Viertelgeschichten

Die Bibliothek im Märkischen Viertel als Kiezort: Bibliotheksarbeit in einer Großwohnsiedlung mit bewegter Geschichte und sozialem Wandel.

»Viertelgeschichten« – so hieß eine Veranstaltungsreihe mehrerer sozialer Träger und Nachbarschaftseinrichtungen des Märkischen Viertels, in der Menschen aus dem Kiez eingeladen waren, sich mit den persönlichen Seiten der 60-jährigen Viertelgeschichte in Texten, musikalischen Beiträgen oder Bildern auseinanderzusetzen. Der sehr bewegende Abschluss dieser Reihe fand in unserer Bibliothek statt. 

Viertelgeschichten: Bibliothek als Kiezort

Das Märkische Viertel ist eine Wohnsiedlung im Berliner Bezirk Reinickendorf mit bewegter Geschichte und buntem Alltag. Geprägt ist es sowohl von seiner ehemaligen »Zonen«- und noch immer bestehenden Stadtrandlage als auch von den spektakulären Baukörpern der Wohnblocks und dem mittlerweile üppigen Grün. Dem Viertel eilt ein Ruf voraus – Sido besingt seinen Kiez in dem bekannten Rap-Song »Mein Block«.

Die Herausforderungen von Großwohnsiedlungen werden ausführlich im integrierten Handlungskonzept der »Ressortübergreifenden Gemeinschaftsinitiative zur Stärkung sozial benachteiligter Quartiere« der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen dargestellt und mit Beispielen untermauert: Inklusion und Vielfalt, Armut, Gewalt und Diskriminierung, Gesundheit, Umwelt und Bildung bilden hier die Förderschwerpunkte.1 Dieser herausfordernde Sozialraum definiert auch unser Wirkungsgebiet als Bibliothek und unsere bibliotheksfachlichen Beiträge zur Stärkung des Kiezes.

Bibliothek als Dritter Ort im Märkischen Viertel

Auf 4 km² Fläche leben aktuell knapp 45 000 Menschen. Entsprechend hoch bei dieser Besiedlungsdichte ist das Bedürfnis nach »Dritten Orten«. Wir setzen uns mit diesen speziellen Bedarfen vor allem von Jugendlichen und Schülerinnen und Schülern auseinander. Hier chillen die Kids und machen ihre Hausaufgaben – wir haben Platz, WiFi und rote Sofas.

Interkulturelle Bibliotheksarbeit und Sprachenvielfalt

Über 50 Prozent der Menschen im Viertel haben eine nichtdeutsche Herkunftssprache; mehr als 50 Sprachen werden aktiv gesprochen. Spannend – und anspruchsvoll zugleich! Die Sprachenvielfalt und der relativ hohe Anteil leseferner Familien sind Herausforderungen für unseren Bestandsaufbau.

Soziale Bibliotheksarbeit und Bildungsangebote

Der hohe Anteil von fast 50 Prozent Kinderarmut wird nur von sehr wenigen Kiezen in Berlin übertroffen. Kostenlose und niedrigschwellige Bildungsangebote wie das Vorlesen in mehreren Sprachen, ein Tüftel- und Robotikangebot, Comic-Workshops oder ein Nähkurs sind daher fest in unseren Wochenplan integriert. Fast 30 Prozent der Haushalte befinden sich im Transferleistungsbezug. Vor diesem Hintergrund ist ein Sharing-Konzept wie die »Bibliothek der Dinge« ein alltagstaugliches Instrument der Teilhabe 

Im Viertel herrscht aufgrund der Bevölkerungsdichte auch eine hohe Dichte an Grund- und weiterführenden Schulen sowie an Kindertagesstätten. Daher ist vollkommen klar: Ein großer Schwerpunkt unserer täglichen Arbeit liegt auf bibliothekspädagogischen Angeboten inklusive Leseförderung.

Zum Glück können wir das Netzwerk des »Bildungsverbunds MV« als Koordinationsstelle von schulischen und außerschulischen Bildungsträgern nutzen und sind dadurch stets über aktuelle Themen und Bedarfe in Kitas, Schulen und Schulsozialstationen informiert.

Ebenso hoch ist die Dichte an sozialen Trägern, Anlaufstellen für Familien, Nachbarschaftsorten sowie Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen. Wir begegnen uns auf Festen und Veranstaltungen, organisieren Nachbarschaftsprojekte und stimmen uns bei strategischen Themen in Kiezrunden und bei Netzwerktreffen ab.

Vorstellung der Bibliothek im Märkischen Viertel und ihrer Ziele

Unser Bestand ist klein, unsere Fläche ist groß. Wir bieten Medien für eine Grundversorgung der Kiezbevölkerung an und achten auf diversitätssensible Kinderliteratur. Wir leben den für öffentliche Bibliotheken in Berlin typischen Dreisatz: Innovationen im VÖBB, strategische Entwicklungen im Fachbereich und starke Vernetzung im Kiez.

Zentrale Aufgaben in unserer Arbeit sind die weitere Diversifizierung und Professionalisierung unserer bibliothekspädagogischen Konzepte vom Elementarbereich bis zur Sekundarstufe, die Weiterentwicklung unserer Makerspace-Formate und der Community-Arbeit. Nach wie vor nimmt das Thema »Robotik und Coding« eine zentrale Stellung im Fachbereich ein, um Selbstwirksamkeit im »Making« zu Erproben und den Kindern und Jugendlichen gleichzeitig den Zugang zu neuen Tüftel- und Experimentierkonzepten zu ermöglichen.

Stück für Stück bauen wir unsere Kooperationen mit den weiterführenden Schulen im nahen Umfeld aus – wie zuletzt mit dem benachbarten Thomas-Mann-Gymnasium. Mit dem »Campus Hannah Höch« erproben wir die Möglichkeiten bibliothekspädagogischer Angebote im Rahmen des »Frei Day«-Konzepts von Margret Rasfeld.

Unser Projekt »Comics für Kinder – Kinder machen Comics« beruht auf einer Kooperation mit dem Jungen Literaturhaus im Literaturhaus Berlin e.V. Die Workshops und Ferienveranstaltungen mit Comicautorinnen und -autoren und Comiczeichnerinnen und -zeichnern sind äußerst gefragt. Die »Bärbeiß«-Ausstellung mit Bildern von Josephine Mark wurde von über 2 000 Besuchenden gesehen. Unseren Bestand an Kindercomics konnten wir im Rahmen dieses Projekts deutlich verjüngen und attraktiver gestalten.

Ein weiteres Herzensprojekt der Bibliothek im Märkischen Viertel ist die Konzeption und Durchführung der »Mini Manga Convention« als »kleine Schweste« der Mega Manga Convention.2 Diese Community-Messe findet seit vielen Jahren im Fontane-Haus statt, durfte aber 2025 erstmals auch unsere Bibliotheksräumlichkeiten mitbeleben. Unsere jungen Bibliotheksnutzer/-innen erhalten so auch in diesem Jahr wieder am Vortag der Messe die Möglichkeit, ohne MMC-Ticket eine ganze Bandbreite an Angeboten rund um Manga, Anime und Cosplay in der Bibliothek auszuprobieren. So wollen wir die kreative und bunte MMC-Welt näher an die Menschen im Kiez bringen, für die die Manga Convention bislang wie ein UFO mitten im Viertel gewirkt haben muss.

Nicht zuletzt bieten wir als Standort des VÖBB-Projekts »Digital Zebra« regelmäßige Sprechstunden zu den vielfältigen Hürden des digitalen Alltags an. Hier werden sprachliche wie technische Barrieren und soziale Gräben deutlich sichtbar. Die Nachfrage übersteigt inzwischen unsere Kapazitäten.3

Wir verstehen uns als engagiertes, neugieriges und lernbereites Team, das die Herausforderungen des Sozialraums nicht als Belastung, sondern als Auftrag begreift. Unsere Arbeit ist konsequent beziehungsorientiert, niedrigschwellig und radikal an den Bedarfen der Menschen im Viertel ausgerichtet. Wir wollen ein sicherer, offener und kreativer Ort für alle Zielgruppen sein – für Kinder, Jugendliche, Familien und ältere Menschen gleichermaßen.

 

Dass Bibliotheken gerade für junge Menschen wichtige Dritte Orte sind, bestätigt auch eine aktuelle Studie zu ihrer Rolle als soziale Treffpunkte.

 

DOI: 10.24403/jp.1550301

Julia Fertig hat in Berlin Russistik, sowie Bibliotheks- und Informationswissenschaft studiert. Nach Bremen, Greifswald und Moskau ist sie 2010 nach Berlin zurückgekehrt und seit 2015 beim Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins beschäftigt. Seit 2024 leitet sie die Stadtteilbibliothek im Märkischen Viertel des Berliner Bezirks Reinickendorf. 

Interessantes Thema?

Teilen Sie diesen Artikel mit Kolleginnen und Kollegen:

Kommentare

Nach oben