Öffentliche Bibliotheken und Obdachlosigkeit

Eine Analyse von Handlungspraxen im Umgang mit obdachlosen Besucherinnen und Besuchern in Öffentlichen Bibliotheken.

Öffentliche Bibliotheken gelten in ihrem heutigen Verständnis als Dritte Orte, die allen Menschen – unabhängig von ihrem sozialen Status oder der Herkunft – Bildung und soziale Teilhabe ermöglichen sollen. Besonders in Zeiten wachsender Armut und sozialer Ausgrenzung wird ihre Rolle als inklusive Anlaufstellen immer bedeutender. Das Bibliothekspersonal steht dabei vor der Herausforderung, Räume und Angebote zu schaffen, die nicht nur für die »idealen Nutzer/-innen«, sondern für alle zugänglich sind. Dies betrifft auch obdachlose Menschen, die Bibliotheken als geschützte Orte aufsuchen, etwa um Wärme, Ruhe, Informationen oder einfach ein Stück »Normalität« zu finden. 

Obdachlosigkeit in Deutschland: Definition, Lebensrealitäten und Unsichtbarkeit

Obdachlosigkeit beschreibt ein Leben ohne festen Wohnsitz und kann viele Formen annehmen: vom Leben auf der Straße über den Aufenthalt in Notunterkünften bis hin zu weiteren provisorischen oder unsicheren Wohnsituationen.1 Betroffen sind sowohl Einzelpersonen als auch Familien, deren Lebensumstände von Instabilität und Unsicherheit geprägt sind. Hinzu kommt, dass vielen Betroffenen ihre Notlage von außen nicht immer anzusehen ist. 

Trotz des Bibliotheksauftrags, für »alle« da zu sein, stoßen obdachlose Menschen in der Praxis jedoch auf Zugangs- und Nutzungsbarrieren wie fehlende Meldeadressen, Ausweisgebühren, mangelnde Möglichkeiten, Gepäck abzugeben oder subjektive hygienebedingte Ausschlüsse. Gesellschaftliche Vorurteile und die Wahrnehmung als »Problemnutzer/-innen« wirken zusätzlich hemmend. Hat das Personal nur wenige Berührungspunkte mit vulnerablen Randgruppen, kann es eine Herausforderung darstellen, ihre Bedürfnisse zu erkennen und angemessen darauf einzugehen. Die Lebensrealität obdachloser Menschen bleibt somit im Bibliotheksalltag oft unberücksichtigt. 

Status quo der Bibliotheksarbeit mit obdachlosen Menschen

Eine IFLA-Studie aus dem Jahr 2016 zeigte, dass Obdachlose kaum in bibliothekarische Bedarfsanalysen oder Angebotsentwicklungen einbezogen werden.2 Bisherige Studien konzentrieren sich zudem vorwiegend auf die Befragungen des Bibliothekspersonals, während die Perspektiven von Obdachlosen selbst oft unberücksichtigt bleiben. Um Bibliotheken bei der besseren Unterstützung wohnungsloser Menschen zu helfen, veröffentlichte die IFLA 2017 die Leitlinien zur Bibliotheksarbeit mit ebendieser Zielgruppe. Vor diesem Hintergrund zeichnet sich in den vergangenen Jahren auch zunehmend die Tendenz ab, Sozialarbeiter/-innen mit ihrem fachlichen Know-how in das Berufsfeld zu integrieren, um das bibliothekarische Personal bei sozialpädagogischen Anliegen zu entlasten und gezielter auf die Bedürfnisse vulnerabler Gruppen eingehen zu können. 

Besonders die USA haben sich mittlerweile als Vorbild etabliert: Stellungnahmen und Leitlinien der American Library Association (ALA) sowie ein Doppelabschluss der Studiengänge Sozialarbeit und Bibliotheks- und Informationswissenschaft betonen die Verantwortung von Bibliotheken gegenüber marginalisierten Gruppen.

In Deutschland hingegen steckt die intensivere Auseinandersetzung noch in den Anfängen. Zwar wurde in der Vergangenheit auf bibliothekarischen Veranstaltungen wie der BiblioCon oder durch vereinzelte Autorinnen und Autoren ein Handlungsbedarf benannt, doch wird noch immer das Fehlen konkreter Stellungnahmen von Berufsverbänden, ausreichende curriculare Verankerungen in Ausbildung und Studium sowie nachhaltige Kooperationen mit sozialen Einrichtungen bemängelt. Vergleichbare empirische Studien wie im Ausland existieren bislang nicht und Praxiseinblicke sind selten. Vor diesem Hintergrund untersuchte die Autorin dieses Beitrags in ihrer Bachelorarbeit, wie Öffentliche Bibliotheken (am Beispiel von Berlin) den Umgang mit obdachlosen Menschen konkret gestalten.3

Methodik: Experteninterviews in Berliner Bibliotheken

Um zu Ergebnissen zu gelangen, wurden im Frühjahr 2025 Experteninterviews mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus fünf Hauptbibliotheken und zwei Zweigstellen der Öffentlichen Bibliotheken Berlins geführt. Die Interviewpartner/-innen umfassten vier Bibliothekarinnen und Bibliothekare, darunter drei Bibliotheksleitungen, eine Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste sowie zwei Quereinsteigerinnen, die über langjährige Berufserfahrungen in der Bibliothek verfügen. 

Der Untersuchungsort wurde für die Studie ausgewählt, da Großstädte einen höheren Anteil obdachloser Menschen verzeichnen und Berlin als bevölkerungsreichste Stadt Deutschlands daher besonders betroffen ist. Grundlage der inhaltsanalytischen Auswertung bildete dabei das Verständnis von Handlungspraxen als institutionelle Maßnahmen und Aktivitäten, mit denen die Bibliotheken auf die Präsenz von obdachlosen Menschen reagieren. Hierzu zählen die Verhaltensweisen des Personals im Umgang mit Obdachlosen, institutionelle Regelungen, zielgruppenspezifische Angebote sowie Kooperationen.

Zentrale Ergebnisse: Handlungspraxen im Umgang mit obdachlosen Besucherinnen und Besuchern

Die Befragungen verdeutlichten, dass sich Öffentliche Bibliotheken in einem Spannungsfeld befinden, das sich zwischen dem gesellschaftlichen Anspruch, tatsächlich für »alle« da zu sein, einrichtungsinternen Beschränkungen, kaum vorhandenen praktischen Richtlinien, einem mangelnden sozialpädagogischen Know-how und dem individuellen Engagement der Mitarbeiter/-innen bewegt. Auch wenn der Großteil der Beschäftigten obdachlosen Menschen grundsätzlich offen gegenübersteht, werden teilweise noch immer Unsicherheiten und Vorbehalte im eigenen Team wahrgenommen. 

Fehlende Leitlinien und informelle Praxis im Bibliotheksalltag

Nur vereinzelt bestehen Regelungen oder Konzepte zum Umgang mit Obdachlosen, mehrheitlich handeln die Beschäftigten aus einem Bauchgefühl heraus. 

Neben fehlenden inklusiven Strategien oder Leitlinien in den meisten Einrichtungen, ist auch nur selten eine Wahrnehmung der bislang begrenzten fachlichen Impulse aus dem beruflichen Umfeld vorhanden. Eine soziale Verantwortung spiegelt sich bisher kaum bis gar nicht in der von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern absolvierten bibliothekarischen Ausbildung oder im Studium wider, die eine Sensibilität für den Umgang mit Obdachlosen und ihren Bedürfnissen in der Berufspraxis fördern würden. Zielgruppenspezifische Angebote sind kaum vorhanden und Obdachlose selbst werden bislang nicht in die Entwicklung von Angeboten eingebunden, wobei ihre Perspektiven als durchaus sinnvoll erachtet werden, um diese bedarfsgerechter gestalten zu können. 

Langfristige Kooperationen mit sozialen Einrichtungen bilden eine Seltenheit, wobei vom Großteil der Interviewten bereits Maßnahmen oder zumindest die Bereitschaft für Maßnahmen bestehen, diese zukünftig stärker zu fördern. Alle Befragten zeigten sich vor allem positiv gegenüber der Einbindung von Sozialarbeiterinnen und -arbeitern und betonten dabei die Vorteile der sozialpädagogischen Expertise dieser Berufsgruppe für die Einrichtungen.

Barrieren für wohnungslose Menschen in Bibliotheken

Auch die Barrieren im Umgang mit obdachlosen Menschen in Bibliotheken sind vielfältig und werden nicht immer direkt als solche erkannt. Folgende zentrale Barrieren und Lösungsansätze konnten identifiziert werden: 

1. Bibliotheksausweis ohne festen Wohnsitz – Problem der Meldeadresse

Hier fehlt die standardmäßig geforderte Meldeadresse. Alternativen durch Lesesaalausweise, um PC-Nutzungen zu ermöglichen, wie es in drei Einrichtungen umgesetzt wird, zeigen jedoch, dass Lösungen auch möglich sind, wenn der Wille in der Politik und Einrichtung vorhanden ist.

2. Hygienebedingte Ausschlüsse und Diskriminierungsrisiken

Diese wurden aufgrund ihrer Subjektivität und des schambehafteten Charakters als ambivalent bewertet. Einheitliche Regelungen zum Umgang mit riechenden Nutzerinnen und Nutzern, unabhängig davon, ob Gerüche durch Körperhygiene oder intensive Duftstoffe verursacht werden, können nicht nur eine Handlungssicherheit bieten, sondern auch unbeabsichtigte Diskriminierungen vermeiden.

3. Umgang mit Gepäck und sperrigen Gegenständen

Nicht selten ist es in Bibliotheken verboten, sperrige Gegenstände mitzunehmen und somit muss das Hab und Gut an der – falls vorhanden – Garderobe abgegeben werden. In diesem Fall wurde in einigen Einrichtungen eine kulante Handhabung entwickelt. Zudem wird auf externe Schließmöglichkeiten verwiesen, sofern diese im Bezirk bestehen.

Die gewonnenen Erkenntnisse können als Anregung für zukünftige Forschungen dienen. Neben einer repräsentativeren Befragung, die zu belastbareren Ergebnissen führen würde, könnten sich weitere Untersuchungen auf die Integration sozialpädagogischer Inhalte in bibliothekarische Studiengänge konzentrieren, um den richtigen Umgang mit marginalisierten Gruppen zu stärken. Eine Bedarfsanalyse der Perspektiven obdachloser Nutzer/-innen sowie die Untersuchung erfolgreicher Kooperationen mit sozialen Einrichtungen könnten ebenfalls wichtige Erkenntnisse liefern. 

Handlungsempfehlungen für eine inklusive Bibliothekspraxis

Damit obdachlose Menschen eine bessere Berücksichtigung im Bibliotheksalltag erfahren, lassen sich basierend auf den Literaturerkenntnissen als auch den Forschungsergebnissen ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren identifizieren, die zu den in Abbildung 1 dargestellten Handlungsempfehlungen führen. Die Basis umfasst dabei niedrigschwellige Maßnahmen, während die oberen Ebenen zunehmend komplexere und längerfristig anzustrebende Entwicklungen abbilden.

Internationale Best Practices: Bibliotheken als soziale Akteure

Derweil zeigen Länder wie die USA, Dänemark und England, wie durch gesetzliche Rahmenbedingungen, Kooperationen mit sozialen Einrichtungen und kreative Projekte eine stärkere Berücksichtigung Obdachloser in der Bibliothek gelingen kann.  So setzt die Bibliothek Dokk1 in Aarhus einen »Sozialbibliothekar« zur Unterstützung marginalisierter Gruppen ein und bietet mit »Tales from the Street« Schreibworkshops für Obdachlose an. 

In England wiederum ermöglicht die Essex Library den Erhalt eines Bibliotheksausweises auch ohne einen festen Wohnsitz, um den Zugang zu digitalen und kulturellen Angeboten zu erleichtern. Sowohl die Plattform »Biblio2030« als auch die »Bibliothekskarte der Welt« der IFLA zeigen weitere Umsetzungsbeispiele von Bibliotheken im internationalen Raum. Die Inklusion von Obdachlosen in Bibliotheken muss also keine Ausnahme sein, sondern kann mit politischem Willen, fachlichen Impulsen, einer entsprechenden interdisziplinären Zusammenarbeit und dem Rückhalt der Beschäftigten durchaus gelingen. 

Agenda 2030, Ethikkodex und soziale Verantwortung von Bibliotheken

Ein Blick nach Deutschland zeigt wiederum, dass sowohl die Agenda 2030, zu deren Einhaltung sich Bibliotheken verpflichtet haben, wie auch der deutsche Ethikkodex des bibliothekarischen Dachverbands BID, der jedoch aufgrund einer fehlenden Sichtbarkeit in der Bibliotheksgemeinschaft in der Kritik steht, eine stärkere Berücksichtigung vulnerabler Gruppen im Bibliotheksalltag durchaus legitimieren würden. Durch eine stärkere Berufung hierauf könnten Bibliotheken sowohl ihrer ethischen und sozialen Verantwortung als auch ihrem gesellschaftlichen Auftrag besser gerecht werden. Fest steht, dass der Bibliotheksauftrag, »alle« zu inkludieren, praxisnahe Lösungen im Umgang mit den vielfältigen Nutzerbedürfnissen erfordert, um tatsächlich einen gleichwertigen Raum zu gewährleisten. Dies erfordert zwingend ein Umdenken bei den Beschäftigten.

 

DOI: 10.24403/jp.1545212 

Anna Mildenberger ist Absolventin der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart im Studiengang Informationswissenschaften. Ihre Ausbildung zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste absolvierte sie in der Berliner Stadtbibliothek Charlottenburg-Wilmersdorf. Seit ihrem Studienabschluss arbeitet sie in der Universitätsbibliothek Heidelberg.

1 Vgl. FEANTSA (2005): Ethos typology on homelessness and housing exclusion, [30.11.2025]

2 Vgl. IFLA (2017): IFLA guidelines for library services to people experiencing homelessness, S. 34, [30.11.2025]

3 Die Bachelorarbeit entstand unter Betreuung von Cornelia Vonhof und Dr. Katrin Schlör an der Hochschule der Medien in Stuttgart
und ist über den Publikationsserver verfügbar: urn:nbn:de:bsz:900-opus4-73191

Interessantes Thema?

Teilen Sie diesen Artikel mit Kolleginnen und Kollegen:

Kommentare

Nach oben