Die Nationalbibliothek Lettlands ist ein Ort, an dem kulturelles Erbe, Wissen und moderne Bibliotheksarbeit zusammenkommen.
Das Lichtschloss: Die Nationalbibliothek Lettlands in Riga im Abendlicht. Foto: Indriķis Stūrmanis
Die Nationalbibliothek Lettlands (NLL) ist eine allgemein zugängliche wissenschaftliche Bibliothek der Republik Lettland, die der intellektuellen und kulturellen Entwicklung der gesamten Nation dient. Ihre zentrale Aufgabe besteht darin, die nationale Literatursammlung Lettlands – sämtliche gedruckten Veröffentlichungen über Lettland und die Letten – zusammenzutragen, zu bewahren und zu pflegen und gleichzeitig den öffentlichen Zugang zu diesem Erbe sicherzustellen. Die NLL übernimmt ebenfalls die Kernaufgaben einer Nationalbibliothek: Sie erstellt die nationale Bibliografie, entwickelt das öffentliche Bibliothekswesen des Landes und fungiert als Zentrum für Wissen, Kultur und Bildung. Als Einrichtung von nationaler Bedeutung untersteht die NLL dem Kulturministerium der Republik Lettland.
Die Sammlung der Bibliothek umfasst mehr als vier Millionen Objekte aus allen wissenschaftlichen Disziplinen mit besonderem Schwerpunkt auf den Geistes- und Sozialwissenschaften. Über die allgemeinen Sammlungen hinaus hat das Bibliothekspublikum Zugang zu Spezialbeständen: seltene Bücher, Manuskripte, die »Lettonica«-Sammlungen, Veröffentlichungen zu Kunst und Musik, Tonaufnahmen, grafische Publikationen, Ephemera und Karten. Die Bibliothek legt besonderen Wert auf die Förderung der Hochschulbildung, der Forschung und des lebenslangen Lernens, während sie sich gleichzeitig für die Leseförderung bei Kindern und Jugendlichen engagiert.
Neben ihren traditionellen Funktionen hat die NLL ihre Rolle als Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturzentrum angenommen und nutzt dabei umfassend die Möglichkeiten, die ihr fortschrittliches Gebäude und ihre Infrastruktur bieten.
Geschichte
Die Nationalbibliothek Lettlands wurde am 29. August 1919 gegründet, weniger als ein Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung Lettlands. Der Aufbau der staatlichen Bibliothek war eine der ersten Prioritäten der jungen Regierung im Kultursektor und zeugt von der Bedeutung, die sie den Bereichen Wissen, Bildung und Informationszugang beimaß.
Zwar sind allen Nationalbibliotheken ähnliche Kernaufgaben gemeinsam. Dennoch wird jede Bibliothek durch die einzigartige Geschichte und die Traditionen ihres Landes geprägt. Die lettische Staatsbibliothek wurde von Grund auf als Bibliothek für Bücherliebhaber aufgebaut, wobei der Schwerpunkt anfangs auf dem Erwerb zeitgenössischer lettischer und ausländischer Werke lag. Bis 1940 war die Sammlung auf fast eine Million Exemplare angewachsen.
Im selben Jahr wurde Lettland von der UdSSR besetzt. Die Bibliothek wurde reorganisiert, die Bestände wurden überprüft und eine Zensurbehörde wurde eingerichtet, die Listen mit verbotenen Büchern anlegte. Diese Publikationen wurden entfernt und in großen Mengen vernichtet. Gleichzeitig wurden zahlreiche in der UdSSR veröffentlichte Werke aus der Sowjetunion eingeführt.
Trotz ideologischer Einschränkungen bewahrte sich die Bibliothek einen vergleichsweise demokratischen Geist. Der eigentliche Demokratisierungsprozess begann, als Lettland im Jahr 1991 seine Unabhängigkeit wiedererlangte. Die Zensur wurde aufgehoben, der »Sonderfonds« mit gesperrten Medien abgeschafft und die komplette Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Werke emigrierter lettischer Autoren und Publikationen aus dem Ausland fanden ihren Weg zurück in die Bibliothek, die internationale Zusammenarbeit wurde wiederbelebt und es wurden globale Standards übernommen.
Innenansicht der Nationalbibliothek Lettland. Foto: Kristians Luhaers
Die Sammlungen
Das Herzstück der NLL bildet die Sammlung nationaler Literatur: lettische und ausländische Veröffentlichungen über Lettland und die Letten sowie Werke lettischer Autoren. Die Vollständigkeit dieser Sammlung wird durch das 1920 eingeführte Pflichtexemplar-System gewährleistet, das vorsieht, dass jede in Lettland herausgegebene Publikation bei der Bibliothek hinterlegt werden muss.
Aktuell umfasst die Sammlung Bücher, Zeitschriften, Ephemera, Grafik- und Musikpublikationen, audiovisuelle Medien, Mikrobildspeicher, kartografisches Material, Manuskripte und andere Dokumente.
Besonders bemerkenswert ist die Raritätensammlung. Hierzu gehören 64 Inkunabeln, 289 Bücher aus dem 16. Jahrhundert und fast 20 000 Werke, die vor 1830 erschienen sind. Unter diesen Schätzen ist »Spiegel der Vollkommenheit« von Heinrich Herpf, gedruckt 1466 in Mainz von Peter Schöffer, dem Nachfolger von Johannes Gutenberg. Weitere herausragende Werke sind Anton Kobergers Bibeln auf Latein und Deutsch (1478 und 1483) sowie Ausgaben bekannter Druckereien in Nürnberg, Lyon, Paris und Straßburg.
Zur Sammlung gehören auch Werke berühmter Typografen wie Aldus Manutius, Plantin, Elsevier und der Imprimerie Royale in Paris.
Der älteste bekannte Text auf Lettisch findet sich in Sebastian Münsters »Cosmographia« (Basel, 1550). Auch bewahrt die Bibliothek frühe Veröffentlichungen auf Lettgallisch – eine Varietät des Lettischen, die sich im 18. Jahrhundert in der damals unter dem Namen Livland beziehungsweise Inflanty bekannten Region entwickelte. Auch Zeitschriften, die vor 1850 gedruckt wurden, sind erhalten geblieben.
Unter den ausländischen Raritäten finden sich überwiegend deutsche, französische und lateinische Werke, jedoch sind auch englische, schwedische, niederländische, polnische, italienische, estnische und griechische Publikationen vertreten. Viele von ihnen wurden im 18. und 19. Jahrhundert auf Auktionen erworben.
Derzeit beläuft sich der Bestand der Bibliothek auf mehr als vier Millionen Medieneinheiten. Weniger häufig genutzte Werke werden im NLL-Depot außerhalb von Riga gelagert, um ihre Erhaltung und eine langfristige Zugriffsmöglichkeit sicherzustellen.
Innenansichten der Nationalbibliothek Lettlands. Fotos (v.l.n.r.): Kristians Luhaers, Reinis Hofmanis
Das Gebäude – Schloss des Lichts
Seit 2014 ist die Nationalbibliothek Lettlands in einem der eindrucksvollsten architektonischen Wahrzeichen des Landes beheimatet, im Volksmund bekannt als »Gaismas pils« – Schloss des Lichts. Das Gebäude liegt am linken Ufer der Daugava gegenüber dem historischen Zentrum von Riga und ist zu einem räumlichen Sinnbild für das moderne Lettland und zu einem der bedeutendsten Kulturprojekte des 21. Jahrhunderts geworden.
Auch auf der internationalen Ebene hat die Bibliothek Anerkennung erfahren: Sie erhielt den Preis des American Institute of Architects und der American Library Association für Bibliotheksbau. Das Gebäude ist in der BBC-Liste der zehn schönsten modernen Bibliotheken der Welt aufgeführt. Im Jahr 2018 gewann die Bibliothek bei den International Excellence Awards auf der Londoner Buchmesse den Preis »Bibliothek des Jahres«.
Das Schloss des Lichts hat als Motiv eine große kulturelle Relevanz. Während des nationalen Erwachens Lettlands im 19. Jahrhundert symbolisierte es den schöpferischen Geist und die Freiheit des Volkes, beides lange unterdrückt, aber dazu ausersehen, befreit zu werden und zur Nation zurückzukehren. Dasselbe Bild findet sich in Jāzeps Vītols' Chorwerk »Gaismas pils« wieder, das bei jedem lettischen Liederfest gesungen wird – als machtvoller Ausdruck der nationalen Identität.
Die Bibliothek bietet rund 1 000 Leseplätze, von ruhigen Nischen über Gruppenarbeitsräume bis hin zu Loungebereichen mit Blick auf die Daugava. Das Gebäude ist vollständig barrierefrei und funktional an unterschiedliche Zielgruppen angepasst.
Auf der Ebene M befindet sich der allgemeine Lesesaal, einschließlich eines Bereichs für sehbehinderte Leserinnen und Leser, sowie ein Jugendbereich zum Lernen sowie für Gemeinschaftsarbeit und kreative Aktivitäten.
Die Ebenen 2–4 bieten Lesesäle für Geistes-, Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, Technik, Naturwissenschaften, Zeitschriften, Kunst, Musik und audiovisuelle Medien. Außerdem befindet sich auf dieser Ebene ein Meditationsraum.
Ebene 5 beherbergt den Lesesaal für Lettonica, den Lesesaal für seltene Bücher und Manuskripte und den Daina-Schrank (Dainu skapis) mit der Sammlung lettischer Volkslieder des Archivs für Lettische Folklore (ALF).
Auf Ebene 6 befindet sich der Lesesaal für Karten und kleine Druckerzeugnisse (Ephemera).
Die Ebene 7 ist dem Kinderliteraturzentrum (CLC) vorbehalten, das mit Schulen, Autoren, Verlagen und Familien zusammenarbeitet und das landesweite Leseförderprogramm »Kinder-, Jugend- und Elternjury« organisiert. Dort werden auch wöchentliche Kreativ- und Bildungsangebote für Familien durchgeführt.
Aufder Ebene 8 sind das Zentrum für Bibliotheksentwicklung und die Schulungseinrichtungen für das Fachpersonal von Bibliotheken und Gedächtnisinstitutionen untergebracht.
In allen Lesesälen werden regelmäßig Seminare, Vorträge und Ausstellungen veranstaltet, die von bibliothekarischem Fachpersonal oder in Kooperation mit Partnerinstitutionen und ausländischen Botschaften organisiert werden.
Kinderleseraum in der Nationalbibliothek Lettlands. Foto: Kristians Luhaers
Dainu skapis – Der Schrank der Volkslieder
»Dainu skapis«, der Schrank der Volkslieder, ist eines der kostbarsten Besitztümer der Bibliothek und ein Symbol für den kulturellen Geist Lettlands. Seit 1880 bewahrt er die von dem Volkskundler Krišjānis Barons gesammelten Volkslieder, die dieser aus ganz Lettland zusammengetragen hat.
Der Schrank enthält rund 270 000 handgeschriebene Papierzettel mit jeweils zwei bis sechs Zeilen Text, die von verschiedenen Schreibern und Sammlern verfasst wurden. Sie bilden zusammen ein einzigartiges Archiv der mündlichen Überlieferungen Lettlands. Die Sammlung ist im UNESCO-Weltdokumentenerbe registriert und kann unter dainuskapis.lv digital eingesehen werden.
Das Bücherregal des Volkes – Ein besonderes Buch an einem besonderen Ort
Der Blickfang im Atrium der Bibliothek ist das Bücherregal des Volkes, eines der zentralen Design-Elemente des Gebäudes und ein Symbol der Einheit. Es enthält mehr als 8 000 Bücher in 50 Sprachen, die alle von Lettinnen und Letten sowie Gästen aus aller Welt gespendet wurden.
Jeder Spender ist eingeladen, sein gespendetes Buch mit einer persönlichen Widmung oder einer Geschichte zu versehen. Die Tradition begann Anfang 2014, dem Jahr, in dem Riga Kulturhauptstadt Europas wurde. Im Januar dieses Jahres bildeten Tausende von Menschen eine Menschenkette, die »Kette der Bücherliebhaber«, um Bücher vom alten Bibliotheksgebäude zum Schloss des Lichts weiterzureichen.
Seitdem ist die Bibliothek des Volkes dank Spenden aus ganz Lettland und dem Ausland kontinuierlich gewachsen. Eine besonders bedeutungsvolle Ergänzung traf im Juli 2023 von Elke Büdenbender ein, der Ehefrau des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, die ein Buch für die Sammlung spendete.
Buchregal des Volkes. Foto: Kristians Luhaers
Ein dynamisches Symbol für Wissen und Kultur
Heute stellt die lettische Nationalbibliothek nicht nur einen Aufbewahrungsort für das schriftliche Erbe der Nation dar, sie ist auch ein dynamisches kulturelles Symbol – das Schloss des Lichts. Sie ist ein Ort, an dem sich Tradition und Moderne treffen, die Vergangenheit Lettlands bewahrt und die intellektuelle und kreative Zukunft der Nation gestaltet wird.
Außenansicht der Nationalbibliothek Lettlands. Foto: Indulis Stūrmanis
Die Nationalbibliothek betreibt auch die Nationale Enzyklopädie (enciklopedija.lv) und die Digitale Bibliothek Lettlands (digitalabiblioteka.lv), die über 3,8 Millionen digitale Objekte umfasst.
2024 begrüßte die Bibliothek mehr als 350 000 Nutzende und Gäste und richtete 254 Veranstaltungen aus.
Es gibt spezielle Bildungsangebote für das jüngere Publikum und Schulklassen sowie ein Aktionsprogramm für Familien.
Die Bibliothek verfügt über vier Ausstellungsräume: die Dauerausstellung »Bücher in Lettland« und drei weitere Räume mit Ausstellungen zu Themen mit Bezug zur Bibliothek. Die Ausstellungen werden von bibliothekseigenen Forschenden und Designschaffenden arrangiert.
Das Schloss des Lichts hat eine Gesamtfläche von 43 000 Quadratmetern und eine Höhe von 68 Metern. Es verfügt über 14 Stockwerke.
Die Bibliothek beschäftigt rund 350 Mitarbeitende: Bibliotheksfachleute und bibliografische Fachkräfte, Forschende, auf Buch- und Dokumentenrestauration spezialisierte Personen, Digitalisierungs- und IT-Spezialistinnen und -Spezialisten, Fachkräfte für Ausstellungskuratierung und Designschaffende, Verantwortliche für Veranstaltungsorganisation, das Redaktionsteam der Nationalen Enzyklopädie sowie technisches Personal.
Konkrete Einblicke in die Nationalbibliothek Lettlands gibt der digitale Tourguide: gids.lnb.lv. Es wird auch eine Tour auf Deutsch angeboten.
Weitere Informationen gibt es auf der Webseite lnb.lv (auf Englisch) und auf der Webseite zu »500 Jahre Bücher auf Lettisch« gramatai500.lv (auf Deutsch).
Der Beitrag wurde zusammengestellt von Mitarbeitenden der Nationalbibliothek Lettlands. Übersetzung aus dem Englischen: Susanne Gagneur.