Zwischen Ahornblatt und Alphabet

Praktikum an der North Vancouver City Library – Einblicke in ein offenes und partizipatives Bibliothekskonzept.
Die North Vancouver City Library befindet sich zentral im nördlichen Stadtgebiet mit Blick auf den verschneiten Grouse Mountain und versteht sich als offener, niedrigschwelliger Begegnungsort für alle Bevölkerungsgruppen. Foto: Birke Vöhringer-Horn

Im April 2025 absolvierte ich ein zweiwöchiges Praktikum an der North Vancouver City Library (NVCL) in der kanadischen Provinz British Columbia. Ziel des Aufenthalts war es, Einblicke in die bibliothekarische Praxis eines öffentlichen Bibliothekssystems außerhalb Europas zu gewinnen und insbesondere die dortige Arbeit mit Kindern und Jugendlichen kennenzulernen. Besonders interessierte mich auch wie Wissensvermittlung in dieser multikulturellen Stadt funktioniert, die ich bisher einmal als Touristin besucht hatte. Das Praktikum bot vielfältige Eindrücke in ein modernes, stark community-orientiertes Bibliotheksverständnis. 

Die North Vancouver City Library als moderner Third Place

Die North Vancouver City Library befindet sich zentral im nördlichen Stadtgebiet mit Blick auf den verschneiten Grouse Mountain und versteht sich als offener, niedrigschwelliger Begegnungsort für alle Bevölkerungsgruppen. Das motivierte Team besteht aus circa 40 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Das moderne, klimaeffiziente Gebäude ist lichtdurchflutet, klar strukturiert und bietet auf drei Etagen neben klassischen Medienbeständen zahlreiche Arbeits-, Lern- und Aufenthaltsmöglichkeiten. Neben gedruckten und digitalen Medien spielen Makerspaces, Veranstaltungsräume und informelle Aufenthaltsbereiche eine wichtige Rolle. Die Bibliothek positioniert sich deutlich als »third place« – als Ort zwischen Arbeit und Zuhause. 

Bibliotheksarbeit international: Service, Teamarbeit und Offenheit

Während meines Praktikums erhielt ich Einblicke in verschiedene Arbeitsbereiche, darunter Auskunftsdienst, Medienpräsentation, Veranstaltungsorganisation sowie die tägliche Arbeit im Kinder- und Jugendbereich. Besonders auffällig war die ausgeprägte Serviceorientierung: Nutzer/-innen werden aktiv angesprochen, Beratung erfolgt niedrigschwellig und stets mit Blick auf individuelle Bedürfnisse. Teamarbeit und flache Hierarchien prägen den Arbeitsalltag. Weder gibt es Bibliotheksgebühren noch aufwändige Mahnverfahren. 

Öffentliche Bibliotheken in Kanada und gesellschaftliche Teilhabe

Das kanadische Bibliothekswesen zeichnet sich insgesamt durch eine starke kommunale Verankerung und eine klare Ausrichtung auf gesellschaftliche Teilhabe aus. Öffentliche Bibliotheken verstehen sich als Bildungs- und Sozialinstitutionen, die Themen wie Inklusion, Diversität und lebenslanges Lernen aktiv fördern. Programme zur Leseförderung, zur Unterstützung von Familien sowie zur Integration neuer Bevölkerungsgruppen haben einen hohen Stellenwert und werden öffentlich sichtbar kommuniziert. 

Kinder- und Jugendbibliotheksarbeit und Early Literacy

Ein besonderer Schwerpunkt der North Vancouver City Library liegt auf den vielfältigen Angeboten für Kinder und Jugendliche. Bereits für die jüngsten Besucher/-innen gibt es regelmäßig Krabbelgruppen, in denen Eltern und Kinder gemeinsam singen, spielen und erste Sprachimpulse erhalten (toddler and baby storytime). Diese Angebote sind eng mit dem Konzept der Early Literacy verknüpft, das frühkindliche Sprach-, Lese- und Erzählkompetenzen stärkt und Eltern für ihre zentrale Rolle sensibilisiert. Mir ist auch sehr positiv aufgefallen, dass fast täglich Schulklassen in die Bibliothek kommen, um betreut zu stöbern und einer Geschichte zu lauschen. Viele Schulen haben es fest als wöchentlichen Termin in ihrem Curriculum verankert. Diese regelmäßigen Besuche machen sich meiner Meinung nach auch positiv in der PISA-Studie bemerkbar, in der Kanada im Bereich Lesen 2022 den 6. Platz belegt.

Für ältere Kinder werden kreative Programme wie Crafting-Nachmittage angeboten, bei denen Bastel- und Gestaltungsprojekte im Vordergrund stehen. Ergänzt werden diese durch das sogenannte »Dog Reading«-Programm: Kinder lesen dabei in entspannter Atmosphäre speziell ausgebildeten Therapiehunden vor. Dieses Format fördert nicht nur die Lesekompetenz, sondern auch Selbstvertrauen und Lesefreude, insbesondere bei leseunsicheren Kindern. Des Weiteren gibt es für Teenies einen speziellen Teen Space, einen extra Raum, wo sie unter sich sein können, spielen, sich austauschen und auch PC-Spiele ausprobieren können. Die Reihe »Tech for tots« greift MINT-Themen wie Coding und Robotik auf und wird regelmäßig als offenes Angebot durchgeführt.

Indigene Perspektiven in der Bibliotheksarbeit

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Bibliotheksarbeit ist die sichtbare Würdigung der indigenen Bevölkerung der Region, insbesondere der Squamish First Nation, auf deren traditionellem Territorium sich North Vancouver befindet. Die Bibliothek hat eigens dafür jüngst eine Arbeitsstelle geschaffen. Das Erbe der Squamish wird in der Bibliothek aktiv präsent gehalten, unter anderem durch Land Acknowledgements, thematische Medienpräsentationen, Veranstaltungen wie Lesungen und Basteln sowie durch die Einbindung indigener Perspektiven in Programme und Bestände. Die Bibliothek versteht dies als Beitrag zu kultureller Sichtbarkeit, historischer Verantwortung und Versöhnungsarbeit. 

Fazit: Ein inspirierendes Bibliothekskonzept im internationalen Vergleich

Insgesamt zeigte das Praktikum eindrucksvoll, wie die North Vancouver City Library ihre Rolle als kultureller, sozialer und pädagogischer Ort umsetzt. Die Verbindung aus professioneller Bibliotheksarbeit, innovativen Veranstaltungsformaten, früher Leseförderung und der bewussten Einbindung indigener Kultur macht sie zu einem inspirierenden Beispiel moderner öffentlicher Bibliotheksarbeit. 

Birke Vöhringer-Horn hat nach einer Buchhändlerlehre in Bielefeld zunächst einige Jahre im Buchhandel und im Verlagswesen gearbeitet. Nach Stationen in Paris, bei Herder in Rom und am Goethe-Institut in Palermo, hat sie an der Fern Universität Hagen und der Universität Bielefeld Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Erziehungswissenschaften studiert.

Seit zwei Jahren arbeitet sie in der Stadtbibliothek Bielefeld, wo sie sich um bibliotheks- und medienpädagogische Projekte kümmert.

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