Humanoide Roboter haben in den letzten Jahren zunehmend Einzug in öffentliche Bibliotheken gehalten1. Sie werden dort nicht nur als technische Attraktion, sondern auch als pädagogisches Werkzeug eingesetzt. Die hier zusammengefasste Untersuchung2 widmet sich der Frage, wie der humanoide Roboter NAO das Verhalten und die Interaktion von Kindern im Rahmen des etablierten Bibliotheksformats Bilderbuchkino beeinflusst.3
Im Zentrum stehen Kinder im Alter von vier bis neun Jahren – eine Entwicklungsphase, in der die Grundlagen für Sprachkompetenz und Lesefähigkeit gelegt werden. Bilderbuchkinos, bei denen Bilder eines Buches auf eine Leinwand projiziert und die Texte vorgelesen werden, sind ein bewährtes Instrument zur Förderung dieser Kompetenzen. Die immersive Atmosphäre, die Kombination aus Bild und Ton und die Möglichkeit gezielter Fragen unterstützen Kinder dabei, Geschichten besser zu verstehen und eigene narrative Fähigkeiten auszubilden.4 Ergänzend dazu gibt es alternative Konzepte wie die hundgestützte Leseförderung, bei der Tiere als geduldige und wertungsfreie Zuhörer fungieren.5
Vor diesem Hintergrund wird untersucht, ob NAO ähnlich wie ein Lesehund wirken kann: als interaktiver Partner, der Motivation und Selbstvertrauen fördert. Internationale Studien zeigen, dass Kinder in sozialen Situationen kaum unterscheiden, ob Fragen von einem Menschen oder einem Roboter gestellt werden.6 Auch Projekte wie in Wildau, wo NAO in Vorlesestunden erprobt wurde, weisen darauf hin, dass Roboter kindliche Leseförderung ähnlich bereichern können wie Tiere.7
Die empirische Untersuchung fand in der Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg statt. Vier Sitzungen wurden durchgeführt – zwei mit NAO, zwei ohne. Als Bilderbuchkino diente Tom Gaulds »Der kleine Holzroboter und die Baumstumpfprinzessin«, eine Geschichte, die durch ihr Roboter-Motiv thematisch besonders geeignet war.
Methodik und Beobachtungsbogen
Für die Erhebung wurde ein detaillierter Beobachtungsbogen entwickelt, der sich in verbale und nonverbale Kategorien gliederte. Im verbalen Bereich wurde festgehalten, wie viele und welche Antworten die Kinder gaben, ob sie frei oder auf Nachfrage sprachen und ob sie ihre Aussagen begründeten. Im nonverbalen Bereich wurde zum Beispiel die Blickrichtung (zum Roboter, zur Fachkraft, zur Leinwand), Körperhaltung (vorbeugen, zurücklehnen, abwenden), Mimik (Lächeln, Stirnrunzeln, Überraschung) sowie spontane Interaktion mit Sitznachbarn dokumentiert. Zusätzlich gab es Felder für besondere Vorkommnisse wie Lachen, Zwischenrufe oder Versuche, NAO zu berühren.
Der Ablauf war für alle Gruppen ähnlich strukturiert: Die Kinder wurden zunächst im Foyer empfangen, konnten ihre Taschen ablegen und wurden von einer Mitarbeiterin in den Veranstaltungsraum begleitet. Die Räume unterschieden sich deutlich: Das »Traumhaus« bot eine kleine, abdunkelbare Umgebung mit Kinocharakter, während das »Hauptdeck« eine offene Fläche mit Publikumsverkehr war. Diese Rahmenbedingungen beeinflussten die Konzentration und die Stimmung der Kinder spürbar. Während im Traumhaus eine ruhigere, konzentrierte Atmosphäre herrschte, waren auf dem Hauptdeck Ablenkungen durch Geräusche und vorbeigehende Besucher/-innen unvermeidbar. Auch die Temperatur im Hochsommer wirkte sich auf die Aufmerksamkeit aus.
Nach dem Platznehmen begann das Bilderbuchkino. Bei den Sitzungen mit NAO war zusätzlich eine zweite Mitarbeiterin der Bibliothek anwesend, die den Roboter steuerte. Die Fragen, die NAO nach bestimmten Passagen stellte, waren vorprogrammiert und wurden über sein internes Programm Choreographe abgespielt. In den Sitzungen ohne Roboter übernahm die vorlesende Person die gleichen Fragen. Die Beobachtungen dokumentierten nicht nur die Antworten der Kinder, sondern auch deren Körperhaltung (zuwendend, ablehnend, neugierig), Mimik, Gestik und Spontanreaktionen. So konnte erfasst werden, ob sich durch NAO andere Interaktionsmuster ergaben als bei menschlichen Erzählern.
In einer der Sitzungen mit NAO zögerten einige jüngere Kinder zunächst, auf seine Fragen zu antworten und warteten ab. Erst nach ein paar Rückfragen, meldeten sich einzelne Kinder zu Wort. Ältere Kinder stellten NAO teils eigene Fragen (»Kannst du tanzen?«), was auf eine zunehmende Vertrautheit und Neugier hinweist. In den Sitzungen ohne Roboter waren die Antworten homogener, die Kinder konzentrierten sich stärker auf die Leinwand und die vorlesende Person, stellten aber seltener eigene Fragen.
Auch die Raumgestaltung spielte eine Rolle: Im »Traumhaus« saßen die Kinder enger beieinander auf Kissen, NAO stand vorne neben der vorlesenden Person. Diese Nähe und Abdunklung erzeugten eine Kinoatmosphäre, die zu längeren Antworten und ruhigerem Verhalten führte. Auf dem »Hauptdeck« hingegen lenkten Geräusche von außen ab; NAO musste mehrfach neu positioniert werden, damit die Kinder ihn sehen konnten. Trotz dieser Umstände blieben die Unterschiede in den Antwortmustern gering – was darauf hinweist, dass der Einsatz des Roboters allein nicht ausschlaggebend für die Interaktionsqualität ist.
Aus den Beobachtungen lassen sich mehrere Handlungsempfehlungen ableiten:
Einsatz in Kleingruppen: Roboter wie NAO eignen sich besonders für Kleingruppen oder Einzelsettings, in denen die Interaktion intensiver gestaltet werden kann und weniger Ablenkungen herrschen.
Einführung für Kinder: Vor Beginn sollte den Kindern NAO kurz vorgestellt und erklärt werden, um Hemmungen abzubauen.
Kindgerechte Sprache: Die Sprachgeschwindigkeit und Fragelänge von NAO müssen angepasst werden; ergänzende visuelle Hilfen auf dem Bildschirm oder Tablet erleichtern das Verständnis.
Pädagogische Begleitung: Fachkräfte sollten NAO nicht allein arbeiten lassen, sondern aktiv begleiten, deuten und ggf. eingreifen, wenn Verständnisschwierigkeiten auftreten.
Technik- und Feedbackrunden: Bibliotheken sollten vorab Techniktests durchführen, um Störungen zu vermeiden, und Feedbackrunden einplanen, um den Einsatz kontinuierlich zu verbessern.
Trotz technischer und organisatorischer Herausforderungen zeigt die Untersuchung, dass NAO von den Kindern überwiegend positiv aufgenommen wurde. Viele verabschiedeten den Roboter am Ende ausdrücklich oder sprachen ihn direkt an. Diese emotionale Resonanz kann ein Türöffner sein, um Kinder stärker an Bibliotheken, Bücher und Technikangebote heranzuführen.
Humanoide Roboter wie NAO sind mehr als ein technisches Experiment. Sie eröffnen Bibliotheken neue Wege, Kindern Sprache, Geschichten und Zukunftstechnologien zugleich näherzubringen. Die kindgerechte Umsetzung – von der Raumgestaltung über die Programmierung bis hin zur pädagogischen Begleitung – entscheidet darüber, ob dieses Potenzial ausgeschöpft werden kann.