Buch trifft Kunst

Spannende Kooperation in Hannover: Die artothek ist zu Gast in der Stadtbibliothek und bietet über 100 wechselnde Bilder.
Das Portfolio umfasst mehr als 300 Werke junger Künstler/-innen überwiegend aus der Region Hannover. Foto: Stadtbibliothek Hannover

Seit dem 1. September können Leserinnen und Leser in der Stadtbibliothek Hannover auch Kunst im Original ausleihen und in den eigenen vier Wänden genießen. Für vier Monate gastiert die artothek Hannover in der Zentralbibliothek – eine für Hannover einzig­artige Kooperation, in der nicht nur Buch auf Kunst trifft. Entstanden ist ein lebendiger Ort der Begegnung, in dem die kulturelle Nähe von Bibliothek und Artothek erlebbar ist.

Kunst auszuleihen wie Bücher aus der Bibliothek, das ist die Mission der artothek Hannover. Sie ist wie die Bibliothek ein besonderer Ort, der den Menschen unabhängig von Einkommen und sozia­ler Schicht einen Zugang zu Bildung, insbesondere zu Bildender Kunst ermöglicht. Wer in der artothek Kunst ausleihen möchte, braucht eine Fördermitgliedschaft. Sie kostet regulär 60 Euro pro Jahr, für Auszubildende und Studierende 36 Euro.

Die artothek Hannover e. V. besteht seit zehn Jahren. Ihr Domizil befand sich bis vor Kurzem in einem Hinterhaus im hannoverschen Stadtteil List. Das Portfolio umfasst mehr als 300 Werke junger Künstler/-innen überwiegend aus der Region Hannover. Einen Schwerpunkt bil­dete anfangs die Outsider Art. Über 100 wechselnde Bilder befinden sich jetzt in den Räumlichkeiten der Zen­tralbibliothek.

Artotheken gibt es seit den frühen 1970er-Jahren in Deutschland. In vielen Städten sind sie fester Bestandteil kommunaler Bibliotheken. Bereits bei den Planungen für einen Anbau an die Zentralbibliothek Anfang der 1970er-Jahre gab es in der Stadtbibliothek Hannover Über­legungen, eine Artothek in die neu geschaffenen Räume zu inte­grieren. Man orientierte sich an der 1969 im Berliner Bezirk Tegel gegründeten Graphothek, die ein Vorreiter für weitere Gründungen in Angliede­rung an Öffentliche Bibliotheken war.

In einem Strategiepapier aus dem Jahr 1971 von A. Nottbrock, der damaligen Leiterin der Kunstabteilung, heißt es: »Hier noch ein Plan für den Neubau: ich habe mir in Berlin die bei­den aus der Presse schon bekannten Artotheken angesehen und finde die Idee, Graphi­ken und kleinere Kunstobjekte kostenlos auszuleihen, sehr nachahmenswert und zur Förde­rung des Kunstverständnisses ebenso geeignet wie Straßenkunst! – Berlin-Tegel übernahm die Anregung von der Partnerstadt Greenwich, der Neue Berliner Kunstverein zog nach (Fi­nan­zierung aus Mitteln der Klassenlotterie). Sollte sich Hannover nicht gut für einen ersten Ver­such dieser Art im Bundesgebiet eignen?«

Ästhetische Begegnungen ermöglichen

Dieser Plan wurde damals nicht verwirk­licht. Doch mit der jetzigen Kooperation, über 50 Jahre später, erfüllen sich nun langgehegte Träume. Zwei Dinge kamen hierbei zu­sammen: Die artothek Han­nover suchte übergangsweise ein neues Zuhause und die Stadt­bibliothek hatte einen Raum – die ehemalige Garderobe – neu geschaffen, der temporär von unterschiedlichen Gruppen bespielt werden kann. Anke Pauli, Gründerin und Geschäftsfüh­rerin der artothek Hannover, möchte mit ihrem Kunstangebot möglichst viele Leute errei­chen. Für Professor Tom Becker, Direktor der Stadtbibliothek, ist die Kooperation ein Schritt, die Stadtbibliothek noch stärker als kulturellen Ort der Begegnung in Hannover zu etablieren – eine Situation, von der beide gleichermaßen profitieren. »Stadtbibliothek und Artothek wollen Räume erlebbar machen und kulturelle Bildung zum An­fassen mitgeben. Ästhetische Begegnungen liefern, Irritationen ermöglichen, Wissen und In­spiration zum Ausleihen und Vor-Ort-erleben anbieten – das möchten wir in diesem Herbst gemeinsam realisieren«, beschreibt der Direktor die Intention der Kooperation. Anke Pauli, Gründerin und Geschäftsführerin der artothek Hannover freut sich über die Kooperation: »Es gibt viele gute Gründe für das Zu­sammenspiel von kommunalen Bibliotheken und Artotheken. Wie auch die Stadtbibliothek wollen wir unsere Rolle als teilhabeorientierter und kooperationsfreudiger Kulturort nach zehn Jahren in der List neu erfinden und etablieren. Es passt und wir freuen uns auf die gemein­same Zeit unter einem Dach.«

Ein besonderes Highlight war die Eröffnung am ZINNOBER-Wochenende, einer jährlich stattfindenden Veranstaltung, bei der Künstlerateliers, Galerien und Kunstinstitutionen das Publikum zum Stöbern und zu besonderen Kunstaktionen einladen. Gut besucht öffnete die Artothek den mit wenig Mitteln umgestalteten Garderoberaum als pop-up-Atelier. Und das Konzept geht auf: artotheks-Mitglieder nutzen die Bibliothek mal wieder und Bibliotheksbesucher/-innen entdecken überrascht und irritiert ein ihnen oft unbekanntes Angebot.

Diese Begegnungen wurden in den Niedersächsischen Herbstferien mit Workshops zu verschiedenen künstle­ri­schen Techniken in den Bibliotheksräumen durch das artotheks-Team aufgegriffen. Unter dem Motto »Blink, Blink« – »Zwinker, Zwinker« beschäftigte man sich mit Augen, die sehen, die Unterstützung brauchen, die Kon­takt aufnehmen, die flirten, die Verbindungen schaffen und einladen, miteinander ins Ge­spräch zu kommen. Mit der Unterstützung hannoverscher Künstlerinnen und Künstler wurde sich dem Thema malend, zeichnend, nähend und fotografierend angenähert. Für den Winter ist zudem eine Ausstellung in Koopera­tion mit akku e.V. – Autismus, Kunst und Kultur mit einem umfangreichen Rahmenprogramm geplant – es geht also spannend weiter.

 

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