Im Gespräch bleiben

Wie Bibliotheken demokratische Dialogräume schaffen und den Austausch, das Zuhören und neue Perspektiven fördern.

Bibliotheken sind längst mehr als Orte für Bücher. Sie sind öffentliche Räume, in denen gesellschaftliche Vielfalt unmittelbar sichtbar wird. Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten, Erfahrungen und Perspektiven treffen hier aufeinander, oft ohne sich außerhalb dieser Orte je zu begegnen.

Gerade darin liegt ihr besonderes Potenzial. Bibliotheken machen gesellschaftliche Pluralität nicht nur sichtbar, sondern erfahrbar. In einer Zeit, in der öffentliche Debatten zunehmend polarisiert verlaufen und gemeinsame Gesprächsräume unter Druck geraten, gewinnen solche Orte an Bedeutung. Sie können zu Infrastrukturen des Austauschs werden.

An diesem Punkt setzt das Projekt »Demokratiedialoge in niedersächsischen Bibliotheken« an. Initiiert wurde es von Tom Becker, Direktor der Stadtbibliothek Hannover, gemeinsam mit dem Deutschen Bibliotheksverband. Partner sind die Büchereizentrale Niedersachsen, der Berufsverband Information Bibliothek (BIB), die Landeszentrale für politische Bildung sowie Mehr Demokratie e.V.. Gefördert wird das Vorhaben durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur, die Stiftung Niedersachsen und den Deutschen Bibliotheksverband.

Demokratiedialoge in Bibliotheken: Infrastruktur für den Dialog

Das Projekt folgt einer klaren Ausgangsthese: Bibliotheken sind nicht nur Orte des Zugangs zu Wissen, sondern auch soziale Räume, die demokratische Verständigung ermöglichen können. Als für alle offene und parteipolitisch neutrale Einrichtungen erreichen sie Menschen unterschiedlichster Hintergründe. Diese Offenheit schafft eine Voraussetzung, die in vielen anderen öffentlichen Räumen zunehmend fehlt.

Ramona Schumann, Bürgermeisterin von Pattensen und Vorsitzende des dbv-Landesverbands Niedersachsen, beschreibt diesen Ansatz so: »Mich überzeugt an dem Projekt, dass es Demokratie nicht abstrakt verhandelt, sondern vor Ort erfahrbar macht. Es braucht verlässliche, niedrigschwellige Orte, an denen Austausch möglich bleibt.«

Damit rückt eine kommunale Perspektive in den Mittelpunkt: Demokratie zeigt sich dort, wo Menschen im Alltag miteinander ins Gespräch kommen.

Demokratiedialoge in Bibliotheken mit zwei bewährten Formaten

Konkret arbeiten die Demokratiedialoge mit zwei Formaten, die gezielt auf Gesprächsqualität und Beteiligung ausgerichtet sind: Sprechen & Zuhören, entwickelt von Mehr Demokratie e. V., sowie Demokratie Fitness, ein Trainingsansatz der dänischen Organisation We do democracy.

Beide Formate arbeiten mit klar strukturierten Settings, die es Teilnehmerinnen und Teilnehmern ermöglichen, sich auszudrücken, zuzuhören und Perspektiven zu wechseln, ohne dass Diskussionen eskalieren oder einzelne dominieren.

Gemeinsam ist ihnen zudem ein konsequent niedrigschwelliger Ansatz: Es sind keine Vorkenntnisse erforderlich, vielmehr wird an alltägliche Erfahrungen angeknüpft. Dadurch entsteht ein Lernraum, in dem Teilnehmende ihre eigene Wirksamkeit erleben können – als aktive Mitgestaltende von Austausch und Zusammenleben.

Demokratiedialoge in Bibliotheken praktisch umsetzen

Die Umsetzung ist bewusst breit angelegt. In den teilnehmenden Bibliotheken finden konkrete Dialogveranstaltungen statt, begleitet von Schulungen für Mitarbeitende, die als Demokratielotsinnen und -lotsen qualifiziert werden. Sie sollen künftig selbstständig Formate moderieren und in ihre Häuser integrieren können.

Parallel entsteht ein Netzwerk zwischen Bibliotheken, Fachverbänden und zivilgesellschaftlichen Partnern, das Austausch und Weiterentwicklung ermöglicht. Ziel ist es, die Formate nicht als Projekt, sondern als dauerhafte Praxis in der Bibliotheksarbeit zu verankern.

Bis 2027 sollen bis zu 60 Bibliotheken in Niedersachsen beteiligt sein. Die erste Kohorte startete im März 2026 mit 14 Einrichtungen. Unter den teilnehmenden Häusern sind unter anderem Bibliotheken aus Hannover, Oldenburg, Seevetal, Springe, Walsrode und Winsen (Luhe). Sie führen bis Herbst dieses Jahres jeweils zwei Demokratiedialoge durch, offen für die allgemeine Öffentlichkeit oder Studierende der beteiligten Hochschulbibliotheken.

Demokratiedialoge in Bibliotheken starten in Oldenburg

Den Auftakt bildete ein Treffen im März 2026 in der Landesbibliothek Oldenburg. 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 14 Bibliotheken kamen dort erstmals zusammen, um sich zu vernetzen und die Grundlagen der Formate kennenzulernen.

Besonders die kurzen Übungseinheiten aus Demokratie Fitness hinterließen Eindruck. Sie zeigten, wie schnell sich Gesprächsatmosphären verändern können, wenn Struktur und klare Regeln eingeführt werden. Viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen beschrieben den Austausch als unmittelbar verbindend und motivierend für die eigene Arbeit vor Ort.

Mehr Demokratie e. V. als Partner der Demokratiedialoge in Bibliotheken

Ein zentraler Partner im Projekt ist Mehr Demokratie e. V.. Der Verein engagiert sich seit 1988 für direkte Demokratie und Bürgerbeteiligung und hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend auf die Entwicklung praktischer Beteiligungsformate fokussiert.

Für Tom Becker war die Zusammenarbeit eine logische Fortsetzung bestehender Netzwerke: »Demokratiepolitische Fragen begleiten mich seit vielen Jahren. Mehr Demokratie e. V. ist dabei ein verlässlicher Partner, mit dem sich solche Entwicklungen konsequent weiterdenken lassen.«

Im Zentrum steht ein erweitertes Demokratieverständnis: Demokratie ist nicht nur ein institutionelles System, sondern eine alltägliche Praxis des Zuhörens, Aushaltens und gemeinsamen Aushandelns.

Sprechen & Zuhören als Dialogformat in Bibliotheken

Eines der Kernformate ist Sprechen & Zuhören. Vier Personen kommen in einer Kleingruppe zusammen und sprechen zu einer Leitfrage. Jede Person erhält drei Mal vier Minuten Redezeit, ohne unterbrochen zu werden. Erst danach folgt ein gemeinsamer Austausch.

Die Wirkung entsteht weniger durch Inhalt als durch Struktur. Das Format verlangsamt Gespräche, reduziert spontane Reaktionen und schafft Raum für persönliche Erfahrungen. Dadurch verschiebt sich der Fokus: weg von Argumentation, hin zu Wahrnehmung.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer berichten von größerer Klarheit über die eigene Position und zugleich von mehr Offenheit gegenüber anderen Perspektiven. Auch die Fähigkeit zum aktiven Zuhören wird trainiert und gestärkt.

Bibliotheken als demokratische Infrastruktur

Im Bibliothekskontext entfalten die Formate eine besondere Wirkung, weil sie an vorhandene Strukturen anknüpfen, wie Offenheit, Zugänglichkeit und die tägliche Begegnung unterschiedlicher Menschen.

Ramona Schumann bringt diesen Gedanken auf den Punkt: »Demokratie lebt von Teilhabe, Zuhören und dem Gefühl, dass die eigene Stimme zählt.« Tom Becker ergänzt: »Bibliotheken können demokratische Infrastruktur sein: offen, zugänglich und nah am Alltag der Menschen.«

Wie es mit den Demokratiedialogen in Bibliotheken weitergeht

Die Demokratiedialoge zeigen damit einen doppelten Ansatz. Sie stärken Bibliotheken als soziale Orte und entwickeln zugleich konkrete Formate für demokratische Gesprächspraxis.

Entscheidend ist dabei nicht das einzelne Event, sondern die Verstetigung. Bibliotheken sollen Orte werden, an denen demokratische Kultur nicht nur vermittelt, sondern eingeübt wird. Und das passiert im Gespräch, im Zuhören und im gemeinsamen Nachdenken.

 

DOI: 10.24403/jp.1559590

Grit Bümann studierte Journalistik und Medienmanagement mit Schwerpunkt Fernsehen und Dokumentarfilm an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Sie arbeitet als Autorin, Filmproduzentin und Regisseurin und ist seit vielen Jahren in der Entwicklung und Umsetzung filmischer und medialer Projekte tätig, oft mit gesellschaftspolitischem Fokus. Aktuell organisiert sie bei Mehr Demokratie e.V. im Bereich Demokratische Kultur Bürger-Dialoge in Sachsen-Anhalt.

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