Stadtbibliothek Hannover gibt NS-Raubgut zurück

Die Provenienzforschung in Bibliotheken leistet einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur – ein Beispiel aus der Stadtbibliothek Hannover.
Restitution der Broschüre von Marta Galley, geb. Baruch, an ihren Erben: (von links) Kay Schweigmann-Greve, Justiziar der Landeshauptstadt Hannover; Robbert Baruch, Marta Galleys Großneffe; Jennifer Rohde, stellvertretende Direktorin der Stadtbibliothek Hannover. Foto: StB Hannover
Restitution der Broschüre von Marta Galley, geb. Baruch, an ihren Erben: (von links) Kay Schweigmann-Greve, Justiziar der Landeshauptstadt Hannover; Robbert Baruch, Marta Galleys Großneffe; Jennifer Rohde, stellvertretende Direktorin der Stadtbibliothek Hannover. Foto: StB Hannover

 

Seit 2017 sucht die Stadtbibliothek Hannover im Rahmen der Provenienzforschung in ihren Beständen nach NS-Raubgut. Zentrales Ziel der von der Stiftung »Deutsches Zentrum Kulturgutverluste« geförderten Arbeit ist es, die in der Zeit des Nationalsozialismus geraubten Bücher an ihre rechtmäßigen Eigentümer/-innen zurückzugeben.

Dies ist am 24. August im Fall einer Broschüre aus der Sammlung der Göttinger Buchhändlerin Marta Galley, geborene Baruch, gelungen. Galleys Großneffe Robbert Baruch reiste eigens aus den Niederlanden an, um den in der Stadtbibliothek Hannover ermittelten Band entgegenzunehmen.

Die Stadtbibliothek hatte Marta Galleys Broschüre 1946 aus dem Archiv des NSDAP-Gaus Südhannover-Braunschweig übernommen. In dem Band fand sich das Autogramm »Marta Baruch«. Aufgrund eines Schriftvergleichs des Autogramms mit einem handgeschriebenen Brief Marta Galleys (geb. Baruch) aus dem Jahr 1939 konnte sie als Eigentümerin der Broschüre identifiziert werden.



Marta Baruch, geboren 1907 in Göttingen, war gelernte Buchhändlerin. Von den Nationalsozialisten als Jüdin verfolgt, flüchtete sie mit ihrer Familie 1933 in die Niederlande. Baruchs Eltern Abraham und Bertha, geb. Jacobsohn, sowie ihre Schwester Hella wurden im Frühjahr 1943 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert. Hella wurde dort im April 1943 und ihre Eltern im Mai 1943 ermordet. Marta Baruchs Geschwister Siegfried (Friedl), Kurt und Johanne (Hanna) überlebten die Shoah. Ihr selbst gelang gemeinsam mit ihrem Ehemann Horst Galley und ihrem Sohn die Flucht in die USA. Dort wählte Marta 1959 den Freitod; ihr Ehemann starb im Jahr darauf.

Die in der Stadtbibliothek aufgefundene Broschüre wurde höchstwahrscheinlich im Zuge von Martas Flucht aus Deutschland 1933 von den NS-Behörden beschlagnahmt und gelangte so in das NSDAP- Gauarchiv und später in die Stadtbibliothek Hannover. Dem Wunsch ihrer Erben entsprechend, übernimmt Robbert Baruch, der ein Enkel von Martas Schwester Hanna ist, die Broschüre seiner Großtante stellvertretend für die Familie.

»Die Provenienzforschung in den Bibliotheken leistet einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur. Daher freuen wir uns, ein wichtiges Stück Erinnerung an Marta Galleys Familie zurückgeben zu können«, so Konstanze Beckedorf, Kulturdezernentin der Landeshauptstadt Hannover.

Marta Galleys restituierte Broschüre ist in der Provenienzdatenbank »Looted Cultural Assets« zu finden.

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