Von Abstatt bis Zwönitz: 757-mal »Vor Ort für Alle«

Ein Rück- und Ausblick auf das Förderprogramm für ländliche Bibliotheken des Deutschen Bibliotheksverbands.

Gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land sind keine Selbstverständlichkeit. Angesichts des großen Modernisierungsbedarfs ländlicher Bibliotheken hat der Deutsche Bibliotheksverband (dbv) im Frühjahr 2020 ein neues Förderprogramm gestartet: »Vor Ort für Alle«. Trotz der coronabedingten Herausforderungen in der Umsetzung wurde die Initiative der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) zur Förderung von Kultureinrichtungen in ländlichen Räumen ein großer Erfolg. Im Folgenden stellt Mirko Winkelmann die Ergebnisse des Programms vor.

Das Programm traf einen Nerv – und der Förderbedarf ist gewaltig

»›Vor Ort für Alle‹ war von der Konzeption und Wirkung her mit das Beste, das mir als Berater bislang begegnet ist«, hat Peter Jan Heissenberger, Leiter der Fachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen im Regierungspräsidium Karlsruhe, am Rande einer Online-Podiumsdiskussion über nachhaltige Kulturförderung angemerkt.[1] Es war zudem das erste investive Förderprogramm für Bibliotheken auf Bundesebene.

Die Konzeption war dabei recht einfach: Förderfähig waren Maßnahmen, welche die Infrastruktur und Ausstattung von Bibliotheken für zeitgemäße Angebote und multifunktionale Nutzungsmöglichkeiten verbessern. Also etwa flexible Möbel, Veranstaltungstechnik oder die Umstellung auf RFID, aber auch Baumaßnahmen für mehr Barrierefreiheit oder zur Erweiterung der Nutzflächen. Ländliche Bibliotheken sollten hierdurch bei ihrer Weiterentwicklung zu »Dritten Orten« unterstützt werden.

Wie sehr es zusätzlicher Mittel für diesen Zweck bedurfte, zeigte sich nach erstmaliger Freischaltung des Antragsportals. Binnen weniger Stunden lagen genug Anträge vor, um die verfügbaren Mittel restlos auszuschöpfen. In den Folgejahren verkürzte sich diese Zeit sogar auf unter 60 Minuten. Auch für die Politik ein starkes Signal, wie hoch der Förderbedarf bei Bibliotheken in ländlichen Räumen ist.

War das Programm ursprünglich nur auf zwölf Monate ausgelegt, konnte es aufgrund der Bemühungen des dbv zwei weitere Male ausgeschrieben werden. Viermal wurde die Fördersumme sogar noch aufgestockt, sodass bis zum Ende des Programms insgesamt 757 Projekte in 653 Bibliotheken gefördert werden konnten. Die Gesamtfördersumme hierfür betrug sechs Millionen Euro, die durchschnittliche Fördersumme pro Projekt lag entsprechend bei gerade einmal 8 000 Euro.

Die »kleinen« Bibliotheken stehen vor großen Herausforderungen – und leisten trotzdem Erstaunliches

»Vor Ort für Alle« war ein Programm für die »Kleinen«. Antragsberechtigt waren alle öffentlichen Stadt- und Gemeindebibliotheken in Kommunen mit bis zu 20 000 Einwohnern. Diese können aufgrund ihrer begrenzten Eigenmittel andere Förderprogramme mit Mindestantragssummen von 10 000 Euro oder mehr oft gar nicht in Anspruch nehmen. Aufgrund der sehr konkreten Fördermöglichkeiten und der fast vollständig digitalen Abwicklung war das Programm zudem sehr niedrigschwellig.

Die Situation dieser Einrichtungen ist vielerorts nicht einfach: Zwar spricht sich allmählich auch unter Stadtverordneten und Kämmerern herum, was Bibliotheken in ländlichen Räumen als Kultur- und Bildungsorte zu leisten vermögen. Aufgrund klammer Kassen oder anderer Schwerpunktsetzungen in den Kommunen hält die finanzielle und personelle Ausstattung der Bibliotheken mit ihren wachsenden Aufgaben und Angeboten jedoch meist nicht Schritt. Seit den 2000er-Jahren wurde laut Deutscher Bibliotheksstatistik (DBS) zudem jede vierte Bibliothek in Kommunen dieser Größenordnung geschlossen.

Es kann daher nicht überraschen, dass nur rund 70 Prozent der im Rahmen des Programms geförderten Einrichtungen hauptamtlich geführt wurden – mit durchschnittlich gerade einmal 1,75 Personalstellen. 20 Prozent wurden sogar rein ehrenamtlich betrieben. Als Programmteam waren wir deshalb immer wieder vom unermüdlichen Einsatz und der großen Kreativität der Mitarbeiter/-innen dieser Einrichtungen beeindruckt. Dabei hatten 48 Prozent der Geförderten vor der Antragstellung bei »Vor Ort für Alle« überhaupt keine oder kaum Erfahrungen mit Förderanträgen.

Als vielleicht schönstes Feedback hörten wir deshalb von vielen Geförderten, dass das Programm für sie eine Art Türöffner zur Welt der Fördermittel war und sie sich durch die Förderung bestärkt fühlen, auch zukünftig Projektanträge zu stellen. Da insbesondere für die Umsetzung innovativer Maßnahmen die Einwerbung von Drittmitteln bereits jetzt unabdingbar ist und private und öffentliche Förderprogramme vor dem Hintergrund knapper werdender kommunaler Kassen zukünftig noch an Bedeutung gewinnen werden, ist dies ein sehr positiver Nebeneffekt des Programms.

Einen lebhaften Eindruck von den Leistungen ländlicher Bibliotheken vermitteln die sechs kurzen Filme, die der dbv zur Dokumentation der Programmergebnisse angefertigt hat. Sie veranschaulichen zudem die Bandbreite der geförderten Projekte, von einem Escape-Room in der Bibliothek mit Kamin, über eine Gaming-Lounge für Jugendliche bis hin zu einem voll ausgestatteten Maker-Space in den Räumen eines vormalig leerstehenden Ladenlokals.[2]

Die Projekte machten von sich reden – und entfalten Wirkung

Von Beginn an erhielt das Programm viel öffentliche Aufmerksamkeit. Oft fanden sich schon zur Bewilligung der Projekte die Bundestagsabgeordneten der Gemeinden in den geförderten Bibliotheken ein – viele zum ersten Mal überhaupt. Auch die Zahl der Medienberichte über die geförderten Projekte war anhaltend groß. Rechnet man die regionale Berichterstattung mit ein, fand das Programm seit 2020 in über 500 Artikeln Erwähnung. Auffällig war dabei, dass sich in dieser Zeit auch das Bewusstsein für die Bedeutung einer guten Öffentlichkeitsarbeit bei den ländlichen Bibliotheken merklich erhöht hat. Von Jahr zu Jahr haben immer mehr geförderte Einrichtungen mustergültige Pressemitteilungen verfasst und für ihre neuen Angebote die Werbetrommel gerührt.

Dass dies von Erfolg gekrönt war, zeigen die Ergebnisse einer Umfrage zur Evaluierung des Programms, die wir im Sommer 2023 unter den geförderten Bibliotheken durchgeführt haben. 71 Prozent konnten durch ihr Projekt neue Nutzer/-innen gewinnen und 49 Prozent gaben an, dass sich die Aufenthaltsdauer der Nutzer/-innen erhöht habe. 51 Prozent konnten sich wiederum durch die Weiterentwicklung ihrer Einrichtung neue oder andere Zielgruppen erschließen, etwa Jugendliche oder Senioren.

Besonders im Hinblick auf die Lage in ländlichen Räumen werden die Ergebnisse der Projekte positiv beurteilt: 64 Prozent der Geförderten gaben an, nun auch Angebote machen zu können, die es sonst nur in größeren Städten gibt. Für 60 Prozent hat die Förderung auch die Attraktivität der Kommune insgesamt verbessert, etwa für junge Familien. 76 Prozent schätzen zudem, dass die Bibliothek infolge der Förderung als lokaler Akteur sichtbarer geworden ist und sich ihre Stellung in der Kommune hierdurch verbessert habe. Zusammenfassend sagen vier Fünftel der Befragten, dass die Förderung im Rahmen von »Vor Ort für Alle« auch über die Projektdauer hinaus positive Impulse und Veränderungen angestoßen habe.

Das Programm ist zu Ende – und nun?

Die sehr guten Ergebnisse des Programms können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Modernisierungsbedarf ländlicher Bibliotheken trotz großer regionaler Unterschiede weiterhin enorm ist. Von den 4 627 in der DBS gelisteten Bibliotheken in Kommunen mit bis zu 20 000 Einwohner/-innen haben fast 15 Prozent von einer Förderung durch »Vor Ort für Alle« profitieren können. Im Umkehrschluss sind 85 Prozent der Bibliotheken in ländlichen Kommunen jedoch leer ausgegangen. In der Evaluierung des Programms gaben zudem 91 Prozent der geförderten Einrichtungen an, weiteren Förderbedarf zu haben, der nicht aus eigenen Mitteln beziehungsweise Haushaltsmitteln der Kommune gedeckt werden kann.

Die Zukunftserwartungen der geförderten Bibliotheken sind daher recht ambivalent. Angesichts der Schließungswellen früherer Jahre stimmt es fast optimistisch, dass nur rund 7 Prozent der Befragten befürchten, dass ihre Einrichtung langfristig von einer Schließung bedroht sein könnte. Über zwei Drittel von ihnen gehen jedoch zumindest teilweise davon aus, dass die finanziellen Mittel ihrer Bibliothek absehbar geringer ausfallen werden. Das größte Problem sehen sie wiederum darin, zukünftig geeignete Mitarbeiter/-innen für die Bibliothek zu finden.

Beide Themen sind eng miteinander verknüpft, denn die Wahrnehmung von Bibliotheken als attraktive Arbeitgeber ist auch von ihrer Ausstattung und ihrer Angebotspalette abhängig. Wer möchte heute noch mit Karteikarten verbuchen? Es ist vollkommen richtig, dass der wichtigste Ansatzpunkt für solche Veränderungen die reguläre finanzielle und personelle Ausstattung der Bibliotheken durch ihre Unterhaltsträger sein sollte. Auch Kooperationen mit anderen Kultur- und Bildungseinrichtungen in ländlichen Räumen könnten, wie das vor Kurzem schon Robert Langer von der Sächsischen Bibliotheksfachstelle in dieser Zeitschrift angemerkt hat,[3] neue Möglichkeiten eröffnen.

Die schwierige Finanzsituation vieler Kommunen lässt sich jedoch nicht einfach wegargumentieren. Der Deutsche Bibliotheksverband setzt sich deshalb weiterhin für ein Engagement des Bundes zur Förderung Öffentlicher Bibliotheken in ländlichen Räumen ein. Fördermittel sind sicher kein Allheilmittel, schon gar nicht für strukturelle Herausforderungen. Das Soforthilfeprogramm »Vor Ort für Alle« hat jedoch gezeigt, dass es ländlichen Bibliotheken zu mehr Sichtbarkeit verhelfen, wichtige Impulse zu ihrer Weiterentwicklung setzen und damit im Sinne gleichwertiger Lebensverhältnisse von Stadt und Land auch die Teilhabechancen der Menschen vor Ort verbessern kann.

 

[1] Vgl. https://www.bibliotheksverband.de/eine-kultur-der-nachhaltigkeit-beitrag-von-bibliotheken-und-anderen-kultureinrichtungen-fuer-eine (30.11.2023)

[2] Vgl. http://bit.ly/vofa-videos (30.11.2023)

[3] Vgl. Ausgabe 7/2022, S. 404-407

Mirko Winkelmann ist studierter Technikhistoriker und Kulturmanager. Von 2020 bis 2023 hat er beim Deutschen Bibliotheksverband das Soforthilfeprogramm für zeitgemäße Bibliotheken in ländlichen Räumen »Vor Ort für Alle« geleitet. (Foto: privat)

Interessantes Thema?

Teilen Sie diesen Artikel mit Kolleginnen und Kollegen:

Nach oben