt nicht ab, sondern zu, wie exemplarisch der Jahresbericht »Antisemitische Vorfälle in Nordrhein-Westfalen 2022« von RIAS NRW (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Nordrhein-Westfalen dokumentiert: »RIAS NRW erfasste für das Jahr 2022 insgesamt
264 antisemitische Vorfälle. Im Schnitt sind das fünf dokumentierte antisemitische Vorfälle in der Woche in Nordrhein-Westfalen.«

Antisemitismus in der Begriffsbestimmung der IHRA (International Holocaust Remembrance Alliance) verstanden als »bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen«, ist nicht auf Menschen und Parteien mit rechten politischen Präferenzen beschränkt, sondern findet sich auch bei Menschen, die sich als links oder als bürgerlich – auch im Sinne von citoyen – bezeichnen würden, Antisemitismus findet sich auch bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte, die selber Diskriminierung oder auch Verfolgung in der Vergangenheit oder Gegenwart erfahren haben.

 

Vorurteile abbauen

Eindrücklich formulierte daher Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, dies in seiner Rede zum Start des Festjahres »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«: »Selbst wer persönlich noch nie einen Juden getroffen hat, wer sich für das Judentum eigentlich gar nicht interessiert, kennt antisemitische Vorurteile. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben – und sie halten sich umso besser, je weniger man über Juden weiß.«1 Es ist daher geboten, auch mit neuen Ansätzen und Formen über Judentum, aktuelles jüdisches Leben und Antisemitismus zu informieren und aufzuklären.

Die Bundesregierung und Landeregierungen haben in den letzten Jahren mit Antisemitismusbeauftragten die Aufklärung und den Kampf gegen Antisemitismus intensiviert.2 Besonders aktiv ist dabei SABRA. SABRA berät einerseits Menschen, die von Antisemitismus und Rassismus betroffen sind und klärt andererseits umfassend über Antisemitismus auf. Mit MALMAD, dem virtuellen Methodenkoffer gegen Antisemitismus hat SABRA Methoden und Materialien für eine antisemitismuskritische Bildungsarbeit entwickelt. Die Kurzfilmreihe »8x2 Jüdische Perspektiven« stellt zum Beispiel in acht kurzen Filmen 16 Jüdinnen und Juden vor, die zu unterschiedlichen Themen jeweils ihre eigene Auffassung vom Judentum und ihr jüdisches Leben in Deutschland im Gespräch darstellen. Diese Kurzfilme zeigen die Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland und werden mit didaktischen Materialien für unterschiedliche Zielgruppen begleitet.

Kommunikationsfreude und Teamwork

Vor diesem Hintergrund wurde von SABRA mit Unterstützung und Förderung des Ministeriums für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration (MKJFGFI) und der Antisemitismusbeauftragten des Landes Nordrhein-Westfalen, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, der Escape Room entwickelt, um den Spielenden jüdische Kultur und Identitäten zu vermitteln. Im ersten Spiel am 23. März 2023 in der Zentralbibliothek der Stadtbüchereien Düsseldorf im KAP1 retteten Stephan Keller, Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf, Barbara Both, Referatsleiterin im MKJFGFI, Meike Maaß, Gruppenleiterin im Ministerium für Schule und Bildung, Bert Römgens, Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf sowie Delia Schwamborn, Mitarbeiterin im Büro der Antisemitismusbeauftragten des Landes Nordrhein-Westfalen das Boot vor dem Untergang.

Der Escape Room richtet sich an Gruppen von vier bis sechs Personen, sowohl an Jugendliche als auch an Erwachsene, an nichtjüdische und an jüdische Menschen, unabhängig jeden Wissensstands: Entscheidend sind Kommunikationsfreude und die Bereitschaft für Teamwork. Insbesondere ist das Spiel für gemischte Gruppen geeignet, denn wer gemeinsam Aufgaben im Spiel löst, wird sich auch im realen Leben für den Dialog öffnen. Der Escape Room ist mobil und kann zum Beispiel in Schulen oder in Bibliotheken eingesetzt werden.

Die Stadtbüchereien Düsseldorf sind froh, dass die Vorstellung des Escape Rooms in der Zentralbibliothek stattfand. Seit Jahren arbeiten die Stadtbüchereien Düsseldorf eng mit der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf zusammen, um einerseits an die Verbrechen der Shoah zu erinnern und über den offenen und latenten Antisemitismus jeglicher Richtung aufzukären und um andererseits die Vielfalt aktuellen jüdischen Lebens sichtbarer zu machen.

 

1 Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, beim Festakt anlässlich der Eröffnung des Festjahres »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« am 21. Februar 2021 in Köln. Online unter https://2021jlid.de/stimmen/die-rede-von-josef-schuster/

2 Vgl. zum Beispiel Nationale Strategie gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben. Hrsg. Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus. Online unter https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/heimat-integration/nasas.pdf?__blob=publicationFile&v=6

Es gilt eine Mindestausleihe von zwei Wochen. Für den Aufbau und Abbau des Raums müssen jeweils ein Tag zusätzlich eingeplant werden.

Spieldauer: Insgesamt sollten circa zwei Stunden eingeplant werden.
Räumliche Voraussetzungen: Die Maße des Escape Rooms sind 3 x 6 Meter. Ein Raum für Aufbau des Escape Rooms sollte ca. 10 x 6 Meter groß sein, Raumhöhe mindestens 2,30 Meter. Der Escape Room kann nur in trockenen Innenräumen aufgebaut werden. Außerdem ist ein kleiner Kontrollraum in der Nähe für die Spielleitung notwendig. Die Räume sollten über ausreichend 230V-Steckdosen, WLAN und Belüftungsmöglichkeiten verfügen. 

Transport/Aufbau/Abbau: Transport und Aufbau/Abbau der Anlage erfolgen in der Regel durch einen externen Partner. Ein/-e Techniker/-in vor Ort (zum Beispiel Hausmeister/-in) ist außerdem notwendig. Für Aufbau und Testen müssen zwei Tage eingeplant werden, für den Abbau ein Tag.

Spielleitung/Schulung: Das Projekt strebt ein Peer2Peer Konzept an, das heißt, wir bilden (jugendliche) Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus, die das Escape Room Game durch die selbstständige Übernahme der Spielleitung (nach einer Schulung), weitertragen. Daher sollen mindestens zwei Personen seitens des Kunden dafür freigestellt werden. Am ersten Tagen werden sie zuerst selbst spielen, dann bei der Spielleitung sowie bei der Reflektion hospitieren und für die Spielleitung geschult werden. Alternativ ist der Einsatz von Honorarkräften möglich.

Kosten: Das kostenfreie Angebot von SABRA umfasst die Escape Room-Nutzung, ein Raum-Check-Termin vor Ort, die Begleitung von Auf- und Abbau der Anlage, die Einrichtung und das Testing, die Spielleitung an dem ersten Spieltag sowie Spielleitung-Schulung.
Der Kunde trägt den Transport und Auf- beziehungsweise Abbaukosten sowie Reisekosten der Spielleitung. Voraussichtlich liegen die Kosten für den Transport bei einer Entfernung von 100 Kilometer von Düsseldorf bei circa 900 Euro + MwSt. (Lieferung und Abholung, also vier Fahrten insgesamt).

Hinweis: Der Escape Room wird während des Spiels nicht abgeschlossen. Der Spielfortschritt wird durch Kameras über einen internen WLAN (ohne Internetausgang) überblickt. Die Aufnahmen werden nicht gespeichert.

Anfragen: Rina Rosenberg - Escape Room Koordination, Telefon 0211 / 46 91 2619, E-Mail escape@jgdus.de

Rina Rosenberg und Marina Friemelt sind Mitarbeiterinnen von SABRA, der  »Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit, Beratung bei Rassismus und Antisemitismus«.

Klaus Peter Hommes ist Abteilungsleiter Bestandsaufbau, Sacherschließung und Fachinformation bei den Stadtbüchereien Düsseldorf.

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